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Paolo Ferri bei der   Arbeit im Satellitenkontrollzentrum der Esa in Darmstadt.
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Paolo Ferri bei der Arbeit im Satellitenkontrollzentrum der Esa in Darmstadt.

Esa

Esa-Mann Paolo Ferri: Rosetta war sein „Baby“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Paolo Ferri, langjähriger Leiter des Missionsbetriebs am Satellitenkontrollzentrum der europäischen Weltraumorganisation Esa, geht in den Ruhestand.

Noch bevor er die ersten Statements abgab, sah man Paolo Ferri stets an, ob etwas gut gelaufen war oder nicht. So sehr, wie ihm die Freude über Gelungenes ins Gesicht geschrieben stand, so wenig konnte er verbergen, wenn ein Manöver zu scheitern drohte oder bereits schiefgegangen war. Etwa, als das Landegerät Schiaparelli der Marsmission „Exomars“ im Oktober 2016 über der Oberfläche des roten Planeten abstürzte. Oder als die Sonde „Rosetta“ sich quälend lange Zeit ließ, bis sie sich im Januar 2014 nach fast dreijährigem Winterschlaf im All zurückmeldete. „Rosetta“, die Mission der europäischen Weltraumorganisation Esa zum Kometen „Tschuri“, war das Herzensprojekt von Paolo Ferri, das er von Anfang bis zum Ende in wechselnden verantwortlichen Positionen begleitet hat, zuletzt als Leiter des Missionsbetriebs am Satellitenkontrollzentrum Esoc in Darmstadt.

Nach 36 Jahren bei der Esa ist Feierabend

Nun geht der Italiener in den Ruhestand, nach 36 Jahren bei der Esa verabschiedet er sich von einem so aufreibenden wie erfüllendem Job. Sämtliche großen Missionen der letzten Jahrzehnte sind mit seinem Namen verbunden, neben „Rosetta“ und „Exomars“ auch die derzeit noch laufende Reise von „BepiColombo“ zum Merkur und der Solar Orbiter, der gerade Richtung Sonne fliegt (Bericht rechts). Dem Weltraum wird der 61-Jährige treu bleiben und auch nach seinem Weggang von der Esa nicht das Klischee eines beschaulichen Rentnerdaseins erfüllen. Ein erstes Buch – über „Rosetta“ – hat Ferri bereits geschrieben, es ist bislang nur in italienischer Sprache erschienen. In seine frühere Heimat wird der gebürtige Mailänder, der in Frankfurt lebt, aber nicht zurückkehren.

Wie viele seiner Generation, die in der Raumfahrt tätig sind, stellte für Paolo Ferri die Mondlandung im Sommer 1969 ein einschneidendes Erlebnis dar, das spätere Interessen, Studium und Beruf bestimmte. Als Kind zu verfolgen, wie Apollo 11 zum Mond startete und Neil Armstrong als erster Mensch einen fremden Himmelskörper betrat, habe sein „Leben geprägt“, sagt Ferri. Er studierte Theoretische Physik an der Universität Pavia und bewarb sich 1984 bei der Esa, die über ein Inserat für ihr Satellitenkontrollzentrum sechs Astrophysiker suchte. Eigentlich habe er sich nur wenig Chancen ausgerechnet, erzählt Ferri, da er keine Berufserfahrung hatte. Doch er bekam eine der Stellen. Die erste Mission, an der er als Wissenschaftler mitgearbeitet hat, war „Exosat“, ein Röntgenobservatorium zur Erforschung des Universums – und einer der ersten unbemannten Raumflugkörper mit einem Computer an Bord. Dessen Leistungen waren freilich nicht mit dem aktuellen Standard zu vergleichen, sagt Ferri. Während heute Sonden Tage im Voraus programmiert werden, musste das Team im Kontrollzentrum damals noch „in Echtzeit“ Daten mit Kommandos an die Instrumente des Fluggeräts im Weltraum schicken.

„Eureca“ war die Erfüllung eines Kindheitstraumes

Seine zweite „Esa“-Mission, der Forschungssatellit „Eureca“, bescherte Paolo Ferri die Erfüllung eines Kindheitstraumes. Weil die Sonde 1992 an Bord eines US-amerikanischen Space Shuttle ins All gebracht werden sollte, musste – durfte – der Physiker in der Vorbereitungsphase dreimal im Jahr zur Nasa nach Houston fliegen: „Der Kontrollraum sah damals noch genauso aus wie zu Apollo-Zeiten, so wie ich ihn aus dem Fernsehen kannte.“ Die Erinnerungen an den Satelliten selbst sind allerdings nicht ganz so positiv. Er sei „nicht sehr zuverlässig“ gewesen, berichtet Ferri: „Jede Woche gab es ein Problem. Damals hatte ich stets einen Beeper dabei, auch wenn ich mit meinem kleinen Sohn auf dem Spielplatz war.“ Doch der Stress hatte auch sein Gutes: „Ich habe sehr viel gelernt. Ich konnte diese Mission alleine fliegen, wie ein einsamer Segler im Atlantik“, erzählt Ferri und ergänzt: „Gleichzeitig war es die letzte Mission, die ich technisch vollständig beherrscht habe.“

Denn die späteren 1990er Jahre brachten in Sachen Computerisierung der Raumfahrt große Veränderungen. Für die Esa startete die zweite Hälfte dieses Jahrzehnts indes mit einem Misserfolg. Die Ariane 5, die leistungsfähigste europäische Trägerrakete, brach bei ihrem ersten Flug 37 Sekunden nach dem Start auseinander, an Bord vier Clustersatelliten. Der materielle Schaden war mit geschätzt 370 Millionen US-Dollar gewaltig. Paolo Ferri war damals Operationsmanager dieser Cluster-Mission.

„Rosetta“ wurde für Ferri die Mission seines Lebens

Im gleichen Jahr begann für ihn aber auch bereits die Arbeit an „Rosetta“, der 2004 gestarteten, überaus ambitionierten Mission der Esa, deren Ziel es war, im November 2014 auf dem Kometen 67 P Tschurjumow-Gerassimenko, kurz Tschuri, zu landen. Wissenschaftlich richtete sich der Fokus darauf, mehr zu erfahren über die Anfänge unseres Sonnensystems, deren gefrorene Zeugen Kometen sind.

„Rosetta“ wurde für Ferri die Mission seines Lebens. Wenn er von der Sonde spricht, klingt es, als rede er von einem geliebten Kind, das er auf eine weite Reise geschickt hat, voller Stolz, aber auch voller Sorge um sein Wohlergehen. „Ja, irgendwie war sie wirklich ein Teil der Familie geworden, mein Baby“, bestätigt Ferri. „Rosetta“ bescherte dem Physiker die vermutlich glücklichsten, nervenaufreibendsten und auch traurigsten Momente seiner Karriere. Und die bis dahin wohl längsten 47 Minuten seines Lebens: Um während der mehr als zehnjährigen Reise Strom zu sparen, war Rosetta 2010 in einen „Winterschlaf“ geschickt worden, aus dem sie am 20. Januar 2014 wieder aufwachen sollte. Das Signal von der zu diesem Zeitpunkt 800 Millionen Kilometer entfernten Sonde wurde zwischen 18.30 und 19.30 Uhr mitteleuropäischer Zeit erwartet – vorausgesetzt, es war alles gut gegangen. „Es hätte alles Mögliche passieren können“, sagt Ferri, „Teile hätten einfrieren, Mikrometeoriten einschlagen können. Man konnte nicht sicher sein.“ Es wurde also 18.30 Uhr an diesem Abend im Darmstädter Esoc. Doch es kam nichts, nicht um 18.31 Uhr, nicht um 18.45 und auch nicht um 19 Uhr. „Ich hasste diese Momente“, berichtet Ferri, „mein Gehirn geriet schon fast in Panik“. Im Geist habe er sich bereits ausmalt, „wie ich der Welt erkläre, dass es nicht funktioniert hat“. Um 19.10 Uhr schickte ihm Thomas Reiter, damals Leiter des Esoc, eine SMS. „Er blieb cool und schrieb, ich solle mir keine Sorgen machen.“ Der gelassene Kollege behielt Recht: Um 19.17 Uhr sandte „Rosetta“ das erlösende Signal.

Paolo Ferri: „Die Menschheit muss sich das Ziel setzen, die Erde verlassen zu können“

Zehn Monate später kam die Sonde beim Kometen an, den sie bis 2016 vom Orbit aus erfroschte. So zuverlässig und erfolgreich „Rosetta“ ihre Aufgaben erfüllte, so unvermeidlich nahte aber auch ihr Ende. Am 30. September 2016 war es soweit, die Energie an Bord aufgebraucht: „Rosetta“ musste auf den Kometen stürzen. „Das war ein sehr trauriger Tag“, erinnert sich Ferri, „Rosetta hat auf dem Kometen ihr Grab gefunden. Nicht der schlechteste Ort.“

Für die Zukunft der Raumfahrt hofft Ferri, dass sich nicht mehr nur Sonden, sondern auch wieder Menschen in die unendlichen Weiten vorwagen; im nächsten Schritt zurück zum Mond und später dann zum Mars. Und irgendwann, in ferner Zukunft, auch weiter weg, viel weiter. „Die Menschheit muss sich das Ziel setzen, die Erde verlassen zu können, wenn die Zeit gekommen ist“, sagt Ferri. Und fügt an: „Aber ich bin nicht sicher, ob das jemals machbar sein wird.“ (Pamela Dörhöfer)

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