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Eine Alm auf dem Dach

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Eine begrünte Fassade im Stadtstaat Singapur. Ohne grünes Label gibt es keine Baugenehmigung.
Eine begrünte Fassade im Stadtstaat Singapur. Ohne grünes Label gibt es keine Baugenehmigung. © Getty Images

Begrünte Häuser helfen dem Klima. Wie das geht, zeigen Städte wie Singapur – und auch München.

Wer in München im „Werksviertel-Mitte“ nach oben schaut und ein Schaf erblickt, hat keine Sinnestäuschung. Auf dem Dach des „Werk 3“ leben acht Walliser Schwarznasenschafe sowie acht Hühner, zwei Hasen sowie sechs Bienen- und zwei Ameisenvölker. In Hochbeeten an der Längsseite des Dachs wachsen Gemüse und Wildblumen. Von einer Holzhütte, umrahmt von Obstbäumen und Wildbienenhotels, wird das kleine Dachparadies 60 Meter über der Isar abgerundet. Hier liegt mitten in München die Stadtalm – 2500 Quadratmeter Grün in 24 Metern Höhe.

Das „Werk 3“ am Münchner Ostbahnhof ist ein Beispiel für kreative, intensive Dachbegrünung. Dabei ist Hausbegrünung keine Erfindung der Neuzeit. Schon im Mittelalter wurde die abstrahlende Wärme von Mauern genutzt, um Wein, Hopfen und Spalierobst gedeihen zu lassen. In nordischen Ländern sind Grassodendächer eine jahrhundertealte Tradition. Im Sommer spenden sie angenehme Kühle und im Winter wohlige Wärme.

In wärmeren Ländern mindern die Blätter der Fassadenbegrünung die Hitze, beschatten die Innenhöfe, produzieren frische Luft und kühlen per Wasserverdunstung die Gebäude. Bepflanzte Innenhöfe haben sich in mediterranen Ländern bis heute gehalten.

In Deutschland leben heute mehr als drei Viertel der Menschen in Städten oder Ballungsgebieten. Durch Zuzug werden die Städte weiter verdichtet und versiegelt, immer mehr Grün verschwindet. In den 1970er Jahren begannen Umweltschützer:innen vereinzelt damit, Dächer und Fassaden mit Pflanzen zu begrünen. Inzwischen findet ein Umdenken statt, wenn auch langsam. Grüne Fassaden und Dächer erhalten Unterstützung von Architektinnen und Stadtplanern, Kommunen und Ländern, aus der Wissenschaft, von Umwelt- und Wirtschaftsverbänden.

Ein grünes Dach kann bis zu 80 Prozent des Regenwassers speichern und langsam wieder verdunsten. Neben dem kühlenden Effekt werden Abflussspitzen nach Starkregen abgeflacht, die Überflutungsgefahr sinkt und Kläranlagen werden entlastet. Die Pflanzen auf dem Dach und an der Fassade produzieren nicht nur Sauerstoff und konsumieren CO2, sie binden auch Stickstoffdioxid, Schwefeldioxid, Ozon und Feinstaub. Sie reduzieren die Lärmbelastung am Gebäude um bis zu zehn Dezibel, schützen vor Witterungseinflüssen und mechanischem Verschleiß am Haus und bieten Lebensraum für Vögel. Durch den Isolationseffekt der begrünten Fassaden und Dächer sinken die Kosten für Heizung und Klimatisierung. Großklimaanlagen können erheblich gedrosselt werden.

Auch auf die Psyche hat Stadtgrün einen positiven Einfluss. Der Ausblick auf vitales Grün senkt das Stresslevel, steigert das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit und sorgt für bessere Genesung bei Krankheit. Menschen sind Naturwesen und fühlen sich im Grünen wohl.

Das wohl prominenteste Beispiel für umfassende Dach- und Fassadenbegrünung ist Singapur. Wie es heißt, hatte der erste Premierminister des knapp 60 Jahre alten Stadtstaats, Lee Kuan Yew, zwei Ziele: Singapur sollte eine wettbewerbsfähige Metropole werden – und die grünste Stadt der Welt. Mehr als fünf Millionen Menschen leben hier, Tendenz steigend. Freiflächen sind Mangelware. Wo das Grün nicht mehr in die Breite wachsen kann, wächst es in die Höhe, die Fassaden empor und auf den Dächern. Hier ist die grüne Revolution angekommen – von oben. Die Regierung fördert vertikale Grünflächen mit einem eigenen Zertifikat. Ohne grünes Label keine Baugenehmigung. Eine grüne Fassade reicht dafür allerdings nicht: Gefordert sind die Nutzung von Sonnenlicht und Regenwasser sowie Nachhaltigkeit am Bau, so dass etwa auch Klimaanlagen überflüssig sind.

Die Begrünung zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Viele ausländische Firmen ziehen mit ihrem Unternehmenssitz nach Singapur. Durch die vielen Pflanzen, die die Stadt begrünen, ist die Luft gut und die Lebensqualität hoch.

Dachbegrünung ist natürlich nicht umsonst zu haben. Je nach Dachkonstruktion, nötiger Vorarbeit und lokalen Gegebenheiten liegt die Preisspanne für einen Quadratmeter hierzulande ungefähr zwischen 50 und 110 Euro. Kommunen bieten mittlerweile verschiedene Zuschüsse an. Dabei muss nicht gleich eine Schafherde auf dem Dach einziehen. Auch eine extensive Begrünung mit Moosen und Sukkulenten auf leichteren Dächern, Garagen und Hallen wirkt positiv und ist dabei pflegearm und statisch weniger aufwendig. Wird Dachbegrünung bei einem Bau- oder Sanierungsvorhaben von Anfang an mitgeplant, ist der Kreativität keine Grenze gesetzt – bis zu einer ganzen Alm auf dem Dach.

Im „Werk 3“ in München wurden früher Pfanni-Kartoffelknödel produziert. 2013 rief Pfanni-Erbe Werner Eckart das grüne Kreativprojekt ins Leben. Die Immobilienfirma Otec realisiert nun auf dem ehemaligen Werksgelände ein Stadtquartier für Kunst, soziales Engagement, Gastronomie und nachhaltige Zukunftsprojekte.

Zuerst sollte auf dem neuen Dach des Werks nur das Regenwasser versickern, dann kam eine Idee zur nächsten. Keiner habe Werner Eckart damals ernst genommen, erinnert sich Landschaftsarchitektin Stefanie Jühling, die das Dach gestaltet hat. Sie dagegen zog bei den Plänen mit und ließ zunächst einen halben Meter Substrat aufbringen. Heute ist die Stadtalm als Landwirtschaftsbetrieb eingetragen, bietet Führungen und Kurse für Schulklassen an und das Veterinäramt hat sein Einverständnis zur Schafzucht gegeben.

Die technischen Möglichkeiten zur Intensivdachbegrünung werden immer besser, erklärt Stefanie Jühling. Wenn die Statik stimmt, ist nur noch mutiger Ideenreichtum gefragt: Dachacker, Hochbeete, Dachspielplatz, Gemeinschaftsdachgarten, Dauergrün – fast alles ist möglich.

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