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Neben Riesenottern leben im Manu-Nationalpark in Peru auch 1030 Vogelarten. Das ist jede zehnte Vogelart der Welt.

Artenvielfalt

„Es geht um Naturschutz für die Menschen“

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Der Leiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, Christof Schenck, spricht in der FR über die Kosten des Artensterbens – und wie man es aufhält.

Bernhard-Grzimek-Allee 1 im Frankfurter Ostend: Besser kann eine Adresse kaum ausfallen, wenn es um den internationalen Naturschutz geht. Ganz oben im Zoogesellschaftshaus, dort residiert die 1950 von Grzimek gegründete Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die Christof Schenck seit 2000 als Geschäftsführer leitet. Schenck, ein jugendlicher Mitfünfziger, Kosmopolit qua Beruf, kommt gerade aus Südamerika, als wir uns treffen.

Herr Schenck, in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ gibt es eine ständige Rubrik, die sich the age of extinction, das Zeitalter des Aussterbens, nennt. Das klingt übertrieben, oder?
Nein, keineswegs, leider. Fünfmal hat es auf der Erde ein großes Artensterben gegeben. Jedes Mal sind 70 Prozent der Arten in kurzer Zeit verschwunden, und zwar ausgelöst durch Meteoriteneinschläge oder gigantische Vulkanausbrüche. Heute ist das anders: Wir befinden uns im sechsten Massenaussterben, nur das ist diesmal durch den Menschen ausgelöst. Die Aussterberate liegt hundert- bis tausendfach über dem normalen Hintergrundrauschen des natürlichen Aussterbens.

Was sind die Gründe dafür?
Wir haben die Lebensräume zerstört. Mehr als die Hälfte der Regenwälder ist abgeholzt. Das aber sind die Zentren der Artenvielfalt. Das passiert nicht nur in der Wildnis. Wenn ich eine kleinbäuerliche Landwirtschaft aufgebe und eine agrarindustrielle schaffe, dann verliere ich automatisch weitere Lebensvielfalt. Besiedlung oder Versiegelung, Zerschneidung der Wanderwege von Tieren, Überdüngung mit Nitrat und Phosphat, was zur Verdrängung von Arten führt, die daran nicht angepasst sind, und dann kommen noch die invasiven Arten hinzu, die andere verdrängen können. Manchmal ist auch die illegale Jagd ein ernst zu nehmender Faktor, wenn ich etwa an Nashörner denke. Dann kommen Klimawandel und Bevölkerungswachstum, und das Desaster ist perfekt. Wir wachsen derzeit mit 1,5 Millionen Menschen pro Woche, es kommen also jede Woche zwei Städte von der Größe Frankfurts hinzu. Für Afrika,wo wir das größte Wachstum haben, bedeutet das: Bis 2050 steigt dort die Bevölkerung um eine Milliarde, also tausend Millionen, auf mehr als zwei Milliarden Menschen.

Demgegenüber schrumpft die Bevölkerung in den entwickelten Staaten.
Stimmt. Aber die Milliarde, die in wenigen Jahren in Afrika hinzukommt, wird so auf dem Kontinent nicht überleben können. Es wird zu dramatischen Verlusten der natürlichen Lebensräume und zum Verlust einmaliger Arten führen, zumal sich die größte Zunahme meist auf dem Land abspielt. Heute regen wir uns in Europa über eine Million Flüchtlinge auf, was aber, wenn es 200 oder 300 Millionen werden? In dieser Dimension müssen wir denken, wenn es nicht gelingt, das Bevölkerungswachstum zu bremsen, und zwar durch Bildung, Stärkung der Rolle der Frau und Schaffung von Arbeitsplätzen, die nicht an Arbeit in der Landwirtschaft gebunden sind. Gleichzeitig müssen wir die großen Naturräume erhalten, denn das sind die Stabilisatoren des Klimas, des Wassers. Schon aus eigenem Interesse müssten deshalb die Europäer in Afrika die Investitionen gewaltig hochfahren.

Christof Schenk.


Nimmt die Politik das Thema ernst genug?
Die Dimension wird nicht begriffen. Weder bei den Menschen auf der Straße noch den Politikern. 2008, als die Artenschutzkonferenz CDB (Convention on Biological Diversity) in Deutschland stattfand, hatte Kanzlerin Merkel zwar von einer dramatischen Situation gesprochen und 500 Millionen Euro pro Jahr für den Biodiversitätsschutz bereitgestellt. Das war ein Riesenschritt. Aber ausreichend angekommen war das Thema dennoch nicht. Statt ein wirkliches Desaster abzuwarten, wäre es schlauer, jetzt noch viel stärker zu reagieren. Wie beim Nicholas-Stern-Report zu den Kosten des Klimawandels, in dem vorgerechnet wird, dass es ökonomisch deutlich günstiger ist, jetzt zu handeln, statt später, wenn der Schaden eingetreten ist, gilt das auch für die Biodiversität.

Es heißt immer: Dem Naturschutz fehlt das Geld. Aber es fließen doch riesige Beträge. Verpuffen die?
Die Hotspots der Artenvielfalt liegen in den tropischen Ländern. Dort geht weniger als ein Drittel des Geldes hin. Gucke ich mir einen deutschen Nationalpark an, dann ist der besser finanziert als die meisten anderen Nationalparks in der Welt, die aber nicht nur 100 Quadratkilometer groß sind, sondern mehrere hundertmal so groß, so groß wie manches europäische Land. Für ein Schutzgebiet dieser Größe habe ich dann zehn Ranger, die es vor Wilderei beschützen sollen. Absurd.

Das bedeutet, dass diese Nationalparks eigentlich ihren Titel nicht wert sind?
Viele der Parks bezeichnen wir als Paperparks. Sie stehen auf der Landkarte, existieren aber nicht gut geschützt in der Wirklichkeit. Deshalb verlieren wir Arten auch in den Schutzgebieten. Die Völkergemeinschaft hat beschlossen, bis 2020 17 Prozent der Landlebensräume unter Schutz zu stellen. Wir sind jetzt bei rund 15 Prozent angekommen. Klingt nicht schlecht, doch der Schutz ist in den wenigsten Gebieten garantiert. Weil er nicht ausreichend finanziert ist.

Warum ist das so?
Die reichen Länder investieren zwar in den Naturschutz, aber oft erstmal in eigene Gebiete. Ich muss aber dort investieren, wo die Mona Lisa hängt, und das sind meistens die Tropen. 1030 Vogelarten leben im Manu-Nationalpark in Peru. Das ist jede zehnte Vogelart der Welt. Für deren Erhalt muss die Weltgemeinschaft ausreichend Geld geben. Es muss einen Transfer aus den ökonomisch superreichen in die biologisch exorbitanten Länder geben.

Weil alle Menschen profitieren, denn die Gebiete sind Teil des Gesamtgefüges?
Genau. Für unseren eigenen Schutz, für unsere eigene Lebenssicherung. Und weil wir noch unheimlich viele, großteils unbekannte Schätze in diesen Wäldern haben, Informationen, die wir unbedingt erhalten müssen, die über Hunderte von Millionen Jahren entstanden sind und die noch keiner wirklich bewertet hat.

Sie haben neue Pläne, diese Umverteilung anzustoßen. Wie sehen die aus?
Eines der fundamentalen Probleme in der Finanzierung ist die Ineffizienz des derzeitigen Systems. Es handelt sich meistens um Projektbudgets. Limitiert auf wenige Jahre. Wir und alle anderen Naturschutzorganisationen, staatlich oder privat, müssen jeden Euro beantragen, begründen, jede Idee bewerten lassen. Das dauert und kostet. Und was ist nach ein paar Jahren, wenn die Gelder auslaufen? Dann besteht die große Gefahr, dass das einmal Begonnene wieder in sich zusammenfällt. Mit unserem Konzept der Legacy Landscapes, das auf den Erhalt der wertvollsten Gebiete der Erde abstellt, wollen wir gegensteuern,.

Zur Person

Christof Schenck ist Biologe und leitet seit 2000 als Geschäftsführer die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die sich international für den Erhalt biologischer Vielfalt einsetzt.

Legacy Landscapes? Übersetze ich das mit Naturerbe korrekt?
Ja, Legacy, das Erbe. Wir haben etwas bekommen, nutzen es, reichen es als Ererbtes weiter. Dieser Gedanke setzt einen nachhaltigen Umgang mit dem Erbe voraus, um die Entscheidungen nachfolgender Generationen nicht zu limitieren. Dieser Ansatz ist fundamental für unser Dasein. Die Schutzgebiete, die als Legacy Landscapes dauerhaft gesichert werden sollen, werden alleine den Verlust der Vielfalt nicht aufhalten. Es ist kein Allheilmittel. Denn natürlich brauchen wir neben den großen Schutzgebieten eine Verbesserung in der schonenden Landnutzung und einen viel nachhaltigeren Konsum und eine angepasste Wirtschaft. Aber: Legacy Landscapes wird das Rückgrat des Biodiversitätsschutzes sein. Für unser Projekt heißt das konkret: Wir wählen die wichtigsten Gebiete, nicht unter 2000 Quadratkilometer, damit ganze Populationen erhalten werden und auch die Wanderungen von Tierarten gewährleistet sind.

Was sind die Eckpfeiler von Legacy Landscapes?
Das Modell sieht vor, gebietsspezifische Fonds zu schaffen, gepaart mit individuellen Verträgen mit örtlichen Naturschutzorganisationen und Behörden. Der Fonds besteht aus zwei Teilen: Der erste schmilzt ab, weil er die laufende Arbeit finanziert. Mit Teil zwei bauen wir langfristig Vermögen auf, um die Arbeit in der Zukunft zu bezahlen.

Um wie viel Geld geht es?
Etwa eine Million Dollar pro Jahr pro Schutzgebiet als Basisfinanzierung wäre notwendig. Das reicht aus, wenn zusätzlich, sofern vorhanden, die Einnahmen aus Tourismus oder Geld aus dem jeweiligen Staat hinzukommen. Das Modell sieht vor, dem Fonds 20 Millionen Dollar für ein Gebiet auf 20 Jahre verteilt zur Verfügung zu stellen. Zentral ist, dass der Erfolg der Arbeit jedes Gebiets, der Schutz, laufend überprüft wird. Drei Seiten Dokumentation zum Jahresende sollten dazu reichen. Wenn der Job gut erledigt ist, gibt es die Million im nächsten Jahr wieder. Das große Geld ist dann auch nicht verloren, wenn in einem Gebiet etwas fundamental schiefgeht. Wenn etwa das Areal entgegen der Abmachung ausgebeutet wurde, Bodenschätze abgebaut oder Wälder gerodet wurden. Dann stoppt man den Geldfluss einfach, zieht den Rest wieder ab und setzt ihn woanders ein. Die Organisationen von Legacy Landscapes hätte die Hand drauf. Zeitgleich werden 20 Millionen Dollar je Gebiet dauerhaft angelegt. Dieses Geld ist dann für die Zukunft gedacht.

Das klingt nach: Transparenz, Langfristigkeit, jederzeitige Kontrolle und ganz nach Investorengeschmack.
Genau darum geht es uns. Wichtig ist für uns, dass der Schutz über die Gebiete dauerhaft besteht. Viele wohlhabende Menschen hat die Wilderei von Elefanten und Nashörnern berührt. Sie sagen sich, „das kann doch nicht sein, dass wir jedes Jahr 30 000 Elefanten verlieren“, und sie haben sich für den Schutz dieser Großsäuger engagiert. Das hat einiges an privatem Geld freigesetzt.

Wo soll das Geld herkommen? Und wie versuchen Sie, zu überzeugen?
Es gibt einige sehr schöne Beispiele. Und selbst in Asien tut sich was. Die Chinesin He Qiaonv hat 2017 angekündigt 1,5 Milliarden Dollar für den Naturschutz in ihrem Land einzusetzen. Damit will sie neue Schutzgebiete schaffen und bestehende absichern, aber auch Umweltbildung im großen Stil unterstützen. Sie war eine der Ersten, die sich bereiterklärten, einen so hohen Betrag zur Verfügung zu stellen. Dann trat vor wenigen Monaten der aus der Schweiz stammende US-Unternehmer Hansjörg Wyss mit seinem Vorhaben an die Öffentlichkeit, er investiere eine Milliarde Dollar in den nächsten zehn Jahren in den weltweiten Naturschutz. Um das Naturerbe zu sichern. Wyss sucht Nachahmer, die es ihm gleichtun. Bei den Legacy Landscapes würde das heißen: Mit vier Milliarden Dollar kann man 100 Gebiete der wichtigsten Naturschutzkerngebiete der Erde sichern.

Es wird immer mehr Vermögen vererbt ...
Genau. Weltweit und auch in Deutschland wächst der private Reichtum. Weltweit besitzen 175 000 Menschen jeweils mehr als 30 Millionen Dollar, 120 Milliardäre leben in Deutschland, mehr als 2000 Milliardäre weltweit. Ich denke, einige dieser Menschen dazu zu bewegen, in das Naturerbe der Menschheit zu investieren, das könnte gelingen. Nimmt man Wyss als Vorbild, würde es zunächst ausreichen, wenn wir zwei bis drei weitere Menschen mit seiner Einstellung finden. Und entscheidend wären dazu eben auch staatliche Mittel, die dann gemeinsam strategisch zum Einsatz kommen.

Ist die ZGF allein mit diesem Konzept?
Nein. Internationale staatliche Geber zeigen Interesse, genauso wie wichtige Naturschutzorganisationen wie die IUCN, African Parks oder die Wildlife Conservation Society. Auch Naturschutzbehörden in den biodiversitätsreichen Ländern und die deutsche Förderbank KfW sind sehr aufgeschlossen. Die KfW sieht wie wir die Probleme in der zeitlich begrenzten Finanzierung von Naturschutzarbeit. Dort wird derzeit an einer Machbarkeitsstudie gearbeitet. Es gibt viele offene Türen. Letztlich geht es ja um einen Naturschutz für die Menschen.

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