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Corona-Impfung: Ein weiterer Booster – sinnvoll oder nutzlos?

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Von: Pamela Dörhöfer

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Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine vierte Dosis für Menschen ab 70 Jahren.
Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine vierte Dosis für Menschen ab 70 Jahren. © Marijan Murat/dpa

Viele Menschen haben bereits eine vierte Dosis der Corona-Impfstoffe erhalten, doch die Empfehlungen zu einer vierten Impfdosis gehen weit auseinander.

Berlin – Den meisten Menschen dürfte eine vierte Impfung gegen Covid-19 derzeit kaum etwas bringen – vor allem deshalb nicht, weil die dritte Dosis der Corona-Impfung bei vielen erst wenige Monate zurückliegt. Diese Ansicht äußerten Fachleute bei einem Pressegespräch des Science Media Center. Beteiligt daran waren Christine Falk, Leiterin des Instituts für Transplantationsimmunologie an der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, Christoph Neumann-Haefelin, Experte für Virusimmunologie am Universitätsklinikum Freiburg, und Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin.

Unter den diversen, weit auseinander liegenden Empfehlungen zu einer zweiten Auffrischungsimpfung halten sie die der Ständigen Impfkommission für am angemessensten. Die Stiko empfiehlt den zweiten Booster nur für über 70-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen. In den USA hingegen wird die Altersgrenze bei 50 Jahren angesetzt. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) plädierte jüngst sogar dafür, dass sich alle Erwachsenen ab 18 Jahren die vierte Spritze gegen Covid-19 geben lassen sollen und drängte auf eine entsprechende EU-weite Empfehlung. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA schloss sich dem jedoch nicht an und rät erst Menschen ab 80 Jahren zu einer vierten Dosis. Im Januar hatte ein Vertreter der EMA davor gewarnt, zu häufiges Boostern könne das Immunsystem überfordern.

Zweiter Corona-Booster für alle: Häufige Impfung kann zu „Sättigung des Immunsystems“ führen

Christoph Neumann-Haefelin geht aber nicht davon aus, dass bei einer vierten Impfung jetzt bereits eine „komplette Erschöpfung“ des Immunsystems auftreten wird. Andreas Radbruch sagt, es könne durchaus zu „einer Sättigung des Immunsystems“ kommen, wenn man zu oft hintereinander impfe. Bringe man das gleiche Antigen in gleicher Konzentration an den immer gleichen Ort, so fahre das Immunsystem die Antikörper so hoch, dass das Antigen aus dem Impfstoff abgefangen werde, bevor es eine Immunantwort auslösen könne. Das verhalte sich nicht nur bei den Covid-Vakzinen so, sondern auch bei anderen Impfungen: „Das Immunsystem reagiert dann eine gewisse Zeit nicht mehr.“ Radbruch und Neumann-Haefelin raten beide, mit der vierten Impfung mindestens ein halbes Jahr zu warten.

Die Altersgrenze für die vierte Dosis bei 70 anzusetzen ist dabei kein Kriterium, das für jeden einzelnen Menschen passen muss. Mitnichten arbeitet das Immunsystem jedes 70-Jährigen zwangsläufig schlechter als das eines 50-Jährigen. Die Fitness der körpereigenen Abwehr ist individuell verschieden – und zwar vom Alter abhängig, „aber nicht nur“, erklärt Christine Falk: „Bei den über 70-Jährigen produzieren viele noch gute Immunantworten.“ Die Altersgrenze bei 70 findet die Immunologin gleichwohl sinnvoll.

Corona-Impfung für Risikogruppen: Passive Immunisierung mit Antikörpern kann Abhilfe schaffen

Es gibt allerdings auch Menschen, die überhaupt nicht auf eine Impfung ansprechen, erklärt Andreas Radbruch – manche Krebspatientinnen und -patienten etwa oder Menschen, die ein Organ transplantiert bekommen haben. So hätte bei einer Untersuchung von Nierentransplantierten ein Drittel nicht auf die Impfung reagiert, auch nicht nach der dritten Dosis. Für diese Menschen käme als Alternative eine passive Immunisierung mit einem Antikörper-Cocktail in Frage, sagt der Mediziner, auch dieser biete Schutz für etwa ein halbes Jahr.

Gleich, ob dritte oder vierte Dosis: Verabschieden muss man sich von der Vorstellung dass durch einen Booster „ein kompletter Schutz vor Infektion“ zu erreichen ist, sagt Christoph Neumann-Haefelin. „Das ist als Ziel nicht realistisch.“ Bei der Antwort auf eine Infektion gebe es zwei Bestandteile, erklärt er: die humorale (die Produktion von Antikörpern umfassende) und die zelluläre Immunantwort. Nur neutralisierende Antikörper seien in der Lage, Infektionen zu verhindern, sofern sie in ausreichender Zahl vorlägen. Dieser Schutz währe nach Infektion und Impfung aber nur relativ kurz – und lasse sich auch nach einer dritten oder vierten Dosis „nicht dauerhaft verbessern“.

Corona-Impfung als Schutz vor schwerem Verlauf: Bereits nach zwei Dosen „robuster“ Schutz

T-Zellen attackieren von Viren befallene Zellen und können eine Infektion somit nicht verhindern, wohl aber „einen Infekt verkürzen und für einen milderen Verlauf sorgen“, sagt Neumann-Haefelin. Dieser Teil der Immunantwort sei nach der Impfung (und vermutlich besonders nach Infektion plus Impfung) deutlich langlebiger und auch bei Omikron „praktisch gar nicht“ vermindert. Bereits nach einer zweifachen Dosis falle der Schutz vor schwerem Verlauf „relativ robust“ aus, erklärt der Wissenschaftler. Andreas Radbruch könnte sich vorstellen, dass er zehn bis 15 Jahre oder sogar Jahrzehnte anhält; entsprechendes sei bei Menschen beobachtet worden, die sich Anfang der 2000er Jahre mit dem Sars-1-Virus infiziert hatten.

Weil der Schutz vor Infektion nur sehr kurz gegeben ist, mag Neumann-Haefelin die Frage nach der Sinnhaftigkeit eines zweiten Boosters für medizinisches Personal noch vor Ablauf von sechs Monaten nicht klar mit ja beantworten. Es sei nicht eindeutig geklärt, ob der Booster die Virenlast reduziere und man dann weniger ansteckend sei. Man sehe zwar einen „kleinen Abfall“, aber es bestünden Zweifel, ob es einen „relevanten Unterschied“ gebe. Andreas Radbruch weist auf Daten aus Israel hin, wonach der Fremdschutz nach der vierten Impfung „extrem gering“ sei, bei Moderna zehn, bei Biontech 30 Prozent.

Was einen angepassten Omikron-Impfstoff angeht, äußert sich Neumann-Haefelin zurückhaltend – auch, weil man gar nicht wisse, mit welcher Variante man es im Herbst zu tun habe. Da der Schutz vor schwerem Verlauf vermutlich nicht von der Wahl des neuen Impfstoffs abhänge, könne man „da etwas entspannter in die Frage gehen und dann im Herbst die jeweils verfügbaren Impfstoffe einsetzen“. Biontech und Moderna gehen bei ihren Updates unterschiedlich vor: Biontech hat einen reinen Omikron-Impfstoff entwickelt, Moderna setzt auf einen Mix zwischen dem bisherigen Vakzin und einer Anpassung an die Omikron-Variante. (Pamela Dörhöfer)

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