Medizin

Endometriose: Diese Erkrankung bei Frauen wird oft übersehen - Arzt äußert sich: „gesellschaftliches Problem“

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Endometriose ist eine häufige Erkrankung bei Frauen. Viele Betroffene leiden unter starken Schmerzen und unerfülltem Kinderwunsch. 

  • Endometriose ist weit verbreitet, meist gutartig, aber sehr schmerzhaft für Betroffene
  • Dabei wächst die Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle
  • Die Erkrankung wird häufig übersehen, oft dauert es mehr als sieben Jahre bis zur Diagnose

Etwa jede zehnte Frau hat Endometriose. Die Wucherungen des Gebärmutter-Gewebes verlaufen zwar so gut wie nie bösartig, aber viele Betroffene müssen jahrelang mit starken Schmerzen leben. Auch, weil über die Ursachen der Erkrankung so wenig bekannt ist

Endometriose: Eine typische Leidensgeschichte - Erkrankung erst mit Mitte 30 diagnostiziert

Jahrelang dachte die junge Frau, dass die unerträglichen Schmerzen während ihrer Periode normal seien. Und dass sie auch die starken Blutungen eben irgendwie aushalten müsse. Mit ihrem Frauenarzt redete sie deshalb nicht darüber – und weil die Tastuntersuchung des Unterleibs keine Auffälligkeiten zeigte, ahnte auch er nichts von den Beschwerden seiner Patientin. Erst mit Mitte dreißig sprach sie ihre Probleme an – und erst dann wurde ihr nach einer Bauchspiegelung die richtige Diagnose gestellt: Endometriose.

Ein anderer Fall: Auch die heute 37 Jahre alte Frau hat einen langen Leidensweg hinter sich. Mit 25 mussten ihr wegen einer Endometriose Teile des Darms entfernt und ein künstlicher Darmausgang gelegt werden, es folgten weitere Operationen, bei denen sie auch einen Teil ihrer Eierstöcke verlor. Trotzdem wollte sie unbedingt schwanger werden und nahm dafür viel auf sich: Ihr restliches Eierstockgewebe wurde mit Hormonen stimuliert, sodass sich schließlich zwei Eizellen gewinnen ließen. Bei einer davon gelang die künstliche Befruchtung. Heute ist die Frau Mutter einer kleinen Tochter.

Endometriose: Oft mehr als sieben Jahre bis zur Diagnose - häufige Ursache für Kinderlosigkeit

Es sind zwei typische Beispiele: Endometriose ist zwar die am weitesten verbreitete gutartige gynäkologische Erkrankung bei Frauen, wird aber sehr oft übersehen. Nach Angaben der Endometriose-Liga dauert es oft mehr als sieben Jahre, bis sie diagnostiziert und behandelt wird. Nicht selten wird eine Endometriose erst dann erkannt, wenn eine Frau nicht schwanger werden kann. Denn Endometriose ist eine der häufigsten Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit und künstliche Befruchtung, sagt der Gynäkologe Konstantin Manolopoulos, Leiter des Kinderwunsch- und Endometriose-Zentrums Offenbach, der die Patientin aus dem zweiten Fallbeispiel behandelt hat. Laut Endometriose-Liga ist bei der Hälfte aller Frauen, die nicht schwanger werden können, eine Endometriose der Grund dafür. Bei unerfülltem Kinderwunsch müsse man deshalb immer auch an diese Erkrankung denken, sagt Manolopoulos.

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Auch trotz des Corona Virus bleibt die Endometriose nicht still. Sie wuchert und schmerzt in den meisten Fällen weiter. Der März steht im Zeichen der Endometriose 🎗 Er wird als #endomarch bezeichnet! Und genau deswegen möchte ich dieses Bild noch mal nutzen, um weiterhin aufzuklären. Denn wie eben schon gesagt, die Endometriose steht bei den Meisten nicht still (Gibt natürlich auch positive Fälle). Sie ist chronisch, macht was sie will und muss man jederzeit erneut mit ihr auskommen - sich mit ihr im besten Fall anfreunden💛 Dass die Endometriose keine spezielle Krankheit ist, zeigt schon alleine die Tatsache, dass 1 von 10 Frauen betroffen ist. 1 von 200 Millionen finde ich aber noch mal eine deutlich andere Zahl. Zugegeben war ich selber schockiert als ich es las. Ca 200 Millionen Frauen leiden an Endometriose, ein Grund mehr, noch mehr Bewusstsein und Respekt dafür zu schaffen. Verständnis zu zeigen, doch dieses kann man nur entwickeln, wenn man sie versteht. Für die Aufklärung gibt es mittlerweile viele tolle Anlaufstellen. Die @endometriose_vereinigung Deutschland zum Beispiel! Auch auf meinem Kanal findet ihr sämtliche Informationen in den Highlights und natürlich auch in meinem Buch. Jedoch bin ich ein Glück nicht die Einzige, die diese Herzensangelegenheit in Aufklärung umwandelt. Deshalb möchte ich euch hier noch andere Accounts verlinken, die euch ggf.zusätzlich helfen können! @endometriose.n80 @susiwurmi @rose.anne.heise @tiki_wahine @dahasteworte @whyendo @mirimalismus @endoloewin @allaboutchrissi @blondieandherbeast ... und noch viele, tolle mehr! Generell könnt ihr unter dem Hashtag #endometriose oder auch #inderregelbinichstark viele tolle Accounts finden. Falls ihr lust habt, dann markiert doch noch weitere Accounts in den Kommentaren. Lasst uns diese Message gemeinsam verbreiten und das Ganze zu unserer Mission machen!💛💛💛

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Schätzungen gehen davon aus, dass fünf bis 15 Prozent aller Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren unter einer Endometriose leiden. Der Begriff leitet sich ab vom griechischen Wort Endometrium für Gebärmutterschleimhaut. Diese wächst unter dem Einfluss der weiblichen Geschlechtshormone Östrogen und Progesteron heran und wird regelmäßig mit der Regelblutung abgestoßen. Bei einer Endometriose siedelt sich die Gebärmutterschleimhaut auch außerhalb der Gebärmutterhöhle an, etwa im Bauchraum und im Becken. Befallen werden können die Eierstöcke und Eileiter, die Haltebänder der Gebärmutter, das Bauchfell, die Harnblase, der Darm, in seltenen Fällen auch Lunge, Leber, Haut und andere Organe.

Endometriose: Entzündungen werden freigesetzt - sogenannten „Schokoladenzysten" können entstehen

Auch dort folgt die Schleimhaut dem gleichen Zyklus wie in der Gebärmutter – jedoch mit dem Unterschied, dass das Blut nicht durch die Scheide aus dem Körper fließen kann. Da die Endometriosezellen außerhalb der Gebärmutter häufig Entzündungsstoffe freisetzen, reizen sie das umliegende Gewebe, erklärt Manolopoulos. In der Folge könne es zu Abwehrreaktionen, Entzündungen und Verwachsungen an den betroffenen Stellen kommen. Staue sich das Blut an einem bestimmten Herd, zum Beispiel im Eierstock, so bilden sich dort sich Zysten, die wegen ihres blutbraunen Inhalts auch Schokoladenzysten genannt werden. Organe können in ihrer Arbeit behindert oder Teile davon sogar absterben. „Es ist eine destruktive Erkrankung“, sagt Manolopoulos: „Sie zerstört Gewebe, wächst infiltrierend, wie Krebs, nur dass sie nicht bösartig ist.“

Je nach Lokalisation und Ausbreitung kann eine Endometriose nahezu unbemerkt verlaufen oder aber massive Beschwerden verursachen – wobei deren Stärke nicht unbedingt Rückschlüsse auf das Ausmaß der Endometriose zulässt, wie Manolopoulos sagt. So könnten auch kleine Herde beispielsweise am Bauchfell zu extremen Schmerzen führen, während sich große Zysten unter Umständen kaum bemerkbar machen.

Endometriose: Betroffe leiden auch unter Schmerzen beim Geschlechtsverkehr

Zu den häufigsten Symptomen gehören übermäßig schmerzhafte und starke Regelblutungen. Besonders heftig fallen die Krämpfe aus, wenn sich Herde im Bereich der Muskulatur gebildet haben. „Denn diese betrachtet die Schleimhautzellen als Fremdkörper und versucht, sie mit Kontraktionen abzustoßen“, erklärt Manolopoulos. Typischerweise treten die Beschwerden bereits einige Tage vor der Blutung auf. Im fortgeschrittenen Stadium leiden die Frauen zudem oft unter diffusen Unterleibsbeschwerden oder Rückenschmerzen außerhalb ihrer „Tage“ oder unter Zwischenblutungen. Auch Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang können von einer Endometriose herrühren.

Auf den Kinderwunsch kann sich eine Endometriose vor allem dann auswirken, wenn die Eileiter befallen sind und es dort zu Verwachsungen, Verklebungen oder auch Vernarbungen kommt. Auch Zysten in den Eierstöcken, die sich durch Endometriose bilden, können die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Außerdem können die mit der Erkrankung einhergehenden Entzündungsprozesse das biochemische Gleichgewicht des Körpers stören und ein Schwangerwerden erschweren.

Endometriose: Oft spät diagnostitiert - Arzt spricht auch von einem gesellschaftlichen Problem

Als Laie mag man sich denken, dass solche Herde außerhalb der Gebärmutter leicht zu erkennen sein müssten. „Doch das ist nur dann der Fall, wenn es tastbare Schwellungen im Bauchraum gibt oder eine Patientin Schmerzen bei der Untersuchung verspürt“, erklärt Manolopoulos. Für einen eindeutigen Nachweis jedoch sei eine Bauchspiegelung mit Gewebeentnahme notwendig.

Aktuell werde auch an Biomarkern geforscht, um die Erkrankung im Blut nachzuweisen oder auszuschließen, sagt Stefan Renner, Chefarzt der Frauenklinik am Klinikum Sindelfingen-Böblingen. „Obwohl es immer wieder vielversprechende Ergebnisse hierzu gibt, ist es leider noch nicht gelungen, einen sicheren Test zu etablieren.“ Dass die Erkrankung oft so spät diagnostiziert wird, hängt nach Ansicht des Mediziners auch damit zusammen, dass Regelschmerzen immer noch als „normal“ angesehen würden. „Das ist sowohl ein gesellschaftliches Problem – ,stelle dich nicht so an, ich hatte/habe auch Schmerzen bei der Periode‘ – als auch ein unterschätztes Problem in Frauenarztpraxen“, sagt Renner.

Endometriose: Ursachen sind noch immer ungeklärt

So häufig die Endometriose ist, so wenig geklärt sind ihre Ursachen. Eine Theorie lautet, dass sich bei der Entwicklung der Geschlechtsorgane im Fötus versprengte Endometriumszellen ortsfremd ansiedeln. Einer anderen Vermutung zufolge fließen bei der Menstruation Blut und Schleimhaut nicht nur nach außen ab, sondern können über die Eileiter in die Bauchhöhle und über die Blutbahn praktisch an jeden Ort im Körper gelangen. Eine weitere Erklärung könnte sein, dass sich Gebärmutterschleimhautzellen auch außerhalb der Gebärmutter bilden. Und wie so häufig spielt möglicherweise auch das Immunsystem eine Rolle.

All diese Theorien könnten jedoch die Entstehung der Erkrankung und ihr heterogenes Erscheinungsbild „nicht ausreichend in allen Varianten erklären“, sagt Harald Krentel, Chefarzt der Klinik für Frauenheilkunde, Geburtshilfe, Gynäkologische Onkologie und Senologie am Bethesda Krankenhaus Duisburg: „Vermutlich handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen verschiedener genetischer und epigenetischer Mechanismen.“ Endometriose tritt familiär gehäuft auf, es fänden sich immer wieder Beispiele, wo die Erkrankung in den verschiedenen Generationen auftritt, sagt Krentel. Auch der Lebensstil könne Einfluss nehmen, bislang existierten jedoch nur wenige Daten zur Auswirkung von Ernährung und Sport.

Endometriose: So behandelt man die Erkrankung bisher

Das mangelnde Wissen über die Ursachen hat bislang die Entwicklung einer heilenden Therapie und vorbeugender Maßnahmen verhindert. Hilflos ausgeliefert sind Frauen der Erkrankung gleichwohl nicht. Starke Schmerzen bei der Periode lassen sich mit Schmerzmitteln und krampflösenden Wirkstoffen lindern; Patientinnen sollten den Griff zur Tablette nicht scheuen, damit unbehandelte Schmerzen sich nicht verselbstständigen, raten Experten. Alternativ könne man unterstützend mit Akupunktur versuchen, Schmerzreize zu unterbrechen und die Beschwerden zu mindern, sagt Konstantin Manolopoulos. Es gibt auch die Möglichkeit, Endometriose operativ entfernen zu lassen: Kleinere Herde ließen sich meist per Bauchspiegelung entfernen, erklärt Stefan Renner, bei großflächigem Befall und Verklebungen könne ein größerer Bauchschnitt erforderlich werden. Verschiedene hormonelle und antihormonelle Therapien sollen nach einem Eingriff das Risiko senken, dass die Endometriose wiederkehrt.

Ob mit oder ohne Operation: Der Erfolg einer medikamentösen Therapie ist davon abhängig, ob die Zellen Hormonrezeptoren haben oder nicht. Nach Angaben der Stiftung Endometriose Forschung trifft das auf rund 70 Prozent der Herde zu; feststellen lässt sich das allerdings nur durch aufwendige Gewebe-Untersuchungen. Bei der hormonellen Behandlung gibt es mehrere Möglichkeiten: Medikamente mit Progesteron sollen das Wachstum der Gebärmutterschleimhaut hemmen. Die Tabletten müssen dauerhaft und ohne Pause eingenommen werden, erklärt Konstantin Manolopoulos: „Es kommt dann zu keiner Regelblutung mehr.“ Nebenwirkungen können allerdings Gewichtszunahme, Ödeme, depressive Verstimmungen und Zwischenblutungen sein.

Endometriose: Behandlung bei schweren Verläufen ist Unterdrückung von Östrogen - künstliche Wechseljahre

Bei schweren Formen der Endometriose, nach einer Operation oder auch bei inoperabler Endometriose kommen sogenannte GnRH-Analoga infrage (GnRH steht für „Gonadotropin-Releasing-Hormon“). Sie sollen die Bildung des weiblichen Geschlechtshormons Östrogen unterdrücken und auf diese Weise die Endometriose „austrocknen“. Die Patientinnen versetzt das allerdings in künstliche Wechseljahre – als Nebenwirkungen können deshalb Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerzen und Libidoverlust auftreten.

Die Therapieoptionen sind also nicht wirklich optimal. Doch es gibt auch positive Nachrichten: Zu bösartigen Veränderungen führt die Krankheit fast nie. Und mit den Wechseljahren findet die Pein in der Regel ein Ende. „Sie wirken wie eine Antihormontherapie“, erklärt Stefan Renner. „Die meisten Herde werden hierdurch verkleinert, auch wenn sie nicht ganz verschwinden. Allerdings können sie wieder aktiv werden, wenn Frauen zur Linderung von Wechseljahresbeschwerden Hormone einnehmen.“

Auch in der Schwangerschaft und Stillzeit ist die Erkrankung rückläufig, sagt Konstantin Manolopoulos. Frauen mit Endometriose empfiehlt er deshalb, lange zu stillen – und für den Fall, dass sie ein weiteres Kind wollen, in möglichst kurzem Abstand zu versuchen, wieder schwanger zu werden.

Interview: Eine Betroffene erzählt von ihrem Leiden.

Rubriklistenbild: © PantherMedia / sognolucido

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