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In Europa speichern Feuchtgebiete wie das Hochmoor Wurzacher Ried in Oberschwaben fünfmal mehr CO2 als Wälder. 

Feuchtgebiete

Europas Moore vertrocknen

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Fast alle Moore Europas sind durch Eingriffe des Menschen beeinträchtigt. Der Klimawandel verstärkt den Druck auf diese CO2-reichen Ökosysteme noch.

In Mooren wimmelt es von Mikroorganismen: Vor allem Schalenamöben fühlen sich dort wohl und kommen zuhauf vor. Weil die tierischen Einzeller aber – anders als beispielsweise vom Wind fortgetragener Pollen – an der Stelle in Bodenschichten eingelagert wurden, wo sie sich schon zu Lebzeiten aufhielten, sind sie besonders interessant für Wissenschaftler. Anhand von Bohrkernen aus Mooren lassen sich aus der Zahl der Schalen abgestorbener Amöben Rückschlüsse auf die Schwankungen des Wasserspiegels in Mooren ziehen.

Das haben sich jetzt Forscher der Universitäten Leeds und Belfast zunutze gemacht. „Schalenamöben mit bekannten hydrologischen Präferenzen versteinern und können oft gut durch das Mikroskop erkannt werden“, sagt Maarten Blaauw von der Universität Belfast gegenüber der Frankfurter Rundschau. Aus den Vorkommen der Schalenamöben lassen sich frühere Grundwasserspiegel der Moore rekonstruieren. Solche Daten wurden für einzelne Moore schon veröffentlicht. In einer Meta-Analyse, die nun im Fachmagazin „Nature Geoscience“ erschienen ist, haben die Forscher diese Rekonstruktionen für 31 Moore in Großbritannien, Irland, Skandinavien und Kontinentaleuropa ausgewertet.

Demnach vertrocknen Europas Moore weiträumig. Die Studie ergab, dass die meisten Moore in der Zeit zwischen 1800 und 2000 trockener geworden sind als in den vergangenen 600 Jahren. 40 Prozent der untersuchten Feuchtgebiete sind trockener als in den vergangenen 1000 Jahren, 24 Prozent sogar so trocken wie seit 2000 Jahren nicht.

Umweltschützer überraschen die Ergebnisse nicht. „Lediglich fünf Prozent der Moore in Deutschland gelten als naturnah“ sagt Felix Grützmacher, Referent für Moorschutz beim Umweltverband Nabu. 95 Prozent der hiesigen Moore seien entwässert und damit „tot“.

Ursächlich für das massive Trockenfallen sind aus Sicht der Forscher menschliche Eingriffe in die Moore sowie der Klimawandel. „Der Grund für das Austrocknen ist sehr wahrscheinlich ein Mix aus einem heißer und trockener werdenden Klima sowie direkten Eingriffen der Menschen, wie Entwässern, Roden, Abbrennen und Beweiden“, erläutert Blaauw. Gesunde Moore haben ein außergewöhnliches Potenzial, CO2 aus der Atmosphäre zu binden und zu speichern. Sie gelten als eine der wichtigsten Kohlenstoffsenken der Erde. In Europa speichern diese Ökosysteme fünfmal mehr CO2 als Wälder.

Naturschutz
„Moore müssen nass sein, um wachsen zu können und so ihre Funktionen für Klima-, Natur- und Gewässerschutz erfüllen zu können“, sagt Nabu-Moorexperte Felix Grützmacher. Es kommt aber darauf an, wie wiedervernässt wird. „Aus einem ohne Nachdenken wiedervernässten Moor kann in den ersten Jahren sehr viel Methan entweichen“, warnt auch der Klima-forscher Hartmut Graßl. Methan ist ein starkes Treibhausgas.

Verbraucher sollten unbedingt torffreie Blumenerde für ihren Garten oder den Balkon verwenden. Auch in „Bioerde“ kann Torf enthalten sein. „Bio“ bedeutet lediglich, dass organischer Dünger enthalten ist.

Doch der zweifache Druck auf die Feuchtgebiete könnte dazu führen, dass die natürlichen Prozesse kippen. Die Moore würden dann CO2 freisetzen, statt es zu speichern.

Im Lichte einer weiteren Studie, die ebenfalls in „Nature Geoscience“ veröffentlicht wurde, könnte diese Entwicklung erhebliche Konsequenzen haben. Demzufolge könnten die Moore der nördlichen Hemisphäre doppelt so viel Kohlenstoff enthalten wie bislang angenommen. Die Forscher der New Yorker Columbia-Universität schätzen die gespeicherten Kohlenstoffvorräte in Mooren auf der Nordhalbkugel auf mehr als 1000 Milliarden Tonnen. Frühere Studien rechneten noch mit 545 Milliarden Tonnen Kohlenstoff.

Während die Wissenschaft bislang davon ausging, dass Moore in den vergangenen tausend Jahren Kohlenstoff mit der gleichen Geschwindigkeit und Intensität gebunden haben, haben die Forscher jetzt spezifische Akkumulationsraten für einzelne Moorgebiete ermittelt.

„Die Kollegen haben fast alle Daten dazu zusammengetragen und dadurch besser kategorisieren können, als das früher der Fall war“, sagt der Klimaforscher Hartmut Graßl über die Studie, an der er nicht beteiligt war.

Die Bandbreite sei dennoch sehr hoch – wie oft bei Paläoklimadaten – und habe für die Erklärung der heutigen Klimaänderungen keine unmittelbaren Auswirkungen, jedoch für Klimaprojektionen in die Zukunft.

Erhöhen könnte sich Hartmut Graßl zufolge die Bedeutung der Emissionen aus tauenden Permafrostböden und den teilweise austrocknenden Mooren außerhalb der ganz hohen Breiten.

Weil die Kohlenstoffspeicherung in Mooren also wahrscheinlich höher als bisher angenommen ist, braucht es laut Graßl für eine klimaneutrale Welt – im Paris-Abkommen für die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts verankert – eine deutlich stärkere Kohlenstoffspeicherung in Böden. Bei den infolge des Klimawandels erhöhten Niederschlägen in hohen nördlichen Breiten könne das Binden des Kohlenstoffs aber auch besonders wirksam erfolgen.

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