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Experiment an Gesunden

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Humane Papillom-Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen.
Humane Papillom-Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen. © FR-Grafik

Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs scheidet die Geister - ein Bundesausschuss fordert die zuständige Impfkommission auf, die Studienlage zu prüfen.

Von BIRGITTA VOM LEHN

Die erste Impfung gegen Krebs sorgt weiter für Auseinandersetzungen. Seit 2007 die Impfung gegen Humane Papillomviren (HPV), die Gebärmutterhalskrebs auslösen können, Kassenleistung ist, reißen die kritischen Stimmen nicht ab. Das hat sich auch nicht geändert, als Harald zur Hausen, geistiger Vater der Impfung, Ende 2008 dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Die Impfung reißt längst auch dicke Löcher in die Budgets der Krankenkassen und zwingt sie zum Handeln - der Impfstoff ist mit rund 500 Euro hierzulande so teuer wie nirgends sonst auf der Welt. Techniker und Barmer, die als erste die Impfung bezahlt haben, melden sich inzwischen mit einer gemeinsamen Broschüre zu Wort, in der auch kritische Töne angeschlagen werden.

Judith Storf, die als Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientenstellen beim Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (GBA) vor zwei Jahren das Bewilligungsverfahren der Impfung miterlebt hatte, wundert sich noch heute: "So schnell wurde beim GBA noch nichts durch gewunken." Doch jetzt scheint der GBA zurückzurudern. Kurz vor Weihnachten forderte GBA-Vorsitzender Rainer Hess die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) auf, die Studienlage noch einmal kritisch zu bewerten. Wegen der "rechtlichen Verantwortung" des GBA müsse "die Kosten-Nutzen-Relation stimmen, aber genau darüber gibt es Streit", sagte Hess.

Der volkswirtschaftliche Nutzen der HPV-Impfung sei ohnehin noch nicht belegt, ergänzte Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut, das an der Zulassung der Impfstoffe nur indirekt beteiligt war. Die direkte Zulassung des ersten Impfstoffs Gardasil von Sanofi Pasteur MSD erfolgte im September 2006 durch die Europäische Kommission, im darauf folgenden Sommer erhielt auch GlaxoSmithKline (GSK) für sein Präparat Cervarix grünes Licht. Mit lukrativen Folgen: Sanofi-Pasteur machte mit Gardasil binnen einen Jahres 217 Millionen Euro Umsatz, Cervarix bescherte GSK immerhin 14,4 Millionen Euro.

Ein neuer Blockbuster, urteilt der Bremer Arzneimittelexperte Professor Gerd Glaeske. Glaeske kritisiert aber die unvollständige Studienlage und die Tatsache, dass die Impfung an 16- bis 26-Jährigen getestet worden sei, nun aber für Zwölf- bis 14-Jährige empfohlen werde. "Zu früh und zu schnell" sei die Impfung eingeführt worden, ärgert sich Glaeske. Mit dieser Haltung steht er nicht allein da.

Mitte Dezember haben 13 renommierte deutsche Forscher ein Manifest unterschrieben, indem sie die Stiko zur Neubewertung der Impfung aufforderten. Die "lebenslange Impfeffektivität", von der die Stiko spreche, sei durch keine einzige Studie belegt, kritisierten sie. Die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin, Professor Ingrid Mühlhauser, spricht gar von einem "unkontrollierten Experiment an der gesunden Bevölkerung", weil qualifizierte Begleitforschung fehle.

Wie groß ist der Nutzen nun tatsächlich? Die Stiko geht davon aus, dass in 70 Prozent der Fälle die Hochrisiko-Virentypen HPV 16 und 18 - und nur gegen diese Typen schützt die Impfung zu 100 Prozent - Gebärmutterhalskrebs verursachen und sie kommt deshalb zu der optimistischen Einschätzung, dass die Impfung 70 Prozent der Gebärmutterhalskrebsfälle verhindern kann.

Analysen, die die Bundesregierung im Mai 2008 als "Drucksache 16/9302" veröffentlichte, zeigen für Deutschland allerdings ganz andere Zahlen: Eine Untersuchung bei 8101 Frauen in Tübingen und Hannover im Jahr 2007 ergab etwa, dass nur 35 Prozent der insgesamt 6,4 Prozent Hochrisikotyp-infizierten Frauen mit den aggressiven Typen 16 oder 18 infiziert waren. Zehn Jahre zuvor wurde in Berlin bei jeder fünften von insgesamt 5022 untersuchten Frauen zwischen 20 und 40 Jahren eine HPV-Infektion nachgewiesen: Dort handelte es sich sogar in nur 6,3 Prozent der Fälle um die gefürchteten Typen 16 oder 18.

Was zudem für die Niedrigrisiko-Virentypen gilt, dass sie nämlich meist ganz von allein wieder verschwinden, gilt übrigens auch für die Hochrisiko-Typen. Schließlich entwickelt sich nicht jeder simple Schnupfen zur schweren Lungenentzündung. Ob die Viren gefährlich werden, hängt zudem weitgehend vom Immunsystem und damit auch vom Lebensstil der Frau ab: Rauchen, jahrelange Einnahme der Pille oder anderer Medikamente, die die Immunabwehr beeinflussen, schlechte Ernährung und ein ausschweifendes Sexleben in sehr jungen Jahren, in denen das weibliche Immunsystem noch nicht ausgereift ist, erhöhen die Gefahr, dass die Virusinfektion chronisch wird und sich zu bösartigem Krebs entwickelt.

Um dieses Risiko zu bannen, macht der Frauenarzt einen Zellabstrich bei der jährlichen Früherkennung - auf die auch Geimpfte übrigens weiterhin nicht verzichten dürfen, denn der Schutz vor Gebärmutterhalskrebs ist ja nicht vollständig.

Ein anderes Problem der Impfung betrifft das so genannte "Replacement". Darauf machte im August 2008 die norwegische Immunforscherin Charlotte Haug im New England Journal of Medicine aufmerksam. Es gebe Hinweise, schrieb sie, dass eine Unterdrückung der aggressiven HPV-Viren 16 und 18 andere Krebsvorstufen beschleunigen könnte. Man kennt dieses Replacement von Bakterien. "Theoretisch" sei das zwar möglich, entgegnete die Stiko, werde aber von Experten "eher als unwahrscheinlich angesehen". Bisher lägen "keine Daten vor, die ein solches Phänomen statistisch eindeutig belegen würden".

In einer Antwort der Bundesregierung vom 28. Mai 2008 auf eine Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen hieß es allerdings: "Im Zulassungsverfahren von Gardasil hat sich gezeigt, dass in der Impfstoffgruppe 5,5 Prozent häufiger onkogene HPV-Typen außer HPV 16/18 nachgewiesen wurden als in der Placebogruppe." Auch Haug berichtet von Studien, die zumindest in diese Richtung weisen.

Neben fachlichen Bedenken sind die zum Teil handfesten Interessenverquickungen Wasser auf die Mühlen der Skeptiker. Die neue Impfung ist schließlich auch ein Ergebnis der jahrelangen Arbeit des Heidelberger Krebsforschers Professor Harald zur Hausen. Seine in der Tat bahnbrechende Entdeckung, dass Viren Krebs verursachen können, belohnte das Nobelpreiskomitee in Stockholm im vergangenen Jahr mit dem Medizinnobelpreis. Glaeske fragt sich allerdings, warum der Preis ausgerechnet jetzt, wo der Impfstoff auf dem Markt sei, verliehen wurde - die eigentliche Erfindung liege ja schon 20 Jahre zurück.

Ein Dilemma auch, als pünktlich zur Preisverleihung im Dezember bekannt wurde, dass der Pharmakonzern Astra Zeneca, Patentinhaber der beiden HPV-Impfstoffe, Hauptsponsor der Nobelpreisunternehmen Nobel Media und Nobel Webb war. Dank der Ehrung zur Hausens könne Astra Zeneca nun mit astronomischen Einnahmen rechnen, prophezeien Beobachter. Ist es ein Zufall, dass nahezu zeitgleich in Rom der australische Forscher Ian Frazer für die Entwicklung des HPV-Impfstoffs einen zwar nicht so populären, aber mit einer Million Schweizer Franken pekuniär durchaus ebenbürtigen Preis - den Balzan-Preis - erhielt?

Die Pharmalobby mischt kräftig mit beim Thema HPV. "Zervita": So heißt ein Aufklärungsportal zum Thema Gebärmutterhalskrebs. Die Gründung der Projektgruppe im Jahr 2006 - also exakt im Jahr der ersten Impfstoffzulassung - geht auf eine Initiative des Tübinger Virologen Professor Thomas Iftner zurück. Seit vergangenem November ist Bundesforschungsministerin Annette Schavan Zervita-Schirmherrin. Damit sei Zervita nun "noch stärker in die Gesundheitsinformationslandschaft in Deutschland eingebunden", freuen sich die Zervita-Akteure.

Der einzige Ratschlag an junge Mädchen zum Thema Gebärmutterhalskrebs lautet hier übrigens: "Mädchen sollten sich möglichst vor dem ersten Sex impfen lassen und Jungen sollten Kondome benutzen". Dies wird als "verantwortungsvolles Handeln" proklamiert. Kein Wunder, denn die Hauptsponsoren von Zervita heißen GSK und Sanofi Pasteur MSD. Die Bremer Frauenbeauftragte Ulrike Hauffe nennt die vermittelte Botschaft "katastrophal: Sie setzt Mütter und Töchter unter Druck. Nach dem Motto: Man ist selbst schuld, wenn man Krebs bekommt, denn man hätte sich ja impfen lassen können." Dass Sex Krebs auslöse, sei eine Botschaft, die sie selbst ihren Töchtern nicht vermitteln möchte, sagt Hauffe.

Ohnehin ist Gebärmutterhalskrebs nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts in Deutschland eine eher seltene Krebserkrankung bei Frauen, die weit abgeschlagen auf Rang zehn liegt. Es sei fast so, murmelt ein Kritiker sarkastisch, als wenn in unseren Breitengraden ein flächendeckendes Impfprogramm gegen Malaria gestartet würde.

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