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Ein Sentinel-2-Satellit überträgt Daten per Laser zur Erde.

Weltraum

Europäische Raumfahrt nimmt Erde in den Fokus

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Europas Weltraumorganisation Esa baut Programme aus, die Gefahren aus dem All frühzeitig erkennen sollen. Besonders im Fokus stehen "erdnahe" Objekte, vor allem kleine Himmelskörper wie Asteroiden.

Dem Schutz der Erde gilt in diesem Jahr die Hauptaufmerksamkeit der europäischen Weltraumorganisation Esa – ein Kontrast zu 2016, als mit dem Abschluss von Rosettas Reise zum Kometen und dem Start von ExoMars zum roten Planeten zwei große Missionen zur Erkundung des Weltraums im Mittelpunkt standen. Gefährlich für Menschen, Tiere und Umwelt können sowohl Naturereignisse werden, die sich auf der Erde abspielen, als auch Objekte und Wetterphänomene aus dem All. Solche potenziellen Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und dann (hoffentlich) auch abwehren zu können – diesem Ziel dient das Esa-Programm „Space Situational Awareness“ zur Weltraumlage-Erfassung.

Der Esa-Ministerrat beschloss Anfang Dezember in Luzern, die Mittel für dieses Projekt in den nächsten drei Jahren mehr als zu verdoppeln: von 47 Millionen auf 100 Millionen Euro, wie Rolf Densing, Esa-Direktor für den Missionsbetrieb, gestern bei der Jahresauftakt-Pressekonferenz des Raumfahrtkontrollzentrums Esoc in Darmstadt erklärte. Insgesamt hatten die Minister der Esa 10,3 Milliarden Euro bewilligt.

Besonders im Fokus stehen dabei „erdnahe Objekte“, vor allem kleine Himmelskörper wie Asteroiden, deren Einschläge auf der Erde Verheerendes anrichten könnten – und das in der Vergangenheit auch schon getan haben: So gehen viele Wissenschaftler davon aus, dass der Aufprall eines Meteoriten vor 65 Millionen Jahren zum Aussterben der Dinosaurier führte, weil es zu Flutwellen und durch enormen Staub zu einer monatelangen Verdunklung des Himmels und saurem Regen kam.

Die jüngste folgenreiche (wenn auch nicht ganz so dramatische) Begegnung mit einem Gesteinsbrocken aus dem Weltall liegt erst vier Jahre zurück: Am 15. Februar 2013 trat ein kleiner Asteroid über Sibirien in die Erdatmosphäre ein und brach auseinander. Das wiederum verursachte eine starke Druckwelle, durch die mehrere tausend Gebäude beschädigt wurden, vor allem Glas zerbarst. Rund 1500 Menschen wurden verletzt.

Das erste „Fliegenauge-Teleskop“

Zwei neue Teleskope sollen in Zukunft helfen, Himmelskörper, die in der Nähe unseres Planeten unterwegs sind, besser erforschen zu können: Das erste „Fliegenauge-Teleskop“ soll voraussichtlich bis 2019 in Sizilien oder Spanien platziert werden, sagt Rolf Densing. Zusätzlich plant die Esa, in Chile ein Test-Teleskop aufzubauen. Außerdem, so der Esa-Direktor, trage auch die 2013 gestartete Gaia-Mission zur Kartierung von Sternen in unserer Milchstraße dazu bei, „Asteroiden zu identifizieren, die sich der Erde nähern könnten.“

Vorerst nicht realisiert wird indes eine Mission in Partnerschaft mit der US-Weltraumbehörde Nasa, bei der konkret die Abwehr eines Asteroiden erprobt werden sollte; für dieses Projekt, das viele Wissenschaftler aus Sorge vor einem Einschlag befürworten, gab der Esa-Ministerrat kein Geld.

Aufgebaut werden soll in diesem Jahr hingegen eine neue Weltraumwetter-Mission zum Lagrange-Punkt 5 (der einen bestimmten Ort zwischen Erde und Sonne bezeichnet). Denn auch Wetterphänomene, die sich im All abspielen, könnten uns Probleme bereiten. So können Sonnenaktivitäten Satelliten schädigen und auf der Erde für Blackouts sorgen, etwa auf Flughäfen, erklärt Rolf Densing: „Es ist wichtig zu wissen, was da auf uns zukommen könnte.“

Allerlei Schäden könnte zudem Weltraumschrott anrichten, der sich zuhauf im Orbit tummelt, darunter etwa 18 000 Teile, die laut dem Esa-Direktor größer sind als ein Fußball, weiter rund 750 000 Teile, die größer als ein Zentimeter sind – und Millionen winziger Splitter. Auf der Erde sei in 60 Jahren Raumfahrt bislang nie etwas Schlimmes durch diesen Weltraummüll, der unter anderem aus Fragmenten von Satelliten oder abgebrannten Raketenstufen besteht, passiert, betont Densing. Denn die meisten Stücke verglühen beim Eintritt in die Atmosphäre. Bei größeren Teilen indes ist ein Unglück nicht völlig auszuschließen –– und kleinere können die Satelliten im Orbit schädigen. So kollidierte etwa ein Fragment mit einer Solarpaneele eines Sentinel-Satelliten zur Erdbeobachtung, erzählt Paolo Ferri, Leiter des Missionsbetriebs bei der Esa. „Wir brauchen dringend und Kartierung dieser Rückstände und eine Regulierung ähnlich wie bei der Flugsicherung“, sagt Rolf Densing. Europa sei in dieser Beziehung im Hintertreffen. Mit dem Problem Weltraumschrott werden sich bei einer internationalen Konferenz im Darmstädter Kontrollzentrum vom 18. bis 21. April rund 400 Experten auseinandersetzen.

Der nächste Start eines Esa-Satelliten ist auf den frühen Morgen des 7. März terminiert. Dann soll Sentinel-2B vom Raumflughafen Kourou in Französisch-Guayana aus ins All geschossen werden. Ihm werden im Juni Sentinel-5P und im November Sentinel-3B folgen. Alle drei sind Teil des Copernicus-Programms zur Erdbeobachtung. Die Wächter im All können dabei vieles: Vorhersagen über das Wetter, die Meeresbewegungen und Höhen von Wellen treffen oder auch prognostizieren, wie gut eine Ernte ausfallen wird. Ihnen entgeht nicht, wo Regenwald abgeholzt wird und Landstriche veröden. Und sogar als Beweismaterial vor Gericht taugen die Bilder: Daten der Esa-Satelliten konnten aufdecken, dass der Millenium Tower in San Francisco, ein Hochhaus mit 58 Stockwerken, jedes Jahr um eine Zentimeter absinkt.

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