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Wilhelm Conrad Röntgens Entdeckung war bahnbrechend und veränderte die gesamte Medizin.
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Wilhelm Conrad Röntgens Entdeckung war bahnbrechend und veränderte die gesamte Medizin.

Nobelpreisträger

Entdecker mit Lampenfieber

  • vonEckart Roloff
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Wilhelm Conrad Röntgen erhielt 1901 den ersten Nobelpreis für Physik. Er weigerte sich, eine Rede zu halten – aus Angst.

Jetzt sind sie wieder zu besichtigen, das Fernsehen macht da immer gern mit: bei der Übergabe der Nobelpreise für Chemie, Physik, Medizin und Literatur in Stockholm. Wie gewohnt am 10. Dezember, weil der Stifter Alfred Nobel 1896 an einem 10. Dezember gestorben war. Es gibt weltweit wohl – neben den Krönungen von Kaisern und Königen – nur wenige Zeremonien, die so festlich, aber auch festgezurrt vor sich gehen, mit strengem Protokoll und minutiösem Ablaufplan.

Zum Programm gehört eine Verpflichtung, die dem Vermitteln von Wissenschaft dienen und den möglichst verständlich gemachten Weg in die Öffentlichkeit finden soll: ein Festvortrag der Preisträger über ihr soeben prämiertes Werk. So ist es in den Statuten von Anfang an festgelegt. Als Wilhelm Conrad Röntgen im November 1895, also vor 125 Jahren, in seinem Würzburger Labor „eine besondere Art von Strahlen“ entdeckte, wie er sie zunächst nannte, und als er dafür 1901 den ersten Nobelpreis für Physik erhielt, da schien dies sicher: Auch er würde diesen Vortrag halten, jedoch vor einem ungewohnten, sehr gemischten Publikum. Es sollte dabei um einen, seinen Durchbruch gehen, der der Diagnostik völlig neue Chancen geöffnet und den staunenden Laien unzählige Witze und Karikaturen über den durchsichtig gewordenen Menschen beschert hatte, dazu viel Bewunderung, aber auch Zweifel.

Es kam anders, als es kommen sollte. Röntgen fuhr zwar per Zug nach Stockholm – das königlich bayerische Kultusministerium hatte seinen Reiseantrag vom 6. Dezember rasch bewilligt – und nahm den Preis aus der Hand von König Oscar II. entgegen. Er dankte ihm knapp, doch der avisierte Vortrag entfiel. Warum das? Röntgen war dazu nicht bereit. Er, der als Universitätslehrer in Würzburg, Straßburg, Gießen und München schon unzählige Male aufgetreten war, hatte offenbar heftige Probleme, dies auch hier zu tun.

Nun gestatten es die Statuten, den Vortrag spätestens sechs Monate danach zu halten. Erlaubt sind sogar ein paar Prisen Humor. Wie auch immer – Röntgen machte nicht mit; er reiste gleich am Tag nach der Verleihung ab. Zuvor hatte er dem Preiskollegium mitgeteilt, „dass ich noch nicht sagen kann, ob ich einen Vortrag bald nach der Verleihung halten kann“. Nähere Gründe nannte er nicht. In Schweden war man so freundlich, ihm einen Termin erst nach dem dort langen Winter vorzuschlagen: den 21. Mai 1902.

Doch auch das gefiel Röntgen nicht. Er fragte die Herren, ob es möglich sei, dass „ich meinen Vortrag erst Ende Juli oder Anfang August hielte“, da denn in Bayern Semesterferien seien und er nicht schon wieder Urlaub beantragen wolle. Nun, einem solchen Laureaten wäre der wohl gewährt worden. Und die Stiftung ist so großzügig (oder genervt), ihm gegen das Statut Zeit bis zum Herbst zu geben. Röntgen quittiert das mit dem Geständnis, dieser neuerliche Aufschub habe ihn „wie von einem Alp befreit“.

Rummel um seine Person mochte Röntgen nicht.

Wird der Fall nun pathologisch, ruft nach spezieller Diagnose? Einen Kollegen lässt Röntgen wissen, dass alles noch in der Schwebe sei, „weil ich noch nicht zu einem festen Plan für einen Vortrag gelangt bin“ – und dies bei „seinem“ Thema, zu dem er selbst gesagt hatte, dass er „von seinen schönen Versuchen ganz begeistert“ sei. Am 1. Oktober 1902 jedoch teilt er der Akademie mit, bald nach Stockholm aufzubrechen und dort am 2. Oktober referieren zu wollen. In einem Brief gesteht er dazu jedoch: „Es ist der erste öffentliche Vortrag, den ich zu halten habe, und ich habe, was man darf, Lampenfieber.“

Das ist ein ehrliches Wort, doch die Diskrepanz zwischen Vorlesungen vor x Studenten und dem einem Auftritt als hochdekorierter Forscher, der zuvor bereits gut ein dutzendmal ausgezeichnet worden war, bleibt rätselhaft. Wir wissen nur, dass er keinen Rummel um seine Person mochte. Für die Abreise aus München war schon alles vorbereitet, doch am Tag zuvor traf ein Schreiben des Komiteevorsitzenden ein. Darin hieß es, dass ein Vortrag „nach den Statuten zwar erwünscht, aber nicht unbedingt notwendig ist“ – eine allzu freihändige Auslegung, die Röntgen begeistert haben muss. Dem freilich folgte ein Telegramm aus Stockholm: „Vielleicht besser zu kommen.“ Das hinderte den Lampenfiebrigen nicht, wie sein Biograf Albrecht Fölsing anmerkt, „in völlig verquerer Logik den Schluss zu ziehen, nicht zu reisen“. Fölsing spricht sogar von Röntgens „konfusen Zumutungen bar jeder Stringenz“.

Nach weiterem Hin und Her blieb es bei Röntgens Nicht-Reise. Angelika Schedel verweist ihn ihrer Darstellung zu dessen Leben und Werk darauf, wie Röntgens Frau Berta (ihre Hand war 1895 sein erstes Motiv) sich dazu äußerte: „Mein Schatz freut sich furchtbar“, dass aus der Fahrt nichts werde. Zwei Jahre danach bekam der den Band mit den Vorlesungen von damals. Darin war auch vermerkt, dass der Preisträger für Physik keinen Vortrag gehalten habe. Dazu schwieg Röntgen, als er sich beim Komitee für das Buch sehr freundlich bedankte.

Auch auf einem anderen Gebiet bewies Röntgen Ungewöhnliches: Er war fest davon überzeugt, dass „seine Erfindungen und Entdeckungen der Allgemeinheit gehören“. Deshalb dürfen sie „nicht nur Patente, Lizenzverträge u. dgl. einzelner Unternehmungen vorbehalten bleiben“. Er hatte ferner erfahren, dass die US-Vertreter großer Firmen die ersten waren, „die ihm Millionen vor seine Augen hielten“. Die wollte er nicht.

Unter dem Titel „Wilhelm Conrad Röntgen – den X-Strahlen auf der Spur“ ist im Verlag Nünnerich-Asmus (Oppenheim) für 18 Euro ein Röntgen-Reisebegleiter erschienen, herausgegeben von Uwe Busch und Wilfried Rosendahl. Auf 136 Seiten mit 121 Abbildungen stellt er 50 Stätten vor, darunter die Röntgen-Museen in Remscheid-Lennep und Würzburg, die für Röntgens Leben und für die Entdeckung, Geschichte und Nutzung der Strahlen wichtig waren.

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