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„Es gibt kein ’Weiter so‘- auch kein grünes“

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Von: Jörg Staude

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Waldbrände und Buschfeuer wie hier in Argentinien haben zugenommen.
Waldbrände und Buschfeuer wie hier in Argentinien haben zugenommen. © dpa

Physiker Wolfgang Lucht über die große Transformation zur Nachhaltigkeit und die Frage, ob die Apokalypse schon begonnen hat.

Herr Lucht, Klimaforscher:innen warnten kürzlich im Fachmagazin PNAS vorm Eintreten einer Art Klima-Apokalypse. Angesichts der aktuellen Extremhitze mit Bränden, Dürren und Übersterblichkeit stellt sich allerdings die Frage, ob die Apokalypse nicht schon begonnen hat?

Zu einer realistischen Einschätzung eines Risikos gehört ja, sich nicht nur mit dem erhofften wahrscheinlichen Fall zu beschäftigen, sondern auch mit dem weniger wahrscheinlichen, aber absolut nicht ausgeschlossenen schlimmsten Fall. Um diesen geht in dem Artikel. Dieser schlimmste Fall träte ein, wenn die Treibhausgasemissionen langsamer sinken als notwendig und die Erde darauf mit einer Erhitzung am oberen Ende der denkbaren Erwärmung reagiert. Die Folgen können sich dann wie eine Kaskade miteinander verknüpfen und eine Lawine an Störungen auslösen. Diese betrifft dann die Ozeane, das Eis und das Wetter ebenso wie die Öko-Systeme und unsere Gesellschaften. Über diesen Fall wissen wir noch immer zu wenig. Die Forschung konzentrierte sich bisher vor allem darauf zu erkunden, innerhalb welcher Grenzen wir die Erde stabilisieren sollten. Das ist auch wichtig und zeigt uns den Weg, den wir beschreiten sollten. Aber genauso wichtig ist Forschung am entgegengesetzten Ende der Möglichkeiten: einer katastrophalen Entwicklung.

Lässt sich ausschließen, dass diese Störungslawine schon in Gang gekommen ist?

Wir wissen nicht genau, ab welchen Schwellenwerten eine Kette von Ereignissen ausgelöst werden kann, die sich aufschaukelt. Wahrscheinlich sind wir gerade noch in einem Bereich, den man stabilisieren könnte. Aber klar ist: Wichtige planetare Belastungsgrenzen sind schon heute überschritten, nicht nur beim Klima. Es sind jetzt Prozesse im Gang, die nicht mehr aufhaltbar sind. Dazu gehören das Schmelzen des Permafrostes, die Veränderungen der Hochgebirge, das Verlangsamen der so wichtigen Nordatlantikströmung, die Zunahme extremer Wetterereignisse sowie von Waldbränden. Trotzdem: Wir stehen erst ganz am Anfang des Wandels, da kommt noch viel mehr. Und selbst wenn wir jetzt stark gegensteuerten, wäre die Bremsspur lang.

Nährt das Klimaziel, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, nicht die Vorstellung, die Zivilisation müsse sich zwar an die Erwärmung anpassen, im Großen und Ganzen können wir aber so weiterleben wie bisher?

Zur Person

Wolfgang Lucht ist Physiker und war in den USA bei der Nasa tätig. Heute leitet er die Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, ist Professor für Nachhaltigkeitswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung. FR

Ja, dies ist der Kern der Selbsttäuschung, in der wir noch immer meist leben. Einerseits werden die Folgen der Erderhitzung nicht wirklich gesehen. Und selbst, wenn man sie ausspricht, bleiben sie abstrakt und rutschen durch das Denken meist einfach so durch. Die Rede ist dann von einer „Destabilisierung der Ökosysteme“ oder einer „Abschwächung der nordatlantischen Zirkulationsströmung“. Das klingt so technisch und abstrakt. Andererseits gibt es die große Behauptung, teilweise bis weit in die Wissenschaft hinein, dass wir nur ein paar kluge und richtige Entscheidungen zu treffen haben und dann kann es mehr oder weniger wie bisher mit Gesellschaft, Politik und Wirtschaft weitergehen, nur eben grün und nachhaltig. Das aber ist eine Täuschung. Wenn wir davon sprechen, dass ein „Weiter so“ keine Option mehr sein kann, dann gibt es auch kein grünes „Weiter so“, das vor allem nur auf Technologie setzt und kaum etwas an den Strukturen verändert, die uns in die Krise gebracht haben. Die anstehende große Transformation zur Nachhaltigkeit meint genau dieses: Sie ist groß und transformativ. Sie bedeutet eine andere Art des Wirtschaftens, eine andere Art des Lebens, eine neue, zukunftsorientierte Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik. Und ist das nicht ohnehin dran? So zufrieden sind wir doch gar nicht mit unserem gestressten, angespannten, unsicheren und oft unsolidarischen Leben.

In der Debatte um die Folgen des Klimawandels beklagen Sie ein „enges Verständnis von der sozialen Verwundbarkeit“. Was ist damit gemeint?

Ich meine damit die Vorstellung, dass wir zwar enorme Auswirkungen auf das Klima und die Lebewesen der Erde auslösen, wir also die großen Umweltsysteme destabilisieren – aber unsere eigenen Gesellschaften seien irgendwie rätselhaft stabil und würden da nicht mit hineingezogen. Dem ist aber nicht so. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass eine komplexe Gesellschaft wie die unsere, die von zahlreichen Netzwerken abhängig ist – wie Lieferketten, Spezialwissen, von funktionierenden Institutionen und einer stabilen Energieversorgung – von sich aus resilienter sei gegen die Folgen unseres Energie-, Material- und Raumverbrauchs als das Klima oder die Ökosysteme. Es stimmt natürlich, dass tote Umweltsysteme wie eine Ozeanströmung oder das Schelf- und Gletschereis einfach blind auf Veränderungen reagieren, während lebende Systeme in einem gewissen Maße die Fähigkeit haben, sich anzupassen. Das gilt insbesondere auch für uns Menschen und unsere Gesellschaften. Wir können sogar vorausplanen und innovativ sein. Aber diese Fähigkeit zur Anpassung hat Grenzen. Erst dämpft sie Veränderungen noch weg, aber wenn die Grenzen der Anpassungsfähigkeit erreicht sind, kommt es zu Zusammenbrüchen – bis hin zum Kollaps und letztlich zum Absterben.

Sollte sich die Welt nicht wenigstens vorausschauend auf eine Art Klima-Apokalypse einstellen?

Nein, noch haben wir alle Chancen, die Auswirkung dieser großen Weltveränderung zu begrenzen. Aber wir können nicht ausreichend ausschließen, dass die Verkettung der Ereignisse sich rascher entwickelt, als wir denken oder die Erde sich mehr erwärmt, als nach heutigem Wissen wahrscheinlich ist. Hoffen wir, dass es zu einer solchen Entwicklung nie kommen wird. Das erfordert aber, das Wissen, das wir haben, endlich ernst zu nehmen, und diese Aufgabe von menschheitsgeschichtlicher Dimension wirklich ins Zentrum der Politik zu rücken, verbunden mit einer Erneuerung auch der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen: Das 20. Jahrhundert ist schon lange zu Ende.

Interview: Jörg Staude

Wolfgang Lucht.
Wolfgang Lucht. © Copyright: Peter Himsel www.himsel.de

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