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Einzelkinder sind egoistisch, intolerant und verwöhnt, sagen die Klischees.

Gastbeitrag

Das Klischee vom Einzelkind

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Einzelkinder sind egoistisch, intolerant und verwöhnt, sagt das Klischee. Was ist dran? Ein Blick in Studien zum Thema.

In Deutschland gibt es rund 13 Millionen junge Menschen unter 17 Jahren. 26 Prozent davon sind Einzelkinder; 48 Prozent haben ein Geschwisterkind, 28 Prozent wachsen mit mehreren Geschwistern auf. In Großstädten, wo die Mieten höher und die Wohnungen kleiner sind, sind 30 Prozent Einzelkinder, auf dem Land nur 24 Prozent. In den neuen Bundesländern sind 35 Prozent aller Kinder Einzelkinder, in den alten lediglich 25 Prozent.

Das häufigste Familienmodell in Deutschland ist der Single-Haushalt, das zweithäufigste die Zwei-Kinder-Familie mit Mutter und Vater, das dritthäufigste besteht aus Mutter, Vater und einem Kind, das vierthäufigste aus einem Kind und einem Elternteil, zumeist ist das die Mutter. Am seltensten ist die Großfamilie.

Harald Rost vom „Staatsinstitut für Familienforschung“ an der Universität Bamberg hat festgestellt, dass in Deutschland die Entscheidung zur Familiengründung immer später fällt, dass die Zahl der Kinder korreliert mit der Miethöhe und mit der Quadratmeterzahl der Wohnung sowie damit, ob beide Elternteile arbeiten oder nur einer. Je höher die Kinderzahl in einer Familie, desto häufiger arbeitet nur ein Elternteil, so dass das Famileneinkommen dann niedriger ist und die Kinder eher knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze aufwachsen.

Einzelkind oder Geschwister: Welche Auswirkung hat das auf die Persönlichkeitsentwicklung?

Schon immer war die Frage interessant, ob die Stellung eines Kindes in der Geschwisterkette Auswirkungen auf seine Persönlichkeitsentwicklung hat. So gibt es zahlreiche Studien weltweit zu Schicksalen von ein- und zweieiigen Zwillingen, von Mehrlingen, von Erstgeborenen, Nesthäkchen, „Sandwichkindern“ (das sind die mittleren Kinder in einer Geschwisterreihe) sowie zu Einzelkindern.

Dabei muss man berücksichtigen, dass Erstgeborene immer auch eine Zeitlang Einzelkinder waren und dass Kinder, deren Geschwister mehr als zwölf Jahre älter sind, sich so ähnlich wie Einzelkinder entwickeln können. Berühmte Einzelkinder waren übrigens Roosevelt, Sartre, Stalin, Elvis Presley oder Indira Gandhi.

Einzelkinder: egoistisch, intolerant, verwöhnt und einsam?

Über Einzelkinder sind schon lange einige Klischees im Umlauf: Sie seien egoistisch, intolerant, verwöhnt, altklug, vorlaut, perfektionistisch, erwachsenenorientiert und irgendwie auch einsam. Die Besonderheit von Klischees ist jedoch, dass sie im Einzelfall überhaupt nicht stimmen. Schaut man aber dennoch auf mehrheitlich vorkommende Tendenzen, ergeben etwa 100 internationale Studien folgendes Bild:

  • Erstgeborene fühlen sich oft „entthront“, wenn irgendwann ein zweites Kind in der Familie auftaucht; sie entwickeln deshalb oft Konkurrenzkompetenzen, die sie allgemein und insbesondere im Berufsleben erfolgreicher geraten lassen; solche erhöhte Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich nicht bei Einzelkindern und bei Nesthäkchen, manchmal aber bei „Sandwichkindern“, die oft die elterliche Zuwendung zu ihnen als zu gering empfinden.
  • Partnerschaften mit anderen Erstgeborenen funktionieren wegen der hohen Konkurrenzkompetenz beider seltener als solche zwischen einem Erstgeborenen und einem Nesthäkchen oder einem mittleren Kind, die Konkurrenz gewohnt sind, so dass es seltener Streit gibt.
  • Ein Kind braucht für seine gesunde Entwicklung – nicht wörtlich gemeint – Mütterlichkeit (das heißt eine Person, die sich an der leiblichen Versorgung orientiert), Väterlichkeit (die Kräfte des Kindes herausfordernd), Großmütterlichkeit (zuständig für Werte, Normen, Sitten, Bräuche), Großväterlichkeit (steht für Historisches und Handwerkliches), das Freundschaftliche (für das Bedürfnis nach Gleichaltrigkeit außerhalb der Familie), den Fachmann (etwa für Musik, Sport, Chemie) und eigentlich auch immer das Geschwisterliche.

Einzelkind: Nur über Geschwister kann das Kind sich ausprobieren

Denn nur über Geschwister kann das Kind ausprobieren: Macht und Unterwerfung, Rangeln, Lügen, Teilen, Sich-Durchsetzen und das Zurückstellen eigener Wünsche. Da eine alleinerziehende Mutter diese Bedürfnisse nur sehr selten allein über ihre Person abzudecken vermag, muss sie dafür sorgen, dass so etwas wie Geschwisterlichkeit im Aufwachsen ihres Einzelkindes auf andere Weise vorkommt, und zwar schon in der Krabbelgruppe, dann in der Krippe, im Kindergarten, in der Vorschule, in der Schule, beim Kinderschwimmen, im Ferienlager oder über das gegenseitige Übernachten bei Freunden; auch mit anderen Familien gemeinsam in den Urlaub zu fahren, gehört dazu. Dana Urban von der „Bundeskonferenz für Erziehungsberatung“ rät deshalb Eltern von Einzelkindern, unbedingt schon in der Sandkiste und auf dem Spielplatz das Teilen von Spielzeug oder von Keksen einzuüben.

  • Eine aktuelle sehr große chinesische Studie, die allerdings nur mit Kindern aus Familien mit einem hohen Bildungsgrad durchgeführt wurde, kommt zum Schluss, dass im Hirn von Einzelkindern die Partien, die für die Sprachkompetenz, für das räumliche Denken sowie für Kreativität und Flexibilität zuständig sind, besser entwickelt sind als bei Kindern mit Geschwistern, hingegen die für Verträglichkeit und Kooperationsbereitschaft aber geringer.

Langzeitstudie vergleicht Einzelkinder mit Geschwisterkindern

  • Ann Layborn von der Universität Glasgow hat in einer großen Langzeitstudie 400 Einzelkinder mit 2000 Geschwisterkindern verglichen. Sie konnte keinerlei Unterschiede in Bezug auf Verhaltensbesonderheiten emotionaler und psychischer Art feststellen, wenn Eltern von Anfang an bewusst dem Einzelkindschicksal entgegensteuern. Job Metsemakers von der niederländischen Universität Limburg nach der Auswertung von 5943 Krankenakten aber schon: Nach seiner Analyse sind Einzelkinder häufiger krank und übergewichtig, während der Gesundheitszustand mit Abstand stets am allerbesten ist, wenn Kinder in Großfamilien aufwachsen.
  • Einzelkinder sind sprachgewandter, weil Eltern mit ihnen häufiger und länger sprechen.
  • Bei einer Scheidung verlieren Einzelkinder im schlimmsten Fall 50 Prozent ihrer Hauptbezugspersonen, Drittgeborene dagegen nur 25 Prozent. Einzelkinder leiden daher wesentlich häufiger und stärker unter der Scheidung ihrer Eltern; am größten ist das Leiden bei Jungen, wenn sie zum Zeitpunkt der Scheidung zehn Jahre alt sind, bei Mädchen hingegen erst, wenn sie 17 Jahre alt sind.

Einzelkinder sind kontaktfreudiger und verlassen früher ihre Familie

  • Einzelkinder sind mehrheitlich kontaktfreudiger als andere Kinder; sie drängen eher in die Erwachsenenwelt, überspringen leider manchmal wichtige kindliche Entwicklungsstufen, weil sie früher und häufiger von einem Elternteil als Gesprächspartner für schlimme Lebensprobleme genutzt werden und weil sie jahrelang im Mittelpunkt der familiären Aufmerksamkeit standen. Sie verlassen auch früher als andere Kinder ihre Familie, studieren eher außerhalb der Stadt, in der sie aufgewachsen sind; zumal ist das bei Mädchen so. Einzelkinder zeigen einen etwas geringeren Familiensinn und lassen sich später häufiger scheiden als Menschen, die mit Geschwistern aufgewachsen sind.
  • Man sagt mit Recht, dass Erstgeborene und Einzelkinder zunächst immer „die ganze Wucht“ der noch unerfahrenen Elternschaft treffe, so dass umgekehrt Eltern mit mehreren Kindern oft berichten, wie viel leichter ihnen die Erziehung der Geschwister gefallen sei. Mütter, die selbst als Einzelkind aufgewachsen sind, tun sich besonders schwer mit der Erziehung des ersten oder des einzigen Kindes.
  • Erstgeborene werden oft nicht so groß wie ihre jüngeren Geschwister, denn erst beim zweiten Kind wirken sich die am ersten Kind gewonnenen Ernährungserfahrungen der Eltern besonders positiv aus.
  • Einzelkinder und Erstgeborene geraten oft angepasster, wirken reifer und vernünftiger und neigen eher zu konservativen Weltbildern als andere Kinder. Revolutionär werden vor allem jüngere Geschwister.

Klischees über Einzelkinder treffen nur in Tendenz zu

Alle herausgestellten Aspekte treffen nur grob in der Tendenz zu. Es gilt nämlich in der Erziehung auch immer die Feststellung, dass eine alleinerziehende berufstätige Mutter mit nur einem Kind, die „gut drauf“ ist, sämtliche statistischen Nachteile, die für die Sozialisation ihres Kindes eine Rolle spielen könnten, durchaus kraft ihrer Persönlichkeit, ihrer Einstellung zu ihrem Kind, ihres Engagements und ihres Organisationstalents mehr als gut auszugleichen vermag. Schließlich gibt es reichlich Eltern, die ihr Einzelkind sehr lieben, es aber dennoch nicht – wie die Statistik voraussagt – verwöhnen – selbst dann nicht, wenn sie einst sehr lange auf seine Geburt warten mussten.

Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist von ihm „Das Erziehungsbuch“ erschienen.

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