Internationale Weltraummission

USA und Europa testen Asteroiden-Abwehr für den Ernstfall im All

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Himmelskörper aus dem All können gigantische Schäden auf der Erde verursachen. 2021 startet deshalb eine europäisch-amerikanische Mission zur Abwehr von Asteroiden.

  • Die Weltraumbehörden ESA und NASA bauen ein gemeinsames Asteroiden-Abwehrsystem.
  • Die Raumsonden „Hera“ aus Europa und „Dart“ aus den USA arbeiten zusammen.
  • Eine heftige Kollision soll den Asteroiden „Didymoon“ aus der Bahn werfen.

Darmstadt/Washington D.C. – Der bekannteste und verheerendste Besuch aus dem All ist schon ziemlich lange her: Vor rund 65 Millionen Jahren schlug ein großer Asteroid im heutigen Mexiko ein und trug dazu bei, dass die Dinosaurier ausstarben. Eine Katastrophe von solchem Ausmaß hat sich seither nicht mehr ereignet, doch auch schon kleinere Kollisionen könnten Verheerendes anrichten. 2013 etwa verletzten sich 1.500 Menschen in Sibirien durch herumfliegende Trümmer als Folge einer Druckwelle, die das Zerbersten eines Meteors in der Atmosphäre verursacht hatte.

Weltraumbehörde:Europäische Weltraumorganisation
Zentrale:Paris, Frankreich
CEO:Johann-Dietrich Wörner (1. Juli 2015–)
Vorsitz:Johann-Dietrich Wörner (Generaldirektor)
Gründung:30. Mai 1975, Europa
Französische Bezeichnung:Agence spatiale européenne
Gründer:Deutschland, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich, Niederlande, Spanien, Schweiz, Schweden, Belgien, Dänemark

Europa und USA wollen gefährliche Asteroiden abwehren – Vertrag für Weltraum-Mission unterzeichnet

Selten ist es nicht, dass Gesteinsbrocken aus den Tiefen des Sonnensystems der Erde nahe kommen, erst vor zwei Wochen flog ein Asteroid in nur 120.000 Kilometern Entfernung vorbei. „Es ist nicht die Frage, ob etwas passiert, sondern wann“, sagt Rolf Densing, Leiter des Satellitenkontrollzentrums der Europäischen Weltraumorganisation ESA in Darmstadt. Um für diesen Tag X vorbereitet zu sein, testen die ESA und die US-Raumfahrtbehörde NASA in einer gemeinsamen Mission mit Namen „Aida“ (Asteroid Impact & Deflection Assessment) erstmals die Abwehr eines Asteroiden und damit eine mögliche Verteidigung der Erde.

Kleine Himmelskörper

Asteroiden sind Brocken, die größtenteils aus Gestein bestehen. Sie gelten als „Reste“ aus der Frühphase unseres Sonnensystems, als die Planeten entstanden. Wie diese kreisen sie um die Sonne, sind aber wesentlich kleiner. Besonders viele Asteroiden befinden zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter. Insgesamt gibt es vermutlich mehrere Millionen Asteroiden im Sonnensystem.

Meteoriten sind kleiner als Asteroiden. Kometen bestehen vor allem aus Wasser, Eis und Staub.

Bei der ESA gibt es eine Risikoliste mit 1086 Objekten, bei denen die Wahrscheinlichkeit größer als Null ist, dass sie die Erde treffen. Ganz oben steht der 8 Meter große Asteroid 2010RF12. Bei ihm liegt laut ESA die Möglichkeit, dass er im Jahr 2095 mit der Erde kollidiert, bei 1:14.

Das Projekt stand von europäischer Seite lange auf der Kippe, 2016 lehnte der Ministerrat der 22 ESA-Mitgliedsstaaten die Finanzierung ab, bewilligte sie Ende 2019 dann aber doch. Am Dienstag wurde der Vertrag mit dem Generalunternehmer OHB aus Bremen über knapp 130 Millionen Euro für das Design, die Fertigung und das Testen der europäischen Sonde im Darmstädter Kontrollzentrum unterzeichnet.

Die US-Sonde „Dart“ soll im Juli 2021 starten, die europäische „Hera“, benannt nach der griechischen Göttin der Ehe, ihr drei Jahre später folgen. Der Start ist für Oktober 2024 vom Raumflughafen Kourou in Französisch-Guyana aus vorgesehen. Ziel beider Flugkörper ist der Doppelasteroid Didymos, von denen der größere der beiden Himmelskörper einen Durchmesser von 780 Metern hat und von einem kleineren umkreist wird wie die Erde vom Mond. Dieser zweite Asteroid, Dimorphos oder auch Didymoon genannt, hat etwa die Ausmaße der Pyramide von Gizeh und benötigt für die Runde um seinen Bruder zwölf Stunden.

Kollision mit Asteroid in zwei Jahren – NASA und ESA starten gemeinsame Abwehrmission

Beide Himmelskörper gehören zu den kleinen Asteroiden. Doch gerade diese können sehr gefährlich werden, erklärt Rolf Densing: Weil ihre Existenz unter Umständen lange nicht bemerkt wird und man sie plötzlich sieht, wenn sie bereits nahe sind – zu klein, um früh entdeckt zu werden, aber groß genug, um schwere Schäden zu verursachen. „Möglicherweise bleibt dann nicht viel Zeit. Wir brauchen deshalb eine schnelle Antwort“, sagt Marco Fuchs, Vorstandsvorsitzender von OHB. Ziel der amerikanisch-europäischen Mission sei es, für diesen Fall gemeinsam ein „Bausatz-System“ zu entwickeln, das Asteroiden abwehren kann.

  • Zeitplan der europäisch-amerikanischen Abwehrmission:
  • Juli 2021: NASA-Sonde „Dart“ startet.
  • 2022: „Dart“ rammt den Asteroiden Didymoon.
  • Oktober 2024: ESA-Sonde „Hera“ startet in Französisch-Guyana.
  • 2026: „Hera" erscheint am Ort der Kollision.

Den „brachialen“ Teil der Mission übernehmen die Amerikaner. Ihr Raumfahrzeug „Dart“ soll bei seiner Ankunft im Jahr 2022 versuchen, Didymoon kräftig zu rammen. Auf diese Weise soll dessen Umlaufbahn um den größeren Bruder geändert und so getestet werden, ob es mit einem gezielten Aufprall möglich ist, einen Asteroiden von seiner Flugbahn abzubringen. Wenn vier Jahre später dann die europäische Raumsonde „Hera“ am Ort des Geschehens ankommt, wird diese die Folgen des Crashs untersuchen: Sie soll Aufnahmen von der dann hoffentlich stattgefundenen Verwüstung machen, Informationen über die Oberfläche, Masse und das Innere von Didymoon sammeln sowie messen, wie sich seine Flugbahn verändert hat.

Mit einem gezielten Aufprall soll die Flugbahn des Asteroiden verändert werden.

Zu diesem Zweck ist die ESA-Sonde, die etwa die Größe eines Schreibtischs hat, mit einer Kamera und verschiedenen Instrumenten ausgestattet, darunter auch neuartige Technologien. Im Gepäck hat sie zudem Mini-Satelliten, Europas erste CubeSats, die den Asteroiden aus nächster Nähe begutachten sollen. Von der Erde aus wären all diese Daten und Bilder nicht zu gewinnen. Beide Asteroiden sind auch von den leistungsstärksten Observatorien nicht zu erreichen.

Eine der großen Herausforderungen der Mission sei es, dass die Sonden nicht von der Erde aus gesteuert werden könnten, sagt Marco Fuchs. So müsse „Hera“ autonom um den Asteroiden herumfliegen und gleichzeitig Daten sammeln: „Wir haben es hier mit einer völlig neuen Art von Wissenschaftsmission im Weltraum zu tun.“ (Von Pamela Dörhöfer)

Rubriklistenbild: © ESA

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