+
Eine ketogene Diät könnte Krebs-Patienten eher schaden.

Einfluss auf Verlauf?

Ernährung bei Krebs: Das rät eine Expertin Krebs-Patienten

  • schließen

Ernährung bei Krebs: Kann man die Krankheit durch Ernährungsumstellung oder Diäten beeinflussen? Das rät eine Onkologin Krebs-Patienten.

Jutta Hübner hat eine Stiftungsprofessur für Integrative Onkologie der Deutschen Krebshilfe am Universitätsklinikum Jena. Seit 2010 ist sie Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft, seit 2013 außerordentliches Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Im Interview spricht sie über Ernährung bei Krebs: Gibt es Diäten, die gegen Krebs helfen und können Nahrungsergänzungsmittel helfen?

Viele Krebspatienten beschäftigt die Frage, wie sie ihre Heilungschancen verbessern können. Das Internet ist voll von vermeintlichen Anti-Krebs-Diäten. Gerade scheint die ketogene Diät angesagt zu sein, bei der man Kohlenhydrate stark reduzieren und stattdessen eine eiweiß- und vor allem fettreiche Kost zu sich nehmen soll. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Es gibt keine Daten, die besagen, dass eine ketogene Diät in irgendeiner Weise geeignet ist, Patienten zu helfen – weder im Hinblick auf das Überleben noch in Bezug auf die Wirksamkeit und auch nicht, was die Verträglichkeit einer Tumortherapie angeht. Im Gegenteil: Wir haben deutliche Hinweise, dass eine solche Diät schädlich ist. Sie führt zum einen häufig zu einer Gewichtsabnahme und zu einem Mangel an Nährstoffen. Generell ist eine derart einseitige Ernährung mit viel Fett – besonders wenn es tierischer Herkunft ist – ungesund und erhöht die Sterblichkeit durch unterschiedliche Erkrankungen, so auch des Herz-Kreislauf-Systems. Außerdem wissen wir aus Laborexperimenten, dass eine ketogene Diät dazu führen kann, dass Tumorzellen mutieren und Resistenzen gegenüber Krebstherapien entwickeln.

748.000 Mal verschrieben: Magensäureblocker wegen Krebs-Gefahr zurückgerufen

Auf welche Theorie stützen sich die Befürworter denn dann?
Der sogenannte Warburg-Effekt besagt, dass Tumorzellen besonders gerne Zuckermoleküle verstoffwechseln. Das ist bei fast allen Zellen so, denn auf diese Weise können sie wunderbar Energie gewinnen. Tumorzellen sind dabei sehr ineffektiv, sie brauchen relativ viel Zucker, um eine gewisse Energiemenge zu generieren. Daher rührt die Idee, dass man Krebszellen aushungern kann, wenn man ihnen den Zucker wegnimmt. Das funktioniert aber nicht. Denn auch über gesunde Kohlenhydrate nehmen Zellen Glukose auf. Und selbst wenn die Tumorzellen überhaupt keinen Zucker mehr bekommen, können sie Fettsäuren, Aminosäuren und sogar die Ketonkörper, die bei dieser Kost gebildet werden, genauso gut nutzen, um Energie zu gewinnen.

Der postulierte Effekt verpufft also.
Genauso ist es.

Lesen Sie auch die Antwort von Ulrike Kämmerer: Ketogene Diät bei Krebs: Es gibt keinen Grund, davor zu warnen

Intervallfasten bei Krebs ist nicht verboten

Auch Fasten, vor allem Intervallfasten, wird häufig eine positive Wirkung bei Krebs zugeschrieben. Ebenfalls zu Unrecht?
Fasten ist eine alte Heilsgeschichte, auch hier steht der Gedanke dahinter, Krebszellen aushungern zu können – den ich für einen Fehlgedanken halte. Für Krebspatienten ist das Intervallfasten, also der Verzicht auf Nahrung während festgelegter Zeiten, nicht verboten. Aber sie müssen sehr darauf achten, dass sie auf eine ausreichende Nährstoffmenge kommen. Ihnen wird im Allgemeinen eher empfohlen, mehrere kleine Mahlzeiten am Tag zu essen, denn die meisten schaffen keine großen Portionen und vertragen viele Nahrungsmittel auch nicht so gut. Intervallfasten kann da ganz schnell gefährlich werden, weil es zur Gewichtsabnahme führen kann.

Intervallfasten – Pro und Contra Intervallfasten

Sie sagen eher: Finger weg...
Ganz eindeutig.

Es gibt auch die These, dass Intervallfasten die Verträglichkeit der Chemotherapie verbessern kann.
Der beste Weg, um Nebenwirkungen zu vermeiden, besteht nicht im Fasten, sondern darin, mit dem Arzt über die Nebenwirkungen zu reden und wirksame Medikamente dagegen zu geben.

Jutta Hübner.

Können Nahrungsergänzungsmittel etwas bringen? Der Markt ist ja riesig.
Über eine ausgewogene Ernährung bekommen auch Krebspatienten fast alle nötigen Mikronährstoffe, also Vitamine, Spurenelemente und sekundäre Pflanzenstoffe. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen: Vitamin D und Selen. Vitamin D kann nur in Vorstufen über die Ernährung aufgenommen werden, es muss in der Haut aktiviert werden. Dafür ist Sonnenlicht nötig. Für Krebspatienten ist es allerdings noch wichtiger als für andere Menschen, sich vor UV-Strahlung zu schützen, denn ihre Haut ist durch die Therapien meist empfindlicher. Deshalb müssen sie in besonderem Maße mit Vitamin-D-Mangel rechnen. Es gibt Hinweise aus vielen großen Untersuchungen, dass ein guter Vitamin-D-Spiegel sich positiv auf den Behandlungserfolg auswirken kann Deshalb ist es sinnvoll, ihn im Blut bestimmen zu lassen. Man muss aber einräumen, dass es auch sein könnte, dass der Vitamin-D-Spiegel selbst nicht den Behandlungserfolg beeinflusst, sondern nur ein Marker für Aktivität im Freien ist – und eigentlich die Bewegung für den positiven Effekt sorgt. In den USA laufen dazu derzeit Studien. Außerdem gibt es noch einen weiteren Aspekt, der die Bewertung der wissenschaftlichen Ergebnisse schwierig macht: Vitamin D wird über Rezeptoren aufgenommen, die bei Menschen unterschiedlich aktiv zu sein scheinen. Möglicherweise gibt es nicht den einen gültigen Richtwert. Darüber weiß man bis heute noch nicht sehr viel.

Und welche Wirkung hat Selen?
Selen ist ein Spurenelement, das in Enzyme eingebaut wird, die für den Abbau von Giftstoffen wichtig sind. Diese Eigenschaft könnte dafür sorgen, dass Selen sowohl bei der Krebsprävention als auch in der –therapie einen positiven Effekt haben könnte.

Hochdosiertes Vitamin C bei Krebs im Test

Zur Zeit wird auch die Wirkung von hochdosiertem Vitamin C auf Tumore untersucht. Wie ist da der Stand der Forschung?

Die Wirkung ist noch nicht ganz klar. Grundsätzlich ist es eine spannende Idee: In Zellexperimenten hat man beobachtet, dass Tumorzellen absterben, wenn man hochdosiertes Vitamin C in ein Reagenzglas kippt, gesunde Zellen jedoch überleben. Wir wissen aber noch nicht, ob das auch im menschlichen Körper funktioniert.

Um welche Menge an Vitamin C geht es bei diesen Versuchen?
Hochdosiertes Vitamin C entspricht nicht der Menge, die in Deutschland als hochdosiert bezeichnet wird. Es steht heute fest, dass es bis zu 1,5 Gramm pro Kilo Körpergewicht keinen positiven Effekt gibt. In Deutschland ist nur ein Produkt erhältlich, das 7,5 Gramm Vitamin C erhält. Das würde bedeuten, dass man einem Leichtgewicht von 50 Kilogramm bereits zehn Fläschchen davon infundieren müsste, um auf eine Tagesdosis von 75 Gramm zukommen, die immer noch nicht ausreichen würde. Die Amerikaner testen gerade höhere Dosierungen. Dabei darf man jedoch auch nicht außer Acht lassen, dass Vitamin C Ascorbinsäure ist und bei solchen Mengen die Gefahr einer Nierenschädigung besteht. Die in Deutschland erhältlichen Mengen wirken dagegen als Antioxidans – und das ist sogar kontraproduktiv, wenn es während einer Chemo- oder anderen Krebstherapie gegeben wird. Denn Antioxidantien schützen Tumorzellen.

Ernährung bei Krebs: Zusätzliche Antioxidantien können schaden

Das heißt, man sollte während einer Krebstherapie grundsätzlich auf Antioxidantien verzichten?
Über die Ernährung scheint sich der Körper so viel Antioxidantien zu holen, wie er braucht. Aber zusätzliche Präparate bewirken bei Krebs eher das Gegenteil. Eine aktuelle Studie hat langfristig schlechteres Überleben bei jenen Brustkrebspatientinnen ergeben, die während der Strahlentherapie Antioxidantien eingenommen haben. Solche Präparate sollte man während einer Krebstherapie auf keinen Fall nehmen, auch wenn sie einem in der Apotheke empfohlen werden.

Krebs hat etwas damit zu tun, dass die entarteten Zellen vom Körper nicht erkannt werden. Man könnte daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass es gut ist, das Immunsystem zu pushen ...
Präparate wie Umckaloabo und Echinacin oder die Misteltherapie aktivieren zwar Immunzellen, aber diese richten sich nicht gegen Tumore. Nur die neuen Immuntherapien können auf diese hochkomplexen Vorgänge zielen.

Hat man als Krebspatient überhaupt eine Möglichkeit, Krankheitsverlauf und Heilungschancen positiv zu beeinflussen?
Ja, das geht. Das Geheimnis ist ganz schlicht und besteht in einer Kombination aus ausgewogener Ernährung und Bewegung.

Was genau verstehen Sie unter ausgewogener Ernährung?
Hier gilt die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: hauptsächlich Kohlenhydrate, natürlich nicht permanent Schokolade, sondern Vollkornprodukte, Gemüse, Obst, dazu gesunde Eiweiße. Wozu durchaus auch tierische Eiweiße zählen. Gerade Krebspatienten brauchen sie für den Muskelaufbau. Bei Fetten sind pflanzliche Fette besser.

Krebs verstehen: So entstehen Tumore im Körper

Risiko einer Krebs-Erkrankung durch Ernährung senken

Was Fleisch angeht, sind viele Menschen gerade im Hinblick auf Krebs verunsichert. Die Weltgesundheitsorganisation stufte Fleisch- und Wurstprodukte als potenziell krebserregend ein.
Ich rede von einem vernünftigen Fleischkonsum, von Geflügel, Rindfleisch. Es gibt keine Studie, die belegt, dass rotes Fleisch an sich schädlich ist. Nicht gut sind Wurstprodukte mit hohem Fettgehalt und Nitritpökelsalz – oder wenn etwas beim Grillen anbrennt. Das gilt allerdings nicht nur für die Bratwurst, sondern auch für Paprika.

Kann man über die beschriebene Ernährung auch das Risiko einer Krebserkrankung senken?
Ja, aber es ist umstritten, wie ausgeprägt der Effekt ist. Einige Studien gehen von 20 bis 30 Prozent Risikosenkung aus, andere von zwei bis drei Prozent. Ich glaube, die entscheidende Botschaft ist ein gesunder Lebensstil. Dazu gehört auch Bewegung sowie das Einschränken des Alkoholkonsums und der Verzicht auf das Rauchen.

Was halten Sie von vermeintlichen Superlebensmitteln, die Krebs vorbeugen sollen?
Auch die Wissenschaft unterliegt Moden. Exotik zieht dabei immer mehr und lässt sich besser vermarkten. Sekundäre Pflanzenstoffe hemmen Krebs, aber sie sind untereinander austauschbar und zum Beispiel in der deutschen Petersilie genauso enthalten wie in einem afrikanischen Kraut.

Interview: Pamela Dörhöfer

Leseempfehlungen zum Thema Krebs

Die Fortschritte in der Künstlichen Intelligenz bringen auch für die Diagnostik und Therapie von Krankheiten einschneidende Veränderungen. Bei Erstdiagnosen von schweren Erkrankungen wie Krebs werden lernende Systeme allerdings zumindest in den nächsten Jahren nicht ohne einen Mensch als Partner – und letzte Instanz – arbeiten.

Bei Prostatakrebs ist die Bandbreite möglicher Therapien groß. Neue Methoden sollen die Diagnostik präziser und den Verlauf besser vorhersagbar machen. Der Krebs ist noch lange nicht besiegt. Aber die Medizin macht Fortschritte.

Wissenschaftler um Nobelpreisträger Harald zur Hausen haben eine neuartige Klasse von Erregern identifiziert, die im Verdacht stehen, vor allem beim Entstehen von Dickdarm- und Brustkrebs beteiligt zu sein.

In einer internationalen Krebskonferenz in Frankfurt beschäftigen sich Experten mit neuen Therapien, molekularer Diagnostik und der Frage, wie sich der Behandlungserfolg besser vorhersagen lässt. Tumorerkrankungen werden immer früher erkannt. 37 Prozent gehen auf das Konto vermeidbarer Risikofaktoren.

Eine Krebsdiagnose kommt fast immer einem Schock gleich, die Behandlung ist oft langwierig, strapaziös – und führt auch heute noch keineswegs immer zum Erfolg. All das stellt eine enorme psychische Belastung dar. Nicht jeder verkraftet das, und so kommen manche Patienten an einen Punkt, wo sie so verzweifelt sind, dass sie sich das Leben nehmen wollen. Publikationen dazu gibt es in Deutschland indes kaum. Dabei sei das Suizidrisiko bei Krebspatienten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung deutlich erhöht, sagt Bianca Senf, Leiterin der Psychoonkologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Zum Thema „Suizidalität in der Onkologie“ arbeitet sie derzeit an einer Studie.

Leseempfehlungen zum Thema Ernährung

Wissenschaftler haben verschiedene Ernährungsformen und ihre Auswirkungen auf Typ-2-Diabetes untersucht. Sie kommen zum Schluss, dass die so genannte „Mittelmeer-Diät“ am besten hilft. Die Paleo-Diät - die Ernährung wie in der Steinzeit - verändert dagegen die Darmflora und kann dadurch Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern, zeigt eine neue Studie.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare