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Mit ruhiger Hand und wachem Auge: Thilo Beck hat eine Kapkobra mit einem Schlangenstab gefangen.
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Mit ruhiger Hand und wachem Auge: Thilo Beck hat eine Kapkobra mit einem Schlangenstab gefangen.

Kapkobra

Einsamkeit und giftige Schlangen

Was bei den meisten Menschen Panik auslöst, ist für Thilo Beck Alltag: Der 26-Jährige forscht seit zwei Jahren in der Kalahari-Wüste an der Kapkobra. Sie ist eines der gefährlichsten Tiere des Planeten.

Thilo Beck muss die Schlange fest im Griff halten. Obwohl das Tier nicht schwer ist, fordert es all seine Kraft und Konzentration. Ein Fehler könnte tödlich enden. Voller Adrenalin steht Thilo Beck inmitten der Hitze der südafrikanischen Kalahari-Wüste. Jedes Knacken im Gebüsch lässt ihn aufhorchen, jede Bewegung im Gestrüpp lässt seinen Puls weiter steigen, er ist mit den Nerven am Ende. Trotz der Anspannung ist dies auch ein Moment des Triumphes für Beck: Er hat soeben seine erste Kapkobra in freier Wildbahn gefangen.

Wenn er zwei Jahre später von dieser ersten Begegnung erzählt, kann er mittlerweile darüber schmunzeln. Der heute 26-Jährige hat sich an das Leben in der Wüste gewöhnt. Es ist ein Leben zwischen Faszination für die Wildnis und Respekt vor deren Gefahren. Die einzigartige Tierwelt des unbekannten Kontinents Afrika zieht Beck von Kindesbeinen an in den Bann. Schon der Vater hat seine Diplomarbeit in Ghana geschrieben und oft von seinen Eindrücken erzählt.

Das Forschungszentrum in der Kalahari ist auch Becks Zuhause.

Während Mitschüler:innen in Darmstadt sich nach dem Abitur im Jahr 2013 für ein Freies Soziales Jahr oder eine Reise nach Australien entscheiden, verfolgt Beck einen anderen Plan: Er will Afrika endlich selbst kennenlernen. Bekannte bezeichnen Beck als „Alles-oder-Nichts“-Menschen. Wenn er sich etwas vornimmt, zieht er es bis ins Extreme durch. So geht er nach dem Schulabschluss aus der Metropolregion Rhein-Main für ein Praktikum mitten in die Namib-Wüste. Hier lebt er auf einer kleinen Forschungsstation. Die nächste Stadt ist zwei Autostunden entfernt.

Er zählt Käfer und sammelt Wetterdaten. Durch Zufall ergibt sich eine weitere Möglichkeit. Die Station braucht einen Schlangenfänger, denn Schlangen dringen immer wieder in die Büros ein. „Ey super, das will ich auf jeden Fall machen!“, denkt sich Beck. Er ist begeistert davon, hautnah mit den exotischen Tieren arbeiten zu können. Schon als Kind sei er in Sommerurlauben immer kleineren Schlangen hinterhergejagt. Nur hatte er keine Ahnung, wie man eine Schlange fängt. Über Youtube-Videos und Online-Anleitungen bildet er sich provisorisch mit Stock und Eimer selbst zum Schlangenjäger aus.

Die tatsächliche Gefahr dabei sei ihm nur selten bewusst gewesen. Das Interesse an den Tieren habe immer überwogen. Rückblickend kann er darüber lachen. Er sei heilfroh, dass damals nichts schief gegangen ist.

Als er die Wüste nach einem halben Jahr verlässt, hat die afrikanische Wildnis für Thilo Beck alles gehalten, was er sich von ihr versprochen hat. Möglichst schnell will er zurückkehren. Er beginnt daher in Mainz ein Studium der Geografie mit den Nebenfächern Zoologie und Herpetologie, der Lehre von Amphibien und Reptilien. Er arbeitet als Umzugshelfer und Hausmeister, um so oft es geht in seine Wahlheimat reisen zu können.

Die Forschung

Thilo Beck will erstmalig eine detaillierte Verhaltensanalyse der Kapkobra erstellen. Dazu hat er mittlerweile 35 Exemplare mit Sendern ausgestattet.

Über einen Radiotransmitter wird der Standort ermittelt, ein weiterer Sender misst die Körpertemperatur.

Schlangen sind wechselwarm, ihre Körpertemperatur gleicht sich ihrer Umgebung an und gibt so Auskunft über die Aktivität der Tiere.

Deshalb kombiniert Beck Bewegungsdaten und Beobachtungen mit den Temperaturmessungen. So will er Verhaltensmuster erkennen.

Ziel ist es, auf Verhalten schließen zu können, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein.

Nach einem Praktikum an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg bietet ihm ein Professor schließlich an, nach seinem Abschluss in Mainz in Südafrika einen „Master by Dissertation“ zu beginnen. Ein Studium, das mehr oder minder komplett aus eigener Forschung besteht. Es ist wie maßgeschneidert für Thilo Beck.

2018 geht er nach Südafrika. Das Objekt seiner Forschung wird die Kapkobra. Beck und seine Dozenten wählten aus zweierlei Aspekten diese Schlange aus. Zum einen gilt sie als wichtiger Regulator für das Ökosystem der Kalahari-Wüste und zum anderen ist trotzdem nicht viel über ihre Lebensweise bekannt.

Beck findet die knapp zwei Meter langen Schlangen spektakulär und beängstigend zugleich. „Wenn die sich aufstellen und zischen, hast du im Prinzip eine geladene Waffe vor dir.“ Das Gift der Kapkobra kann innerhalb kurzer Zeit zum Atemstillstand führen.

Die Schlange selbst war allerdings nicht das entscheidende Kriterium für sein Studium. Wichtiger war die Möglichkeit, mit den Tieren in deren natürlichem Lebensraum arbeiten zu können. So beginnen für Thilo Beck in Südafrika zwei unterschiedliche Leben, zwischen denen er hin- und herpendelt. Das eine Leben ist nah dran am Alltag deutscher Studierender. In Johannesburg lebt er in einem WG-Zimmer, fährt zur Uni, spielt in der Freizeit Fußball oder Frisbee.

Das andere bildet dazu einen maximalen Kontrast. Mitten in der Kalahari liegt das Tswalu-Reservat. Es ist mit 1100 Quadratkilometern das größte private Schutzgebiet Südafrikas. In einem kleinen Forschungszentrum lebt Beck dort zusammen mit 20 anderen Forschenden fernab der Zivilisation. Das Zentrum besteht aus ein paar Hütten und einer Gemeinschaftsküche. Alle paar Wochen fahren sie anderthalb Stunden in den nächsten Ort, um Vorräte einzukaufen. Den Rest der Zeit verbringen sie in der Wüste.

Mehr als 80 Kobras hat Thilo Beck bereits gefangen. Viele von ihnen stattet er dann mit Messgeräten aus.

In der Kalahari beginnt der Arbeitstag für Beck mit dem Sonnenaufgang. Auf der Suche nach den scheuen Kapkobras geht es dann raus in die Savanne. Das Problem bei der Schlangenforschung ist, dass die Tiere nur schwer zu finden sind. Er sucht die Spuren der Schlangen im Sand und folgt ihnen teilweise kilometerweit querfeldein. Die afrikanische Fauna so unberührt und nicht eingezäunt erleben zu können, ist für Beck etwas ganz Besonderes. Es macht für ihn einen Großteil des Lebensgefühls im Reservat aus. Berichtet er davon, schwingt Leidenschaft in jedem Satz mit.

Er hat inzwischen gelernt, Kobras professionell mit einem Schlangenstab einzufangen. In einem Video ist zu sehen, mit welcher Souveränität und Routine das mittlerweile vonstatten geht. Mehr als 80 Kobras hat er bereits gefangen. Viele von ihnen stattet er dann mit Messgeräten und Radiotransmittern aus, um sie später wiederzufinden. Sein Ziel ist, so viele Exemplare wie möglich zu fangen und zu analysieren. Daraus soll erstmalig eine detaillierte Verhaltensanalyse der Kobra-Art entstehen. Für Beck ist es inzwischen ein Herzensprojekt geworden.

„Wenn sich eine Kapkobra aufstellt und zischt, hast du im Prinzip eine geladene Waffe vor dir.“

Trotzdem war vor allem zu Beginn Angst ein Teil der Arbeit. Schließlich ist er tagtäglich in Kontakt mit einem potenziell tödlichen Raubtier: „Die ersten paar Tage dachte ich mir dann schon mal, auf was habe ich mich hier eigentlich eingelassen?“ Zwar stelle sich irgendwann eine gewisse Routine ein, den Respekt vor den Kobras habe er aber nie verloren. Wenn Beck mit ihnen arbeitet, nimmt er seine Augen nie von der Schlange weg. Ein passender Vergleich sei das Autofahren. Wenn man auf der Autobahn bei freier Strecke schnell fährt, aber zu jeder Zeit konzentriert ist, geht alles gut. Nur wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, kann es problematisch werden. Bei der Autofahrt wäre das beispielsweise ein geplatzter Reifen, in der Kalahari dann eher ein plötzlich auftauchender Leopard.

„Jetzt bin ich hier seit zwei Jahren und eigentlich in alles Gefährliche reingelaufen“, so der Wüsten-Routinier. Ein übersehener Leopard springt plötzlich von einem Baum, ein Nashorn überrascht ihn beim Übernachtungsausflug in der Wüste, eine Herde Büffel besucht die Forschungsstation. Wenn Beck von derlei Begegnungen erzählt, könnte man meinen, er spräche von der letzten Kneipentour. Er hat immer ein Lachen auf den Lippen. Und die gefährlichen Tiere so direkt aus der Nähe zu sehen, sei ja vor allem eins: richtig cool! Passiert ist ihm bisher nichts, eine Waffe trägt er auch nicht bei sich. Viel wichtiger sei es, immer die Ruhe zu bewahren und stets Vorsicht walten zu lassen.

Beck geht regelmäßig in der Kalahari joggen. Läufer in Deutschland achten dabei vor allem auf Kalorienverbrauch und Geschwindigkeit. Beck achtet vor allem darauf, immer einen Baum im Blick zu haben, der im Notfall als Fluchtmöglichkeit dienen kann.

Thilo Beck hat sich an diese Besonderheiten gewöhnt. Auch seine Forschung geht gut voran. Er überspringt den Master und wird direkt seine Dissertation verfassen. Dafür forscht er noch mindestens zwei weitere Jahre an der Kapkobra. Das Reservat in der Kalahari scheint für Beck der perfekte Ort zu sein. Er ist ein Forscher durch und durch. Immer auf der Suche nach neuen Erkenntnissen, neuen Erlebnissen, immer neuen Spuren im Sand.

Von Finn Müller

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