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Donald C. Johanson mit dem Kopf von Australopithecus afarensis, einem Vormenschen.

"Lucy"

Die Entdeckung des aufrechten Gangs

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44 Jahre nach dem Skelett-Fund von "Lucy" ist der US-amerikanische Paläoanthropologe Donald C. Johanson zu Gast im Frankfurter Senckenberg Naturmuseum.

Wieder und wieder hörten die Paläoanthropologen um Donald C. Johanson „Lucy in the sky with diamonds“ von den Beatles auf ihrem Kassettenrekorder, als sie am Abend des 24. November 1974 in der äthiopischen Afar-Region die Ausgrabung eines zu 40 Prozent erhaltenen Vormenschen-Skeletts feierten. So kam das bis heute wohl berühmteste Fossil der Menschheitsgeschichte mit der wissenschaftlichen Bezeichnung AL.288-1 zu seinem griffigen Namen „Lucy“.

Diese Lucy lebte vor rund 3,2 Millionen Jahren und ist im Alter von etwa 18 Jahren gestorben – wahrscheinlich, weil sie von einem Baum gefallen war, wie eine Untersuchung im Jahr 2016 ergab, bei der zahlreiche Verletzungen an den Knochen festgestellt wurden. Heute wird Lucy im Nationalmuseum von Äthiopien in Addis Abeba verwahrt. Lucys „Entdecker“ Donald C. Johanson, ist am morgigen Mittwoch zu Gast in Frankfurt, wo er im Senckenberg Naturmuseum die 17., ausgebuchte Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald-Lecture halten wird; mit dieser Vorlesung wird alljährlich der gleichnamige Gründer der paläoanthropologischen Abteilung der Senckenberg Gesellschaft geehrt. Der US-amerikanische Paläoanthropologe wird dabei gewiss nicht nur „von früher“ erzählen. Obwohl mittlerweile 75 Jahre alt, forscht er heute immer noch; insbesondere beschäftigt ihn die Frage, was uns Menschen ausmacht.

Johanson ist Professor für Anthropologie an der Arizona State University in Tempe und Gründungsdirektor des dort angesiedelten Institute of Human Origins. Neben seinen großen Forschungserfolgen dürfte einer seiner wichtigsten Verdienste darin bestehen, dass es ihm gelang, auch viele fachfremde Menschen für die Paläoanthropologie zu begeistern. Sein Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichtes und weltweit übersetztes Buch „Lucy – die Anfänge der Menschheit“ gilt als eines der herausragenden Werke populärwissenschaftlicher Literatur, seine Webseite www.becominghuman. org ist preisgekrönt. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa benannte eine Sonde nach Lucy und einen Asteroiden, an dem sie 2025 vorbeifliegen soll, nach Donald Johanson.

Es bedeutete eine wissenschaftliche Sensation, als der damals 31-Jährige und sein Kollege Tom Gray Lucys Überreste vor 44 Jahren aus dem Boden der Afar-Tiefebene bargen – und das nicht alleine, weil so außergewöhnlich viele Teile des Skeletts erhalten waren. Die Untersuchung der Knochen belegte vielmehr, dass dieses Geschöpf vor mehr als drei Millionen Jahren bereits aufrecht gegangen war. Der Fund veränderte den Stammbaum der Menschen, der freilich stets ein vorläufiger bleibt. So ist bis heute umstritten, ob Lucy, die zur Art des Australopithecus afarensis gehört, eine direkte Vorfahrin der modernen Menschen war. Und auch der Status als erste aufrecht gehende Vormenschen wurde Lucy und ihresgleichen streitig gemacht, als 1994 im kenianischen Kanapoi der Unterkieferknochen eines von 4,2 Millionen Jahre alten Australopithecus amanensis gefunden wurde, der diese Fortbewegungsart mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls bereits beherrschte.

Zurück zu Lucy: Australopithecinen der Art afarensis besiedelten vor 3,8 bis drei Millionen Jahren den afrikanischen Kontinent. Bis heute wurden mehrere hundert Knochenfragmente in Äthiopien, Kenia und Tansania gefunden. In der Afar-Tiefebene gruben die Forscher nicht nur die Überreste von Lucy aus, sondern auch die etlicher weiterer Individuen. Sie alle sind unter dem Begriff „First Family“ in die Fachliteratur eingegangen.

Eine ziemlich bunte Familie: „Die Knochenfragmente zeigen eine große Variabilität“, sagt Paläoanthropologe Ottmar Kullmer vom Senckenberg Forschungsinstitut in Frankfurt. Sehr ursprüngliche, affenähnliche Merkmale seien ebenso zu finden wie solche, die bereits als menschentypisch zu betrachten sind. Zu letzteren gehören Kniegelenke und Beckenschaufeln, deren Anatomie den aufrechten Gang ermöglichte. Allerdings bewegten sich diese Vormenschen nicht nur auf dem Boden. Die Schulterblätter, die langen Arme und die gebogenen Fingerknochen weisen darauf hin, dass sie noch die Fähigkeit besaßen, in Bäumen zu klettern.

Australopithecus afarensis erreichte eine Größe von einem bis 1,30 Meter, was den Maßen eines Schimpansen entspricht, wie Ottmar Kullmer erläutert. Wie stark ausgeprägt der Sexualdimorphismus, die Unterschiedlichkeit im Erscheinungsbild der Geschlechter, war, ist ebenfalls umstritten.

Affenähnlich sind das Fehlen eines Kinns und der vorspringende Kiefer sowie die asymmetrischen Vorbackenzähne – nicht jedoch die wie bei Menschen eher u-förmigen statt parallel angeordneten Zahnreihen und die relativ kleinen Eckzähne. Das Gehirn wiederum entspricht in puncto Größe mit 400 bis 500 Kubikzentimetern etwa dem eines Schimpansen und liegt deutlich unter dem von Homo sapiens mit bis zu 1500 Kubikzentimetern.

Das kleine Gehirn könnte allerdings über die kognitiven Fähigkeiten von Australopithecus afarensis hinwegtäuschen. Von der Größe lasse sich nicht direkt auf die Intelligenz schließen, sagt Ottmar Kullmer. Tatsächlich seien in der Nähe der Fundstelle in der Afar-Region Schnittspuren an 3,4 Millionen Jahre alten Knochen von Antilopen und anderen Tieren gefunden worden. Sie deuteten darauf hin, dass das Fleisch mit Steinwerkzeugen von den Knochen gelöst worden sei, sagt der Paläoanthropologe.

Der aufrechte Gang stand dabei in direktem Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Intelligenz. „Die Vormenschen hatten die Hände frei und mehr Bewegungsspielraum, um hochwertige Nahrung zu bekommen, deren Qualität noch zunahm, wenn man sie mit Werkzeugen bearbeitete“, erläutert Kullmer. „Mehr energiereiche Nahrung sorgte zudem dafür, dass die Vormenschen Zeit gewannen, um sich anderen Dingen zu widmen wie zum Beispiel sozialen Strukturen oder Strategien für das Jagen.“ Der Fleischkonsum stieg rasant und beförderte die Entwicklung des Gehirns – vermutlich, weil der Verdauungsapparat aus tierischer Nahrung mehr wertvolle Proteine und Fette gewinnen konnte als aus pflanzlicher.

Nicht einig ist sich die Forschung allerdings, ob von Australopithecus afarensis eine direkte Linie hin zu Homo sapiens führte. „Dafür gibt es nicht genug Anhaltspunkte“, sagt Ottmar Kullmer. Als unmittelbarer Vorfahre der ersten Vertreter der Gattung Homo gilt der Australopithecus africanus, der jünger ist als Australopithecus afarensis. Aber wie die beiden Australopithecus-Arten genau miteinander verbandelt sind, ist nicht ganz klar. Auch Lucy selbst gibt weiterhin Rätsel auf. Schien anfangs sicher zu sein, dass sich um ein Mädchen handelte, so gehen einige Forscher heute davon aus, dass Lucy in Wirklichkeit ein Mann war.

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