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Schwer getroffen: Shannon Briggs unterlag im vergangenen Oktober Vitali Klitschko.
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Schwer getroffen: Shannon Briggs unterlag im vergangenen Oktober Vitali Klitschko.

Gesundheitsfolgen des Boxens

Erst kommt der Knock-Out, dann die?Demenz

Boxkämpfe bleiben für viele Sportler nicht ohne Folgen: Die massiven Schläge auf den Kopf ziehen gesundheitliche Spätfolgen nach sich – Ärzte warnen vor neuropsychiatrischen Erkrankungen. Dabei gab es auch im Boxen härtere Zeiten.

Von Nicola Siegmund-Schultze

Vitali Klitschko schlägt wie ein Pferd, sagt man dem Weltmeister im Schwergewicht nach. Am 17. Oktober vergangenen Jahres konnten sich die Zuschauer der ARD davon überzeugen. Klitschko verteidigte seinen Titel gegen den US-Amerikaner Shannon Briggs. Nach 171 „Wirkungstreffern“ landete Briggs zuerst in den Seilen und dann auf der Intensivstation eines Hamburger Krankenhauses. Mehrere Tage blieb er in der Klinik.

Das hätte nicht passieren dürfen, meinte damals der Chirurg und Arzt des Bundes Deutscher Berufsboxer, Walter Wagner (Bayreuth). Der Ringrichter hätte den Kampf vorher abbrechen müssen, denn Briggs war chancenlos. „Wenn ein Boxer tot im Ring liegt oder an den Folgen eines Kampfes stirbt, wirft das den Boxsport um Jahrzehnte zurück“, sagte Wagner dem Spiegel.

In Wirklichkeit hat man sich längst an einige Tote pro Jahr in der Welt des Boxsports gewöhnt. Im „Journal of Combative Sport“ werden in der Boxing Fatality Collection die publizierten Todesfälle von Boxern zusammengestellt. Seit 1890 sind es 1355, davon waren die meisten Opfer Berufsboxer, 22 Prozent Amateure. Zwischen den Jahren 2000 und 2007 wurden insgesamt 68 Todesfälle beim Boxkampf gemeldet. Die Zahlen gelten allerdings als unvollständig; sie sind für die darauffolgenden Jahre noch nicht aktualisiert worden und beziehen sich nur auf Boxkämpfe, die nach den international anerkannten Regeln durchgeführt wurden.

Konservativen Schätzungen nach starben seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Durchschnitt sieben bis acht Boxer pro Jahr entweder im Ring (75 Prozent) oder kurz nach Ende des Wettkampfs (25 Prozent). Meist nach einem Knock-out (K.o.), also einer Hirnschädigung mit vorübergehender Bewusstlosigkeit. Tödliche Spätfolgen des Boxens sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt.

Mit welcher Berechtigung aber werde eine vorsätzliche Körperverletzung wie der gezielte, regelkonforme K.o. straffrei gestellt und als sportlich vorbildlich präsentiert, fragt eine Gruppe von Neurologen und Sportmedizinern um den Psychiatrieprofessor Hans Förstl, (München) im Deutschen „Ärzteblatt“ (Heft 9, 2011, S. 146). Die Ärzte zweifeln, „ob öffentlich-rechtliche Sendeanstalten mit Gewalt verherrlichenden Darbietungen ihrem Auftrag gerecht“ würden.

Die Liste der Leider ist lang

Das Autorenteam hatte die wissenschaftliche Literatur der vergangenen zehn Jahre zu Art und Häufigkeit von akuten Komplikationen und Spätfolgen des Boxens ausgewertet.

Statistisch verletzt sich ein Boxprofi bei jedem vierten Kampf, ergab eine über 16 Jahre angelegte Studie an 427 australischen Berufsboxern („British Journal of Sports Medicine“ 2003, Nr . 37, S. 321-4). Am häufigsten sind Kopf-, Gesichts-, Nacken- und Handverletzungen.

Ein Blick in die Vergangenheit aber zeigt: Im Altertum dürfte es noch deutlich härter zugegangen sein. Geboxt wurde schon im alten Griechenland. Im Jahr 688 vor Christi wurde Boxen zur olympischen Disziplin. Die Athleten kämpften ohne Pause, bis ein Gegner sich nicht mehr verteidigen konnte. Die römischen Kämpfer wiederum verstärkten die Wucht ihrer Schläge, indem sie ihre Handschuhe mit Eisen und Blei verstärkten.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreiteten sich Schutzmaßnahmen wie Handschuhe, die die Schläge dämpften, eine Begrenzung der Rundenzeit auf drei Minuten gefolgt von einer Minute Pause und das Anzählen bis Zehn, wenn ein Kämpfer zu Boden geht. In Wettkämpfen tragen zumindest Amateurboxer Kopfschutz, Profis aber nicht.

Der Faustkampf wurde kulturhistorisch als kollektive Aggressionsableitung interpretiert. Auch Schriftsteller fühlten sich angezogen. Bertolt Brecht etwa hat am Ring gesessen, auch Josef Roth und Wolf Wondratschek. Weniger gefährlich macht seine Beliebtheit den Sport nicht. Die physikalischen Kräfte einer Faust können gewaltig sein. Auf zehn Meter pro Sekunde haben manche Profiboxer die geballte Hand beschleunigt, wenn sie auf den Kopf des Gegners prallt.

Kampfentscheidend sind Rota-tionsbeschleunigungen des Kopfes. Sie können das 50-Fache der Erdbeschleunigung erreichen, schreiben Förstl und Kollegen. Schwerkräfte führten zu Stauchungen und Schädigungen von Nervengewebe und Blutgefäßen. Blutungen an den empfindlichen Hirnhäuten gehörten zu den häufigsten Ursachen akuter Todesfälle beim Boxen, aber auch Risse von Leber und Milz oder Herzversagen.

Das Risiko für tödliche Verletzungen erhöhe sich mit der Zahl der Kopftreffer, sei aber auch bei unvollständiger Erholung von kurz zurückliegenden Schädigungen erhöht, ebenso bei starkem Gewichtsverlust und Wassermangel sowie bei Einnahme von Medikamenten wie Blutdrucksenkern, Steroiden und Erythropoietin.

Genetische Voraussetzung birgt zusätzliche Risiken

Eine Befragung von 632 aktiven Profiboxern ergab, dass fast die Hälfte am Tag nach einem K.o. noch an den akuten Beschwerden litt: Kopfschmerzen, Vergesslichkeit, Hörstörungen, Schwindel, Tinnitus, Gangstörungen gehören dazu. Zehn Prozent der Sportler gaben an, ständig unter Beschwerden wie diesen zu leiden. Aber auch bei Amateuren kann einer aktuellen Studie zu Folge nach Trainingskämpfen mit Kopfschutz die geistige Leistungsfähigkeit vorübergehend eingeschränkt sein („British Journal of Sports Medicine“ 2010, 44, S. 725-30). Bei Amateur- und Profifußballern sind ähnliche Symptome nach Kopfbällen beobachtet worden.

Wie hoch die Rate neuropsychiatrischer Erkrankungen bei Profiboxern ist, lässt sich nur grob abschätzen: Zwanzig bis fünfzig Prozent haben verschiedenen Studien zu Folge anhaltende neuropsychiatrische Erkrankungen wie Gedächtnisstörungen, Demenz, Depression, Reizbarkeit, Aggressivität, Suchtverhalten, aber auch Bewegungsstörungen wie Spastiken, Zittern und Parkinson. Innerhalb von 24 Stunden nach einer Schädelhirnverletzung durch einen Boxkampf ließ sich bei 14 schwedischen Amateurboxern anomal viel Beta-Amyloid, der Grundbaustein der Alzheimer-Plaques, in der Nervenflüssigkeit nachweisen.

Vor allem im Stirnhirn und im Schläfenlappen, in dem Hörreize verarbeitet werden, das Wernicke-Sprachzentrum sitzt und ebenso die Gedächtnisfunktionen, lagern sich vermehrt sogenannte Neurofibrillen und Amyloide Plaques ab, wie es für die Alzheimer'sche Erkrankung typisch ist. In bestimmten Hirnabschnitten bildet sich dann Nervengewebe zurück und wird durch Hirnflüssigkeit ersetzt. Diese Prozesse lassen sich durch eine Computertomografie des Schädels nachweisen. Auch die Riechfunktion und das Gleichgewichtsempfinden können gestört sein.

Das Risiko für chronische Hirnschäden bei Boxern steigt mit zunehmendem Alter und der Karrieredauer, der Zahl der Kämpfe und häufigem K.o. Aber auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Eine Studie von 2009 hat ergeben, dass sich das Risiko für die sogenannte Boxer-Demenz durch bestimmte genetische Varianten des Apolipoproteins E4, das am Cholesterintransport beteiligt ist, erhöht – sowie für die Alzheimer-Demenz („Brain Injury“ 2009, Bd. 23, S. 723-6).

Diese Genvarianten sind auch mit einem jüngeren Erkrankungsalter assoziiert. Im Deutschen Ärzteblatt plädieren Hans Förstl und seine Kollegen daher für wirksamere Schutzmaßnahmen und Früherkennungsuntersuchungen auf Boxerdemenz. Auch eine genetische Analyse auf Apolipoprotein-Varianten könnte zu den Maßnahmen gehören, die das Risiko senken. Ob aber Sportler mit bestimmten Genvarianten vom Boxen ausgeschlossen werden können und ob Sportverbände ihre Mitglieder zu solchen Analysen letztlich zwingen dürften, ist unklar.

2005 plädierte der Welt-Ärzteverband (World Medical Association) für ein generelles Verbot des Boxens. Deutsche Ärzteverbände dagegen hätten sich offiziell noch nicht zum Boxproblem geäußert, kritisiert die Autorengruppe um Förstl.

Dabei stelle sich auch die Frage, ob es gerechtfertigt sei, dass die Solidargemeinschaft der Kranken- und Pflegeversicherten die Kosten für mögliche Gesundheitsfolgen des Boxens mittragen soll und der einzelne Gebührenzahler der öffentlich-rechtlichen Medien das Boxen mitfinanziert.

Das ZDF verzichtet bereits seit Sommer 2010 auf die Übertragung von Wettkämpfen. Die ARD bot in der Nacht vom 14. auf den 15. Mai den Boxfans dagegen eine stundenlange Übertragung des Super-Six-Turniers aus Los Angeles. Henry Maske sprach von der Bedeutung „effektiver, erschütternder Schläge“. Die trafen im Hauptkampf den Favoriten aus Deutschland, Arthur Abraham. Er wurde von seinem Gegner André Ward geschlagen – im wahrsten Sinne des Wortes.

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