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„Für den Qualitätspakt Lehre ist die rein wettbewerbliche Finanzierung auf Dauer unangemessen.

Hochschulpakt

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Mehr Dauerstellen für gute Lehre: Die Verhandlungen zum Hochschulpakt jetzt abschließen. Ein Gastbeitrag.

Der Hochschulpakt ist eines der wichtigsten Förderprogramme für die akademische Bildung, das in den vergangenen Jahrzehnten aufgelegt wurde. Beschlossen wurde er 2007 zur Unterstützung stark überlasteter Hochschulen in einer Phase stetig wachsender Studierendenzahlen. Dass sich dabei der Bund, kofinanziert durch die Länder, auf dem Feld der Studienplatzsicherung engagierte, war ungewöhnlich.

In drei Förderperioden fließen seit 2007 20,2 Milliarden Euro, zu denen die Länder ihrerseits 18,3 Milliarden ergänzend bereitstellen. Diese Mittel waren dringend erforderlich, denn allein seit 2005 stieg die Zahl der jährlichen Studienanfänger von 360 000 auf mehr als 500 000 an. Die Zahlen haben sich mittlerweile stabilisiert und dürften in den kommenden Jahren nicht zurückgehen. Dass die Bundesregierung im Koalitionsvertrag vom Februar 2018 eine dauerhafte Finanzierung des Pakts in Aussicht stellte, war daher ein richtiges Signal. Für Hochschulen bietet sich damit endlich die Chance, die verfügbaren Mittel langfristig für eine Absicherung ihrer Studienplätze einzusetzen.

Flankierend zum Hochschulpakt stellte der Bund in einem wettbewerblichen Verfahren Mittel für die Verbesserung der Lehre zur Verfügung. Der sogenannte „Qualitätspakt“ war mit zwei Milliarden Euro des Bundes ausgestattet. Auch er lief seit 2010 über zwei Perioden. Für innovative Projekte zur Verbesserung der akademischen Lehre wurden in der ersten Phase 186 Hochschulen, in der zweiten 156 gefördert. Zentrale Felder waren dabei die Bereiche der Lehrqualifizierung, der Beratung und der Digitalisierung.

Mit dem Geld aus dem Qualitätspakt gelang es zahlreichen Hochschulen, die massiven Aufwüchse bei den Studierenden besser zu bewältigen. Dass es sich angesichts der mittelfristigen Perspektive mit gleichbleibend hohen Zahlen um Maß-nahmen handelt, die für einen geregelten Hochschulbetrieb unabdingbar sind, liegt auf der Hand.

Mehr Studierende – das verlangt bessere Beratung und Mentorierung, digitale Lehr- und Prüfungsprogramme für eine effizientere Verteilung der Ressourcen, nicht zuletzt solide Vorbereitung auf anstehende Lehraufgaben bei allen Statusgruppen von den Doktoranden bis zu den Professorinnen. Auch deshalb war es richtig, dass der Bund neben der Verstetigung des Hochschulpakts eine dauerhafte Finanzierung von Lehrprogrammen in Aussicht stellte.

Jährlich mindestens 1,6 Milliarden Euro bis Ende der Legislaturperiode soll der Hochschulpakt umfassen, ergänzt durch einen ebenso großen Finanzierungsanteil der Länder. 200 Millionen könnten in den Qualitätspakt Lehre fließen, womöglich mehr, wenn man sich auf eine vernünftige Zweckbindung einigt. Genau die steht momentan bei der Nachfolge des Hochschulpaktes auf dem Spiel; seit vielen Monaten verhandeln Bund und Länder um die Kriterien der Verteilung, den Einsatz der Mittel und die Kontrolle ihrer Verwendung.

Für den Bund ist die dauerhafte Finanzierung des Hochschulbereichs ein Novum, was gewisse Sicherungsreflexe auslöst. Verhindern möchte Ministerin Anja Karliczek (CDU), dass das Geld an beliebiger Stelle ins Hochschulsystem fließt und irgendeines der vorhandenen Löcher stopft. Dem Bund schwebt vor, dass man die Mittel für eine verbesserte Lehrbetreuung und die Schaffung zusätzlicher Stellen verwendet.

Verhandlungssache sind derzeit auch noch die Indikatoren für die Mittelverteilung. Die Zahl der zusätzlichen Studienanfänger, bisher das alleinige Kriterium, reicht kaum aus, denn sie sagt noch nichts über den späteren Studienerfolg. Daher bietet sich als weiterer Maßstab die Zahl der Studierenden in der Regelstudienzeit an, die außer Rückschlüssen auf die Qualität der Lehre auch solche auf die Abbrecher- und Wechselquote zulässt. Eine Hochschule, die ihre Studierenden im jeweiligen Fach halten kann, sollte besser finanziert werden als eine, die zwar großen Zulauf hat, aber die meisten Anfänger im Laufe der Jahre wieder verliert. Die Zahl der Abschlüsse könnte ein drittes Kriterium bilden, allerdings weniger stark gewichtet, denn es birgt ein Risiko. Zwar zeigt es den gesellschaftlich gewünschten Studienerfolg an, jedoch darf es nicht dazu missbraucht werden, die Qualitätsschwelle für die Examina zu senken. Einrichtungen, die womöglich auf diese Weise schnell an zusätzliches Bundesgeld kommen möchten, dürfen nicht belohnt werden.

Die Länder taten sich bisher schwer, eine einheitliche Linie zu entwickeln. Zu heterogen sind die Ausgangspositionen, zu unterschiedlich die Interessen. Die Konfliktlinien verlaufen nicht entlang der politischen Lager, sondern folgen anderen Mustern. Entscheidender als die Partei-bindung ist die finanzielle Situation des jeweiligen Bundeslandes und die Vorgeschichte, was den Aufbau der Studienplätze betrifft. Manche haben Sorge, dass sich die hohe Anfängerzahl nicht in ausreichenden Abschlussquoten niederschlägt; andere befürchten einen regionalen Rückgang der Studienplatznachfrage. In den bisherigen Verhandlungsrunden ging es entsprechend unübersichtlich zu. Sehr einig zeigten sich die Länder allerdings in der Forderung, der Bund müsse die Steuerungszuständigkeit der Länder im Kern respektieren, solle erwartbare Zuschüsse genau angeben und dürfe keine allzu kleinlichen Berichte über die Mittelverwendung fordern.

Welche Lösungsmodelle gibt es? Gehen wir vom Bedarf der Hochschulen aus: Im Fall des großen Pakts ist allen daran gelegen, die Zahl der Verteilungskriterien überschaubar zu halten. Die Hochschulen müssen eine Chance haben, mehr Dauerstellen für gute Lehre zu schaffen. Dieses Ziel bleibt gebunden an verlässliche Planungsmöglichkeiten und einfache Finanzierungsschlüssel. Ein richtiges Zeichen wäre es, wenn die Länder im Gegenzug zum Engagement des Bundes die Grundmittel für die Hochschulen jährlich um drei Prozent steigern würden. Das brächte die Hochschulen endlich in dieselbe Position wie die außerhochschulischen Forschungseinrichtungen, deren Budgets seit Jahren kontinuierlich ansteigen. Verdient hätten es die Hochschulen, angesichts ihrer Leistungen auf nationaler und internationaler Ebene.

Für den kleineren Qualitätspakt Lehre gilt, dass eine rein wettbewerbliche Finanzierung auf Dauer unangemessen ist. Durch die beiden vergangenen Förderrunden konnte man zahlreiche gute Ideen in die Praxis umsetzen. Allerdings ist es illusionär zu glauben, dass alle paar Jahre über eine befristete Programmförderung Innovationsexplosionen im Bereich der akademischen Lehre freigesetzt werden.

„Gute Lehre gibt es nur durch finanzielle Kontinuität“, hat Eva-Maria Stange (SPD), die Wissenschaftsministerin Sachsens, zu Beginn der Verhandlungen formuliert. Wenn man diese Einsicht ernstnimmt, hätte sie Konsequenzen für die Architektur der Pakte. Sinnvoll wäre es, die 200 Millionen Euro, die für die Qualität der Lehre zur Verfügung stehen, für eine Dauerförderung vorzusehen. Dieser Anteil müsste nachweislich in die Verbesserung des akademischen Unterrichts investiert werden – in die Fortschreibung der durch den Pakt geförderten Projekte oder die Etablierung von mehr Stellen für Betreuung, digitale Lehrinfrastruktur und Lehrqualifizierung.

Daneben könnten Bund und Länder weiterhin programmförmig und in den bestehenden Strukturen einen Wettbewerb guter Ideen für die Lehre fördern. Er hätte allerdings nur ergänzenden Charakter und müsste der Erprobung neuer Unterrichtskonzepte dienen.

Sinnvoll für eine systematische Begleitung wäre eine von der Hochschulrektorenkonferenz zu schaffende Plattform, die unter Federführung der Wissenschaft wesentliche Handlungsfelder im Bereich guter Lehre definiert und entsprechende Beratung organisiert.

Die Verhandlungspartner bewegen sich gerade, so hört man. Das ist auch nötig, denn zum Frühsommer muss der Hochschulpakt ausverhandelt sein, damit die Anschlussfinanzierung ab 2021 gesichert wird. Die historische Chance, die Hochschulen krisenfest und belastbar abzusichern, besteht jetzt. Sie darf nicht leichtfertig vertan werden.

Peter-André Alt, Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin, ist seit August Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

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