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Menschen mit Migrationshintergrund: Ein Vorurteil mehr widerlegt

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Von: Pamela Dörhöfer

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Ob sich ein Mensch für Gesundheitsthemen interessiert, hängt nicht davon ab, ob sie Migrationshintergrund haben oder nicht. Das hat eine Studie ergeben.
Ob sich Menschen für Gesundheitsthemen interessieren, hängt nicht davon ab, ob sie Migrationshintergrund haben oder nicht. Das hat eine Studie ergeben. © Maskot/Imago

Eine Studie zeigt, dass die Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund nicht schlechter, sondern eher besser ist als in der Gesamtbevölkerung.

Frankfurt am Main - Wenn es etwa um die Impfquote in Deutschland geht, ist häufig die Vermutung zu hören, dass es vor allem auch Menschen mit Migrationshintergrund sind, die sich nicht immunisieren lassen. Ungewollt tragen solche Meldungen dazu bei, das Bild von Menschen entstehen zu lassen oder zu verfestigen, die unter sich bleiben und sich insbesondere beim Thema Gesundheit nicht gut auskennen.

Doch dieses Bild entspricht so nicht der Realität: Eine Studie von Forschenden der Universitäten Bielefeld und Köln kommt zu dem Ergebnis, dass „entgegen der bislang vorherrschenden Einschätzung“ die Gesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund ähnlich wie die der Gesamtbevölkerung in Deutschland ausfällt – „tendenziell sogar etwas besser“. Sie seien in dieser Hinsicht „nicht pauschal als vulnerable Gruppe“ zu bezeichnen, heißt es in einer Mitteilung der Uni Bielefeld zur Studie. Allerdings scheint es ein Problem aufseiten von Ärztinnen und Ärztinnen in Bezug auf den Umgang mit diesen Menschen zu geben.

Forschende der Hochschule erfassen seit mehreren Jahren regelmäßig, wie es um die Kompetenz der Deutschen in Gesundheitsfragen bestellt ist. Kompetenz auf diesem Gebiet schließt unter anderem das Wissen um die Bedeutung von Ernährung, Sport und Lebensstil insgesamt für die Gesundheit ein, aber auch den Umgang mit medizinischen Informationen. Nun wurde dabei erstmals der Schwerpunkt auf Menschen mit Migrationshintergrund gelegt, wie Doris Schaeffer von der Universität Bielefeld erklärt, die die Studie zusammen mit ihrer Kollegin Eva-Maria Berens geleitet hat. Eingeflossen sind die Ergebnisse von etwa 1000 Interviews aus Fragebögen.

Sozialstatus entscheidet über die Gesundheitskompetenz

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben für ihre Studie Menschen aus den zwei größten Einwanderungsgruppen befragt: Frauen und Männer, deren Familien aus der Türkei oder den Staaten der ehemaligen Sowjetunion wie etwa Russland nach Deutschland gekommen sind. Demnach verfügt fast die Hälfte (48 Prozent) über eine „hohe Gesundheitskompetenz“, 52 Prozent kennen sich hingegen weniger gut aus. Damit seien diese Gruppen ähnlich aufgestellt wie die Allgemeinbevölkerung, sagt Eva-Maria Berens, was sie sich auch damit erklärt, dass viele Familien schon seit Jahrzehnten in Deutschland leben.

Ähnlich wie bei der Allgemeinbevölkerung hängt auch bei Menschen mit Migrationshintergrund die Gesundheitskompetenz stark von sozialem Status und Bildungsniveau ab; fallen beide gering aus, sind auch die Deutschkenntnisse häufig schlecht.

Migrationshintergrund spielt beim Thema Gesundheitskompetenz keine wesentliche Rolle

„Die Studie zeigt deutlich, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen“, sagt Ingrid Wünning-Tschol, Bereichsleiterin Gesundheit bei der Robert Bosch Stiftung, von der die Studie mit 650.000 Euro gefördert wurde. Im Gegensatz zu Armut oder Bildungsstand spiele der Migrationshintergrund „keine wesentliche Rolle“, ob jemand über Gesundheitskompetenz verfüge: Das sei „ein ermutigendes Signal für das gemeinsame Leben in einer Einwanderungsgesellschaft“.

Die Studie

Studie von Forschenden der Universitäten Bielefeld und Köln. Zum PDF (engl.)

Laut der Studie sind Menschen mit Migrationshintergrund sehr interessiert an Informationen rund um das Thema Gesundheit, ein großer Teil greife dabei auf Quellen in mehreren Sprachen zurück. So sollen 64 Prozent der Befragten mit Wurzeln in der ehemaligen Sowjetunion Informationen auch oder ausschließlich in russischer Sprache beziehen. Befragte mit türkischem Migrationshintergrund nutzen demnach zu 45 Prozent neben Quellen in deutscher auch solche in türkischer Sprache. Das treffe vor allem auf jene zu, die noch selbst aus einem anderen Land hierher gekommen sind und nicht so gut Deutsch sprechen, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Eva-Maria Berens: „Aber auch Befragte der zweiten Generation und mit guten Deutschkenntnissen machen durchaus davon Gebrauch.“

Schlechte Kommunikation

Einen wesentlichen Unterschied zu Allgemeinbevölkerung stellten die Forschenden allerdings fest. Er betrifft die Kommunikation mit Ärztinnen und Ärzten. So finden es Menschen mit Migrationshintergrund besonders schwer, sie zum Zuhören zu bringen, ohne unterbrochen zu werden. Jeweils ein Drittel der Befragten mit ex-sowjetischem und türkischem Hintergrund beklagte das. Dieser Wert liege deutlich höher als bei der Allgemeinbevölkerung, heißt es. Auch nicht erklärte Fachbegriffe würden als Hürde empfunden.

Die Forschenden sehen „großen Handlungsbedarf in Politik und Gesellschaft“. Das „pauschale Bild“ von Menschen mit Migrationshintergrund müsse revidiert und die Gruppe „differenziert betrachtet werden“, sagt Doris Schaeffer. Ein Vorschlag lautet zudem, bei Gesundheitsinformationen mehr auf „Diversität“ zu achten. (Pamela Dörhöfer)

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