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Aufbau einer neuen Infrastruktur: In Bad Homburg steht bereits die erste Wasserstoff-Tankstelle.
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Aufbau einer neuen Infrastruktur: In Bad Homburg steht bereits die erste Wasserstoff-Tankstelle.

Energie

„Ein Netz ausschließlich für Wasserstoff“

  • vonJörg Staude
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Der Branchenkenner Stefan Thimm über Deutschland als Technologie-Standort, den Netzausbau und die Energiewende.

Herr Thimm, viele Energieversorger – insbesondere aus der Gasbranche – wollen, dass durch die Leitungen, durch die jetzt Erdgas zu Verbraucher:innen strömt, künftig zu einem Teil Wasserstoff durchfließt. Ihr Offshore-Verband ist dagegen. Warum?

Wir sind absolut nicht dagegen. Aber: Wenn der gesetzliche Rahmen nur die Integration von Wasserstoff ins Erdgasnetz vorsehen würde, dann kämen wir mit dem Aufbau einer reinen Infrastruktur für Wasserstoff nicht weiter. Die ist aber nötig. Denn wir verfügen wir nicht überall im Lande über ein Erdgasnetz, sehen aber wir jetzt schon erste Interessenten etwa aus der Industrie für grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien. Uns ist wichtig, die Wertigkeit grünen Wasserstoffs zu erhalten. Unser Ziel ist ja, Deutschland und Europa zu dekarbonisieren. Natürlich müssen wir dafür zunächst möglichst viel elektrifizieren. Es gibt aber auch Anwendungen, bei denen wir auf synthetische Energieträger wie Wasserstoff angewiesen sind. Deshalb müssen wir einen rechtlichen Rahmen schaffen, in dem es auch reine Wasserstoffnetze geben kann. Legen wir uns jetzt schon fest, nur das bestehende Erdgasnetz zu nutzen, dann haben wir am Ende einen Lock-in-Effekt und erreichen die Ziele der Energiewende nicht.

Was ist ein Lock-in-Effekt?

Dass wir uns auf die Beimischung und damit verbunden die Nutzung des Erdgasnetzes beschränken. Wir haben nichts dagegen, auch etwas Wasserstoff ins Gasnetz einzuspeisen – vor allem geht es uns aber darum, dass wir in der Lage sind, reine Wasserstoffnetze zu unterhalten. Hierfür müssen von Anfang an die richtigen Weichen gestellt werden.

Neue Netze werden ja sicher an der Küste gebraucht, um künftige Wasserstoff-Erzeugung auf See anzubinden?

Das ist projektabhängig: Wo befindet sich das Verbrauchszentrum, und wo wird der Offshore erzeugte Energieträger angelandet? Da gibt es schon erste Vorhaben und genau deshalb ist es so wichtig die richtigen Voraussetzungen für eine reine Wasserstoffinfrastruktur zu schaffen. Wasserstoffleitungen können übrigens dabei helfen, den Flaschenhals zu enger Stromleitungen zu umgehen, weil sie vergleichsweise viel mehr Energie transportieren können. Wichtig ist aber, dass Wasserstoff immer nur als Ergänzung, nicht als Alternative zur Elektrifizierung gesehen werden darf.

Die Offshore-Branche hat bereits zwei Meeresflächen „reserviert“, wo mittels Windstrom Wasserstoff hergestellt werden soll. Wo sind die?

Eine befindet sich in der Nordsee und eine in der Ostsee. Für die Flächen brauchen wir aber zunächst noch ein entsprechendes Vergabesystem. Wichtig ist, dass wir hier schnell vorankommen, um die ersten Projekte bis spätestens 2025 umgesetzt zu haben. Mit funktionierenden Praxisprojekten wird es der Politik leichter fallen, zusätzliche Flächen zur Wasserstofferzeugung auszuweisen. Eigentlich sind die bislang ausgewiesenen Flächen mit zusammen 35 Quadratkilometern viel zu klein. Dort ist maximal eine Erzeugung von 250 bis 300 Megawatt Strom für die Elektrolyse möglich. Damit lässt sich der in der nationalen Wasserstoffstrategie vorgesehene Beitrag von bis zu fünf Gigawatt Wasserstoff aus On- und Offshore-Wind nicht einmal annäherungsweise umsetzen. Wir als Verband peilen die Marke von mindestens 2000 Megawatt an, die bis 2030 Offshore für grünen Wasserstoff geschaffen werden sollten. So ein konkretes Ziel ist für uns absolut essenziell.

Ihre Forderung nimmt sich recht bescheiden aus verglichen mit visionären Projekten für ganze Wasserstoff-Inseln mit zehntausenden Megawatt. Sind die überhaupt machbar?

Natürlich sind große Projekte umsetzbar, wenn man hinreichend Flächen ausweist. Das ist die große Herausforderung. Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen: Nicht machbar bedeutet, dass am Ende die Energiewende nicht gelingen wird. Diese zukunftsgewandten Projekte brauchen wir zwingend, wenn wir vollständig dekarbonisieren wollen. Das bedeutet: Wir müssen über unseren heutigen Horizont hinausdenken. Um da hinzukommen, müssen wir als Branche erst einmal zeigen, dass Wasserstofferzeugung auf See nicht nur eine Vision ist, sondern auch in der Praxis funktioniert. Die Technologien haben wir auf jeden Fall. Dazu möchte ich ermutigen: Vor 30 Jahren habe ich mich als Schüler mit Photovoltaik-Zellen befasst. Da wurde uns gesagt: ‚Naja, für den Taschenrechner – da reicht’s; aber ein ganzer Haushalt ist damit niemals zu versorgen.‘ Heute trägt die Photovoltaik wesentlich zur Energiewende bei und dasselbe sehen wir auch bei der Offshore-Stromerzeugung. Und etwas ähnlich Positives werden wir auch bei Wasserstoff sehen. Wir müssen nur diese Technologie hochskalieren und industriell nutzbar machen. Das ist die Kunst.

Stefan Thimm ist Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber.

Werden wir riesige Wasserstoffinseln in der Nordsee sehen? Ja klar, vielleicht auch in der Ostsee. Das hat den Vorteil, dass wir auf See deutlich mehr Platz haben und auch mehr als nur ein Land über Offshore-Netzanschluss oder Wasserstoffpipeline anschließen können. Je integrierter und europäischer wir die Energiewende angehen, desto einfacher wird es.

Die deutsche Politik geht eher davon aus, den größten Teil des Wasserstoffs künftig zu importieren.

Ich warne davor. Klar wird es für grünen Wasserstoff eine globalen Markt geben. Aber wir müssen uns auch vor Augen führen, dass die Energiewende kein deutsches oder europäisches, sondern ein globales Projekt ist. Auch die anderen Staaten dieser Welt werden dekarbonisieren und brauchen ihre Ressourcen selbst. Wenn wir Wasserstoff aus Südamerika oder Australien importieren, wird davon die Energiebilanz nicht unbedingt besser. Wir müssen zusehen, soviel wie irgend möglich selbst zu machen. Das hat den Vorteil, dass wir damit gute Arbeitsplätze in Deutschland schaffen und in dieser Technologie Marktführer werden können.

Interview: Jörg Staude

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