Noten

Die Erfindung der Zensuren

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Der Jesuitenorden führte im 16. Jahrhundert die Noten ein. Seinerzeit war die Bildung eine Sache der Kirche. Zunächst spielten die Noten in Deutschland aber nur eine untergeordnete Rolle. Das änderte sich erst drei Jahrhunderte später.

Das ist ja unter aller Kanone – dieses Sprichwort verdanken wir den Jesuiten. Denn dahinter verbirgt sich die Verballhornung des lateinischen Ausdrucks „sub omni canone“, was so viel bedeutet wie „außerhalb des Kanons“ oder „unterhalb jedes Maßstabes“. Heutzutage würde man wohl eher von „durchgefallen“ sprechen.

Die Vorläufer unserer heutigen Noten gehen auf die 1534 gegründete katholischen Ordensgemeinschaft der Jesuiten zurück. „Die geistliche Bildung war Sache der Kirchen“, betont der Würzburger Bildungsforscher Johannes Jung, „die Jesuiten schufen straffe Strukturen und eine klare Hierarchie bei der Beurteilung von Leistungen“. So entwickelte sich im 16. Jahrhundert daraus ein fünfstufiges, aus lateinischen Ziffern bestehendes Benotungssystem, das bis ins 20. Jahrhundert hinein hierzulande Bestand hatte.

„Schlecht belegt ist dagegen, ob bereits schon früher in der Antike Noten verbreitet waren“, sagt Jung, der an der Universität Würzburg forscht. In jedem Fall waren die wenigen gefundenen Beispiele für Notengebung bei den Griechen und Römern nicht exakt definiert. Allerdings spielten die Noten auch in Deutschland zunächst eine untergeordnete Rolle: „Viel wichtiger war, ob jemand überhaupt eine Schule besuchen konnte.“ Denn man durfte sich außerordentlich glücklich schätzen, wenn man auf eine Armen-, Bürger- oder Stadtschule ging.

Zölibat für Lehrerinnen

„Mit dem Schulmeister wurde dann eine Zielvereinbarung geschlossen“, so Jung. Am Ende wurde schließlich überprüft, ob das Kind wie vereinbart Lesen, Schreiben und Singen gelernt hatte.

Der Bildungsgrad war wiederum stark abhängig davon, wie reich jemand war. „Die armen Leute legten bisweilen Geld zusammen, um im Winter einen Hirten oder Veteranen zu bezahlen, damit er ihre Kinder unterrichtete“, berichtet der Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik. Die Reichen dagegen beschäftigten Hauslehrer, oft handelte es sich dabei um studierte Theologen oder Philologen.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts mit der sukzessiven Einführung der Schulpflicht wurden Noten bedeutsamer. Sie entschieden zunehmend über die berufliche Laufbahn, etwa ob jemand in die Universität aufgenommen wurde. „In Bayern war ein Schulabgangszeugnis zudem die Bedingung, um heiraten, einen Beruf ergreifen und Land erwerben zu dürfen“, sagt Jung.

War die Schulerziehung jahrhundertelang eine Männerdomäne gewesen, setzte Ende des 19. Jahrhunderts allmählich die Feminisierung des Berufsstandes ein. Da den sogenannten höheren Töchtern die männliche Berufswelt weitestgehend versperrt war, verpflichtete man die gut ausgebildeten Frauen – bei schlechterer Bezahlung als ihre Kollegen – als Lehrerinnen in reinen Mädchenklassen zu unterrichten und zudem zölibatär zu leben.

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde 1938 eine weitere Notenstufe eingeführt: Die bei vielen Schülern so gefürchtete wie verhasste Sechs, die seither für ungenügende Leistungen und äußerst lückenhafte Kenntnisse vergeben wird. In der DDR war jedoch ein fünfstufiges System üblich.

Ein weltweites Erfolgssystem

In sehr vielen Staaten werde derzeit mit Ziffernnoten gearbeitet, bemerkt Johannes Jung. „Es ist erstaunlich, dass sich Noten weltweit zu einem absolutes Erfolgssystem entwickelt haben.“ Und in Deutschland, wo die Zensurenvergabe seit nunmehr rund 150 Jahren etabliert ist, sei während dieses ganzen Zeitraums an der Bewertungsskala nur wenig verändert worden.

Allerdings gibt es einige Abweichler: Der Verzicht auf Noten ist beispielsweise ein Kernpunkt der Pädagogik nichtstaatlicher Reformschulen wie der Waldorf- oder Montessori-Schulen. Dort wird das Lernverhalten der Schüler meist anhand ausführlicher Verbalgutachten dokumentiert. Möchten die Schüler lieber ein Zeugnis mit Noten bekommen, müssen sie dies eigens beantragen.

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