Die elektronische Zigarette kann ebenso wie der klassische Glimmstängel Paradontitis – eine bakterielle Zahnfleischentzündung – hervorrufen.
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Die elektronische Zigarette kann ebenso wie der klassische Glimmstängel Paradontitis – eine bakterielle Zahnfleischentzündung – hervorrufen.

Rauchen

Die ewige Debatte um das Dampfen

  • Jakob Maurer
    vonJakob Maurer
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Suchtforschende sehen in der E-Zigarette eine Chance, doch die Politik bleibt skeptisch.

Die eigene Willenskraft oder die Kontrolle durch das soziale Umfeld: Immer noch vertrauen in Deutschland laut einer Langzeit-Befragung zum Rauchstopp durch Suchtforschende der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf die meisten Menschen auf eine der beiden Methoden, wenn sie mit dem Rauchen aufhören wollen. Für viele der hierzulande rund 17 Millionen Raucherinnen und Raucher ist es ein ewiger Kampf. Deutschland ist im internationalen Vergleich weiterhin ein Hochkonsumland, in dem jährlich rund 120 000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben.

Eine Methode der Rauchentwöhnung, die international an Zustimmung gewinnt und auch in der deutschen Rauchstopp-Umfrage bereits von gut zehn Prozent genannt wird, ist der Umstieg auf die E-Zigarette. Auch wenn die Verdampfer immer wieder auf Skepsis stoßen, zeigen Studien, dass diese Alternative deutlich weniger schädlich ist. Durch das Verdampfen anstelle des Verbrennens werden demnach erheblich weniger toxische Stoffe freigesetzt.

Bei der dritten Fachtagung zur E-Zigarette des Instituts für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) rund um den Weltnichtrauchertag Ende Mai haben die Teilnehmenden deshalb ihren Appell an Politik und Gesellschaft erneuert, das Potenzial der Verdampfer stärker zu beachten. An zwei Veranstaltungstagen machte die in Expertenrunde und Podiumsdiskussion mit der Politik zweigeteilte Web-Konferenz jedoch deutlich, dass die Meinungen zu diesem Thema weiterhin auseinandergehen.

Den ersten Teil der vom Frankfurter Suchtforscher Heino Stöver initiierten Fachtagung überstrahlte eine Botschaft: Die E-Zigarette kann als Alternative zur gewöhnlichen Zigarette Leben retten – doch dieses Potenzial kommt nicht bei den Rauchern in Deutschland an. „Es gibt nur sehr geringes Wissen über die gesundheitlichen Vorteile der E-Zigarette in Deutschland“, konstatierte Stöver.

Der Berliner Lungenfacharzt Thomas Hering unterfütterte dies mit Zahlen einer Umfrage des Bundesamts für Risikobewertung: Demnach schätzt eine Mehrheit der Zigarettenraucher die gesundheitlichen Risiken der E-Zigarette mindestens gleich oder sogar höher ein als die der herkömmlichen Zigarette. „Das ist mit großer Wahrscheinlichkeit eine gravierende Fehleinschätzung“, konstatierte Hering.

Er stellte klar: „Nullkonsum ist das Wünschenswerteste überhaupt.“ Doch wenn ein Patient gar nicht aufhören könne, sei ein Umstieg auf die E-Zigarette besser als nichts.

Eine Gefahr, die neben Hering auch der Karlsruher Gefäßchirurg Martin Storck hervorhob, ist der sogenannte „dual use“, das abwechselnde Konsumieren von Zigarette und E-Zigarette. Es sei falsch zu glauben, „je weniger ich rauche, desto weniger gesundheitliche Folgen drohen mir“, warnt Storck. Selbst drei bis fünf Zigaretten täglich begleitend zum Verdampfer kämen laut Studien einem hohen Risiko gleich. Einen Schritt weiter geht die Sozialwissenschaftlerin der Frankfurt UAS, Daniela Jamin, die 2018 gemeinsam mit Heino Stöver das Übersichtswerk „Ratgeber E-Zigarette“ zum Umstieg vom Rauchen auf das Dampfen veröffentlichte. Sie arbeitet an Konzepten, das Potenzial der E-Zigarette nicht nur individuell, sondern auch im betrieblichen Kontext zu nutzen. In ihrem Beitrag plädierte sie dafür, die volkswirtschaftlichen Folgeschäden des weit verbreiteten Rauchens als Anlass zu nehmen, das Dampfen innerbetrieblich mit Infoveranstaltungen zu bewerben. Hilfreich bei der Umstellung sei dabei, dass psychosoziale Faktoren durch die Nutzung der E-Zigarette abgedeckt würden: Anders als etwa bei Nikotinpflastern bleibe die gewohnte Hand-Mund-Bewegung und der Rauch, die Geselligkeit, etwa durch gemeinsame Raucherpausen, sowie der Genussfaktor erhalten.

So funktioniert es:

Im Gegensatz zur herkömmlichen Zigarette wird bei der E-Zigarette kein Tabak verbrannt, sondern über einen elektrisch beheizten Metalldraht eine Flüssigkeit verdampft. Man raucht nicht, man dampft. Darum werden die Bezeichnungen E-Zigarette und Verdampfer – wie im begleitenden Text – häufig synonym verwendet.

Genau genommen meint das Wort „Verdampfer“ aber nur das beschriebene Bauteil und „Herzstück“, den
Verdampferkopf. Wenn der Benutzer am Mundstück zieht und den Knopf zum Beheizen der Heizspule drückt, kann der dort produzierte Dampf per Luftstrom inhaliert oder gepafft werden. jjm

„Wir sehen die Chancen, aber auch die Gefahren“ – so brachte der SPD-Bundestagsabgeordnete Rainer Spiering im zweiten Teil der Fachtagung, einer politischen Podiumsdiskussion via Videochat, die Skepsis auf den Punkt. Große Bedenken bestehen hinsichtlich der für Verdampfer verwendete Flüssigkeiten: „Die Liquids sind in ihrer Zusammensetzung noch nicht gesetzlich kontrolliert.“

Tatsächlich gibt es immer wieder neue Erkenntnisse. Forscher der Ohio State University, eine der größten Hochschulen der USA, kamen kürzlich beispielsweise zum Ergebnis, dass Dampfen ebenso wie Rauchen zur Entwicklung von Parodontitis – bakteriell bedingte chronische Entzündungen des Zahnbetts – beiträgt.

„Unsere Daten zeigen, dass E-Zigaretten einen starken schädigenden Effekt auf das Ökosystem unter dem Zahnfleisch ausüben“, schreiben sie im Fachblatt „Science Advances“.

Wenige Tage vor der Podiumsdiskussion hatte Spiering im Bundestag angekündigt, die Koalitionsfraktionen würden „einen Entschließungsantrag einbringen, mit dem wir die wissenschaftlichen Einrichtungen des Bundes auffordern, die Inhaltsstoffe sowohl im Tabakbereich als auch im wenig erforschten Bereich der Verdampfer genau, konsequent und andauernd unter die Lupe zu nehmen.“ Bislang gibt es noch keine Langzeitstudien.

Im Bundestag war am 29. Mai über den Gesetzentwurf für ein generelles Tabakwerbeverbot debattiert worden – nach jahrelangem Widerstand vor allem der Union und FDP soll dies nun beschlossen werden. Bis 2024 soll Werbung für klassischen Tabak, Verdampfer und E-Zigaretten schrittweise von Plakaten verschwinden.

Sorge bereitet der Blick in die USA, wo E-Zigaretten vor allem bei Jugendlichen als hippes Lifestyle-Produkt punkten. In der Podiumsdiskussion sahen die Bundestagsabgeordneten Niema Movassat, suchtpolitischer Sprecher der Linken, und Stefan Schmidt von den Grünen deswegen in der Werbung für Verdampfer ebenfalls die Gefahr, neue Konsumenten zu „rekrutieren“, als die Chance, bisherige Raucher und Raucherinnen zum Umstieg auf das Dampfen zu bewegen.

Schmidt und Mossavat schlugen deshalb vor, verstärkt Ärztinnen und Ärzte für Beratungsgespräche zum Umstieg auf die E-Zigarette zu schulen. Diesen müsse man mitgeben, dass dies für Tabakrauchende eine deutliche Verbesserung darstelle, forderte Schmidt. Das fand bei Suchtforscher Stöver Anklang, der moderierte, jedoch hielt Spiering mit Unterstützung des FDP-Bundestagssprechers Gero Hocker dagegen: „Ich halte es nicht für ungefährlich, was Sie sagen.“ Ein Produkt mit öffentlichen Geldern zu fördern, das gesundheitsschädlich sei, sich selbst am Markt halten könne und vonseiten der Hersteller nicht per se auf das Image der Rauchentwöhnung aus sei, könne verfassungswidrig sein, widersprach Spiering.

Die Fronten bleiben verhärtet. Beim Kampf gegen das Rauchen wird es vorerst bei der Entscheidung der Einzelperson bleiben.

Ein Team der Frankfurt University of Applied Sciences ist Teil eines Projekts zu Medikamentenmissbrauch. Können Opioide auch in Deutschland ein Problem werden?

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