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Klaus M. Beier (48) hat Medizin und Philosophie studiert und ist seit 1996 Direktor des damals neu gegründeten Instituts für Sexualwissenschaftund Sexualmedizin der Charité Berlin.

Pornografie

"Ein unethischer Menschenversuch"

Mit zwölf oder 13 Jahren beginnen Kinder, sich im Internet Pornos der ganzen Brandbreite anzusehen. Der Sexualmediziner Klaus M. Beier warnt im FR-Interview vor den Gefahren, die dadurch entstehen.

Herr Professor Beier, Sexualmediziner nehmen auf ihrer Jahrestagung in Potsdam das Internet kritisch unter die Lupe. Welche Risiken birgt es aus Ihrer Sicht?

Uns bereitet vor allem der leichte Zugang zur ganzen Bandbreite pornografischer Bilder und Filme Sorgen. Also auch sexuelle Kontakte mit Tieren, mit Demütigungshandlungen, mit Zufügung von Schmerzen und Verletzungen sowie Kinder und Jugendliche betreffende Missbrauchsszenen.

Für wen ist das gefährlich?

Zum einen für diejenigen, die eine pädophile Neigung haben - das sind etwa ein Prozent der Männer. Die Nutzung dieser Bilder fördert die Herstellung weiterer Bilder und begünstigt nach unseren Forschungsergebnissen auch das Begehen direkter sexueller Übergriffe auf Kinder.

Spüren Sie den Internet-Effekt in der Praxis bei Ihren Pädophilie-Präventionsprojekten?

Ja, er macht sich eindeutig bemerkbar. Seit etwa fünf Jahren beobachten wir einen starken Anstieg der Verbreitung entsprechender Missbrauchsabbildungen. Das liegt vor allem an den File-Sharing-Systemen, mit denen die Beteiligten untereinander Bilder und Filme austauschen können. Aus meiner Sicht senkt das sie kritische Selbstwahrnehmung, weil man sich gegenseitig im Tun bestärkt. Genau das senkt die Schwelle zur Tat.

Für wen sind die Verlockungen des Internets noch gefährlich?

Für Kinder und Jugendliche. Studien haben gezeigt, dass Kinder spätestens mit zwölf oder 13 Jahren anfangen, sich im Internet pornografische Bilder anzusehen. Ihre Gehirne befinden sich noch in der Entwicklung und sind in der Pubertät besonders sensibel für sexuelle Signale. Wenn sie mit sadistischen, masochistischen, oder fetischistischen Bildinhalten konfrontiert werden, wäre es naiv anzunehmen, dass diese Informationen keinerlei Einfluss auf die Ausbildung ihres sexuellen Selbstkonzeptes haben sollten.

Ist es wirklich so leicht, an diese Bilder zu kommen?

Da müssen Sie nur mal Youporn oder andere Websites aufrufen. Per Mausklick bestätigen Sie, älter als 18 Jahre zu sein und schon haben sie die ganze Palette vor sich.

Welche Folgen hat das für die Mädchen?

Viele sind zwar angewidert, aber sie machen mit bei dem Spielchen. Die Gefahr ist groß, dass Mädchen die vorgeführten Rollen übernehmen und ein Sexualkonzept entwickeln, in dem sie es akzeptieren oder sogar sexuell erregend finden, unterworfen zu sein, Objekt zu sein.

Durch Internetpornografie drohen Mädchen also masochistisch zu werden und Jungen sadistisch oder pädophil?

Das wissen wir jetzt zwar noch nicht und mit Zukunfts-Diagnosen wäre ich zurückhaltend. Aber Fakt ist, dass die Fantasiewelt von Erwachsenen ungefiltert auf die Kinder und Jugendlichen trifft. In einer Phase, in der sich unveränderliche Weichenstellungen ergeben - denn die sexuelle Präferenzstruktur entsteht im Jugendalter und bleibt dann bis zum Lebensende bestehen. Aus meiner Sicht ist das Ganze ein großes Experiment an unserer Jugend - ein unethischer Menschenversuch.

Aber es gibt doch bereits Initiativen, entsprechende Websites zu sperren oder Inhalte zu löschen.

Das ist sinnvoll und löblich. Es betrifft allerdings zunächst die sogenannte Kinderpornografie, letztlich ein verharmlosender Begriff zur Bezeichnung von Missbrauchsabbildungen.

Was können wir dagegen tun?

Wir brauchen eine ethische Diskussion in der Öffentlichkeit. Das Ausmaß dieser Problematik ist den meisten Menschen nicht klar. Darüber hinaus müssen wir offensiv an das Thema herangehen - in allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere auch in der Erziehung und Pädagogik.

Wie denn?

Eltern und Lehrer müssten bereit sein, sich mit der Thematik zu befassen. Sie sollten sich diese Seiten selbst ansehen, um zu wissen, worum es geht. Und dann gilt es, ins Gespräch zu kommen mit den Jugendlichen, um korrigierend eingreifen zu können.

Und wie lässt sich gegensteuern?

Es geht darum, ein klares Konzept von Sexualität zu vermitteln, das einen achtsamen und gleichberechtigten Umgang der Geschlechter beinhaltet - eben sexuelle Selbstbestimmung. Dazu steht nicht im Widerspruch, auch das Lustvolle der Sexualität zu thematisieren. Letztendlich brauchen Kinder und Jugendliche eine Beurteilungsgrundlage, um Fehldarstellungen zu erkennen.

Was kann ein junger Mann tun, der merkt, dass er pädophil ist?

Die sexuelle Präferenz entwickelt sich in der Jugend und ändert sich nicht mehr. Im Prinzip geht es darum, die Neigung zu akzeptieren, die sich sowieso in der Fantasie immer wieder zeigen wird, aber sich so weit in den Griff zu bekommen, dass aus den Fantasien keine Taten werden.

Interview: Anne Brüning

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