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"Eine hohe Zahl an Studenten muss Geld verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen", kritisiert der Generalsekretär des Studentenwerks.

Bafög

"Erwerbsarbeit verlängert das Studium"

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Achim Meyer auf der Heyde, der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, fordert im Interview: Mehr Studenten sollen Bafög erhalten.

Herr Meyer auf der Heyde, die Vorlesungen an den Unis beginnen in diesen Tagen. Hat die Politik die Bedingungen geschaffen, dass sich die Studierenden wirklich aufs Lernen konzentrieren können?
Nein. Die Politik hat einiges vernachlässigt. Eine hohe Zahl an Studenten muss Geld verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das ist erstens so, weil das Bafög zu niedrig ist, und zweitens, weil es an günstigen Wohnungen fehlt. Wer viel nebenher arbeiten muss, kann in dieser Zeit nicht lernen. Jede Erwerbsarbeit verlängert das Studium.

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag versprochen, das Bafög auszubauen. Erfüllen die Regierungsparteien ihr Versprechen nicht
Die große Koalition hat angekündigt, dass sie das Bafög im Herbst 2019 erhöhen will. Der bereits Ende des vergangenen Jahres vorgelegte Bafög-Bericht hat die Probleme mehr deutlich gemacht. Wenn die Regierung sich beeilt hätte, dann hätte sie das Bafög schneller erhöhen können – nämlich jetzt. Das haben Union und SPD versäumt.

Die Zahl der Bafög-Empfänger hat sich zuletzt sogar verringert. Welche Gegenmaßnahmen sind notwendig?
Es ist ein Riesenproblem, dass die Zahl derer, die nach den geltenden Regeln gefördert werden können, rückläufig ist. Die Elternfreibeträge für das Bafög müssen kräftig erhört werden, kräftiger als bislang geplant. Die Einkommen steigen, die Lebenshaltungskosten steigen – doch die Freibeträge für die Eltern werden nur zögerlich angehoben. Im Ergebnis bedeutet das: Wir haben ein Untere-Mittelschicht-Problem. Die Politik behauptet, die Eltern verdienten genug, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren. In der Realität müssen sie ihren Kindern sagen: ,Das Geld reicht nicht. Geht arbeiten!‘

Wohnen ist in großen und attraktiven Städten die neue soziale Frage. Kann in Deutschland jeder dort studieren, wo er will? Oder sind die teuren Städte Studierenden aus eher wohlhabenden Familien vorbehalten?
Die Mobilität hängt sehr eng mit der Bildungsherkunft zusammen. Wer als erster in seiner Familie studiert und aus finanziell weniger gut ausgestatteten Verhältnissen kommt, studiert oft in der Nähe der Heimat. Viele bleiben dann auch aus Kostengründen bei den Eltern wohnen. Aber wer nun mal einen ganz bestimmten Studiengang in München studieren will, steht vor der Frage: Bekomme ich das noch irgendwie hin? Da haben wir ein ganz konkretes Problem mit der Chancengerechtigkeit.

Sind nicht auch die Studenten gefordert, sich stärker auf weniger teure Städte einzulassen? Es muss ja nicht jeder in München oder Hamburg studieren…
Nicht jeden Studiengang gibt es überall. Im Übrigen gilt: Auch in vielen Städten in ostdeutschen Bundesländern, wo es vor einigen Jahren noch preiswerter war, ist der Markt erheblich angespannter. Es gibt keine einfachen Ausweichlösungen – es muss gebaut werden, um das Angebot für Studenten zu vergrößern.

Was muss die Bundesregierung also konkret tun, um die Wohnungsnot unter Studierenden zu bekämpfen?
Wir brauchen in den kommenden vier Jahren dringend 25 000 preisgünstige und staatlich geförderte Wohnheimplätze zusätzlich. Diese Forderung ist nur das Minimum. Die Studentenwerke benötigen zudem finanzielle Hilfe für die Sanierung von bestehenden Wohnheimen. Der Bund muss Geld geben – und es muss klar sein, dass die Länder im Gegenzug nicht ihre eigenen Programme kürzen.

Nicht nur Studierende leiden unter Wohnungsnot.
Studenten konkurrieren mit anderen Menschen mit geringem Einkommen um die wenigen bezahlbaren Wohnungsangebote. Mehr Wohnheimplätze für Studenten schaffen also auch für andere Entlastung. Gleichzeitig sollte der soziale Wohnungsbau insgesamt vorangetrieben werden. Beides ist richtig.

In einer Note ausgedrückt: Wie beurteilen Sie die Sozialpolitik der Bundesregierung für Studenten?
Im Moment würde ich sagen: mit einer Drei, und zwar mit einer wohlwollenden, gut gemeinten Drei. Ich meine das ein bisschen wie ein Lehrer, der ein Bemühen erkennt. Und der – in der Hoffnung, dass es besser wird – ein motivierendes Urteil abgeben will.

Stehen Studierende heute zu sehr unter Druck, Ihr Studium schnell und effizient zu Ende zu bringen? Fehlt es an Raum, sich auch mal jenseits des eigenen Fachs umzuschauen?
Nach den Studentenprotesten im Jahr 2009 hat es hier einige Verbesserungen gegeben. Generell hängt es natürlich stark davon ab, welches Fach man studiert. Ich fände es gut, wenn man das Studium noch etwas mehr entfrachten könnte, um wieder den Horizont zu erweitern. Studieren heißt ja auch, mal etwas ausprobieren zu können.

Sie selbst haben in den Siebzigern an verschiedenen Hochschulen Volkswirtschaft, Politik und Psychologie studiert. Hand auf Herz: Würden Sie mit den heutigen Studenten gern tauschen?
Ganz ehrlich: Wenn ich mir anschaue, was meine Kinder an der Uni leisten mussten und müssen, nicht unbedingt. Andererseits denke ich, dass die Digitalisierung auch Chancen bietet, das Studium künftig wieder freier zu gestalten. Wenn die Studenten sich mit Hilfe eines digitalen Moduls auf die Vorlesung vorbereiten können, bestehen dort viel mehr Möglichkeiten, die Dinge zu vertiefen und zu diskutieren.

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