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Auch die Gletscher im Los Glaciares Nationalpark in Argentinien ziehen sich kontinuierlich weiter zurück.

Gletschereis

Eisriesen schrumpfen dramatisch schnell

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Jedes Jahr gegen 335 Milliarden Tonnen Gletschereis verloren. Besonders stark betroffen ist Alaska.

Diese Zahlen dürften die Vorstellungskraft der meisten Menschen überschreiten: Kaum fassbare 9625 Milliarden Tonnen (oder auch: mehr als neun Billionen Tonnen) haben die Gletscher in den Jahren zwischen 1961 und 2016 weltweit an Eis eingebüßt. Verloren ging es durch Schmelze – was wiederum zu mehr Wasser in den Ozeanen geführt hat. Auf das Konto des verflüssigten Gletschereises geht eine Erhöhung des globalen Meeresspiegels um 27 Millimeter in diesem Zeitraum – das entspricht 25 bis 30 Prozent des gesamten Anstiegs seit 1961.

Zu diesem beunruhigende Ergebnis ist ein internationales Team von Wissenschaftlern unter der Leitung der Universität Zürich gekommen. Neben mehreren Hochschulen und Instituten war auch die europäische Weltraumorganisation Esa mit ihrem Forschungsprogramm „Klimaschutzinitiative“ an der Studie beteiligt. Der Eisverlust der Gletscher entspreche in etwa jenem des Grönländisches Eisschildes und übertreffe damit „deutlich den Beitrag des Antarktischen Eisschildes“, sagt der Glaziologie Michael Zemp, Leitautor der Studie, die im Fachmagazin „Nature“ erschienen ist. Die Wissenschaftler kombinierten für ihre Arbeit die traditionellen glaziologischen Feldmessungen mit den Daten verschiedener Erdbeobachtungssatelliten, um die Veränderungen bei der Höhe und Masse der mehr als 19 000 Gletscher weltweit zur rekonstruieren.

Nun ist die Gletscherschmelze kein unbekanntes Phänomen. Seit Jahren weiß man, dass der Klimawandel die Eisriesen schrumpfen lässt. Neu an den jetzt präsentierten Zahlen und Fakten sind die Präzisisierung des gewaltigen Ausmaßes und die Erkenntnis, wo diese Prozesse am dramatischsten ablaufen.

„Jedes Jahr verlieren die Gletscher weltweit dreimal so viel Eis, wie es heute in den gesamten europäischen Alpen existiert“, veranschaulicht der Gletscherforscher Mark Drinkwater, Senior-Berater in der Meeres- und Eisforschungsabteilung der Esa. In Zahlen heißt das: Jährlich gegen 335 Milliarden Tonnen Gletschereis verloren, was einen Anstieg des Meeresspiegels von knapp einem Millimeter pro Jahr bewirkt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben.

Gletscher in Alaska besonders betroffen

Am härtesten getroffen hat es nach Erkenntnissen der Forscher die Gletscher in Alaska Die Schmelze dort mache 70 Prozent des gesamten Eisverlustes an den Gletschern aus, sagt Mark Drinkwater. Warum das so ist? Die Temperaturen in den am stärksten tangierten Regionen steigen dreimal so schnell wie im Rest der Welt, erklärt der Esa-Wissenschaftler. Im traurigen Ranking folgen auf Alaska die Gletscher am Rande des grönländischen Inlandeises und die Eisfelder in den südlichen Anden. Schwere Einbrüche gab es zudem bei den Gletschern in der kanadischen und russischen Arktis sowie in Spitzbergen.

Auch in den europäischen Alpen, dem Kaukasus und in Neuseeland ging kräftig Eis verloren, „ihr Beitrag zum Meeresspiegelansteig bleibt aber wegen der relativ kleinen Gletscherflächen beschränkt“, schreiben die Forscher der Universität Zürich. Das einzige Gebiet, wo seit 1961 die Eismasse zugelegt hat, ist Südwestasien (indischer Subkontinent). Diese Region gewann 119 Gigatonnen Eis dazu – allerdings haben die benachbarten südostasiatischen Länder etwa die gleiche Menge verloren. Im Himalaya helfe die enorme Höhe, außerdem bekämen die Gletscher über die feuchte Luft, die der Monsun produziere, dort noch regelmäßig reichlich Schnee ab, sagt Mark Drinkwater.

Der weltweite Eisverlust an den Gletschern hat sich nach den Erkenntnissen der Forscher insbesondere in den vergangenen 30 Jahren stark bechleunigt. „In den 1980er Jahren ließ die Gletscherschmelze den Meeresspiegel jedes Jahr noch um 0,2 bis 0,3 Millimeter anwachsen. Zwischen 2011 und 2016 war es bereits ein Millimeter pro Jaht“, erklärt Drinkwater.

Mit diesen Dimensionen stellt das schmelzende Gletschereis nach der Erwärmung des Wassertemperaturen in den Ozeanen den zweiten Hauptgrund für den Anstieg des globalen Meeresspiegels dar. Doch die Gletscherschmelze hat noch weitere dramatische Auswirkungen: Den Ozeanen führt sie mehr Wasser zu - den Menschen hingegen nimmt sie es. In vielen Regionen sind die Bewohner auf das Eis aus den Gletschern angewiesen. Sei benötigen es als Trinkwasser, für ihre Felder und zur Energiegewinnung. Tatsächlich hängt die gesamte Wasserversorgung der Menschheit wesentlich vom Eis und Schnee der Polargebiete und der Gletscher ab: Sie liefern drei Viertel der weltweiten Süßwasserreserven, nur ein Viertel stammt vom Grundwaasser, aus Seen, Flüssen oder dem Wasse in der Atmosphäre.

Außerdem erhöht die Gletscherschmelze auch das Risiko weiterer Naturgefahren. Dazu gehören gefährlich Gletscherseeausbrüche, bei denen sich riesige Wassermengen ins Tal ergießen können. Ebenso wird der bislang dauerhaft gefrorene Boden instabil, was Erdrutsche und und Bergabgänge nach sich ziehen kann. Auch für die Landschaft und die Artenvielfalt haben die schwindenden Eismassen erhebliche Auswirkungen: Gletschertäler mutieren zu Gesteinswüsten, Täler, durch die einst Bäche und Flüsse strömten, werden ausgestorben sein, Pflanzen und Tiere keinen Lebensraum mehr bieten. Setzt sich die Gletscherschmelze in diesem Tempo fort, so könnten in einigen Gebirgszügen die Gletscher bis 2100 komplett verschwunden sein, befürchten die Forscher der Universität Zürich. Es sei an den Politikern, etwas zu ändern, sagt Mark Drinkwater. „Wir pokern mit unserer Zukunft.“

Zur Info: Gletscher

Schnee ist der Ursprung und das Lebenselixier jedes Gletschers. Damit ein Gletscher entsteht, muss in einer Region mehr Schnee fallen als abtauen kann. Wenn auf einer Fläche Schnee im Sommer liegenbleibt und dann weiterer Schnee fällt, so drücken die oberen Schichten die darunter liegenden zusammen und pressen sie zu Eis.

Ihr gewaltiges Gewicht lässt die Gletscher jedes Jahr einige Meter ins Tal rutschen. Im unteren Teil, wo es naturgemäß wärmer ist als in den Höhenlagen, schmilzt der Gletscher ab – dieser Teil wird auch als Gletscherzunge bezeichnet.

Zuwachs und Schmelze werden vor allem über die Menge an Niederschlag bestimmt. Forscher haben herausgefunden, dass sich insbesondere kühle und niederschlagsreiche Sommer positiv auf Gletscher auswirken. Aber auch Faktoren wie die Neigung des jeweiligen Hanges oder die Beschaffenheit des Bodens spielen eine wichtige Rolle.

In der Eiszeit bedeckten Gletscher auch große Teile Europas. In Deutschland gibt es heute nur noch fünf Gletscher. Sie befinden sich rund um die Zugspitze und bei Berchtesgaden. Der größte ist der Nördliche Schneeferner, der südlich des Zugspitzgipfels gelegen ist.

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