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Das Klischee vom Einzelkind

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Von: Peter Struck

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Einzelkinder sind egoistisch, intolerant und verwöhnt, sagen die Klischees.
Einzelkinder sind egoistisch, intolerant und verwöhnt, sagen die Klischees. © Monika Skolimowska/dpa

Einzelkinder sind egoistisch, intolerant und verwöhnt, sagt das Klischee. Was ist dran? Ein Blick in Studien zum Thema.

In Deutschland gibt es rund 13 Millionen junge Menschen unter 17 Jahren. 26 Prozent davon sind Einzelkinder; 48 Prozent haben ein Geschwisterkind, 28 Prozent wachsen mit mehreren Geschwistern auf. In Großstädten, wo die Mieten höher und die Wohnungen kleiner sind, sind 30 Prozent Einzelkinder, auf dem Land nur 24 Prozent. In den neuen Bundesländern sind 35 Prozent aller Kinder Einzelkinder, in den alten lediglich 25 Prozent.

Das häufigste Familienmodell in Deutschland ist der Single-Haushalt, das zweithäufigste die Zwei-Kinder-Familie mit Mutter und Vater, das dritthäufigste besteht aus Mutter, Vater und einem Kind, das vierthäufigste aus einem Kind und einem Elternteil, zumeist ist das die Mutter. Am seltensten ist die Großfamilie.

Harald Rost vom „Staatsinstitut für Familienforschung“ an der Universität Bamberg hat festgestellt, dass in Deutschland die Entscheidung zur Familiengründung immer später fällt, dass die Zahl der Kinder korreliert mit der Miethöhe und mit der Quadratmeterzahl der Wohnung sowie damit, ob beide Elternteile arbeiten oder nur einer. Je höher die Kinderzahl in einer Familie, desto häufiger arbeitet nur ein Elternteil, so dass das Famileneinkommen dann niedriger ist und die Kinder eher knapp über oder sogar unter der Armutsgrenze aufwachsen.

Einzelkind oder Geschwister: Welche Auswirkung hat das auf die Persönlichkeitsentwicklung?

Schon immer war die Frage interessant, ob die Stellung eines Kindes in der Geschwisterkette Auswirkungen auf seine Persönlichkeitsentwicklung hat. So gibt es zahlreiche Studien weltweit zu Schicksalen von ein- und zweieiigen Zwillingen, von Mehrlingen, von Erstgeborenen, Nesthäkchen, „Sandwichkindern“ (das sind die mittleren Kinder in einer Geschwisterreihe) sowie zu Einzelkindern.

Dabei muss man berücksichtigen, dass Erstgeborene immer auch eine Zeitlang Einzelkinder waren und dass Kinder, deren Geschwister mehr als zwölf Jahre älter sind, sich so ähnlich wie Einzelkinder entwickeln können. Berühmte Einzelkinder waren übrigens Roosevelt, Sartre, Stalin, Elvis Presley oder Indira Gandhi.

Einzelkinder: egoistisch, intolerant, verwöhnt und einsam?

Über Einzelkinder sind schon lange einige Klischees im Umlauf: Sie seien egoistisch, intolerant, verwöhnt, altklug, vorlaut, perfektionistisch, erwachsenenorientiert und irgendwie auch einsam. Die Besonderheit von Klischees ist jedoch, dass sie im Einzelfall überhaupt nicht stimmen. Schaut man aber dennoch auf mehrheitlich vorkommende Tendenzen, ergeben etwa 100 internationale Studien folgendes Bild:

Einzelkind: Nur über Geschwister kann das Kind sich ausprobieren

Denn nur über Geschwister kann das Kind ausprobieren: Macht und Unterwerfung, Rangeln, Lügen, Teilen, Sich-Durchsetzen und das Zurückstellen eigener Wünsche. Da eine alleinerziehende Mutter diese Bedürfnisse nur sehr selten allein über ihre Person abzudecken vermag, muss sie dafür sorgen, dass so etwas wie Geschwisterlichkeit im Aufwachsen ihres Einzelkindes auf andere Weise vorkommt, und zwar schon in der Krabbelgruppe, dann in der Krippe, im Kindergarten, in der Vorschule, in der Schule, beim Kinderschwimmen, im Ferienlager oder über das gegenseitige Übernachten bei Freunden; auch mit anderen Familien gemeinsam in den Urlaub zu fahren, gehört dazu. Dana Urban von der „Bundeskonferenz für Erziehungsberatung“ rät deshalb Eltern von Einzelkindern, unbedingt schon in der Sandkiste und auf dem Spielplatz das Teilen von Spielzeug oder von Keksen einzuüben.

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Klischees über Einzelkinder treffen nur in Tendenz zu

Alle herausgestellten Aspekte treffen nur grob in der Tendenz zu. Es gilt nämlich in der Erziehung auch immer die Feststellung, dass eine alleinerziehende berufstätige Mutter mit nur einem Kind, die „gut drauf“ ist, sämtliche statistischen Nachteile, die für die Sozialisation ihres Kindes eine Rolle spielen könnten, durchaus kraft ihrer Persönlichkeit, ihrer Einstellung zu ihrem Kind, ihres Engagements und ihres Organisationstalents mehr als gut auszugleichen vermag. Schließlich gibt es reichlich Eltern, die ihr Einzelkind sehr lieben, es aber dennoch nicht – wie die Statistik voraussagt – verwöhnen – selbst dann nicht, wenn sie einst sehr lange auf seine Geburt warten mussten.

Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. Im Primus Verlag, Darmstadt, ist von ihm „Das Erziehungsbuch“ erschienen.

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