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Eine Frau mit Mund-Nasen-Schutz. Mimik ist mit den Schutzmasken nur schwer zu erkennen.

Mimik

„Ein Lächeln hört man auch“

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Sprecherzieherin Heike Heinemann über klare Kommunikation mit Mundschutz.

Wenn die Gestik wegfällt, weil nur noch via Telefon gesprochen wird, oder sich die Mimik zur Hälfte hinter einer Maske verbirgt – dann wird die Stimme zum Hauptinstrument der Kommunikation, sagt Heike Heinemann. Sie ist Sprecherzieherin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo sie angehende Lehrkräfte in Stimm- und Körpersprache schult. Sie beobachtet, dass die Stimme durch Corona besonders wichtig wird. Und gibt Tipps für die Kommunikation unter besonderen Umständen – im Privaten und im Homeoffice.

Frau Heinemann, vor unserem Telefonat habe ich einen Schluck Wasser getrunken und mich geräuspert, jetzt sagen Sie mir: Räuspern ist gar nicht gut. Warum nicht?

Tatsächlich ist Räuspern sehr schlecht für die Stimme, weil die Stimmbänder dabei mit bis zu 130 Kilometern pro Stunde aneinander schwingen. Dabei entstehen Mikro-Verletzungen auf der Schleimhaut und der Schleim wird nicht abtransportiert. Besser man schluckt, brummt oder hüstelt leicht. Wasser trinken trinken dagegen tut der Stimme immer gut.

Seit vorigem Montag gilt in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln eine Maskenpflicht. Auch auf der Straße tragen seit einigen Wochen viele eine Maske. Ein ungewohntes Bild, außerdem eine seltsame Hürde für die Kommunikation. Wie erkenne ich, wer es freundlich meint?

Das Auffälligste im Gesicht ist das Mundbild – so wird der Gesichtsbereich genannt, der von der Maske verdeckt ist. Normalerweise erkennt man daran, ob jemand lächelt, grimmig guckt oder traurig ist. Aber wir lächeln auch mit den Augen, wenn wir es ernst meinen. Deshalb mein Tipp: Ein intensiver und empathischer Blickkontakt. Der ist dieser Tage besonders wichtig, wenn man Freundlichkeit ausstrahlen möchte. Und ein Lächeln hört man auch in der Stimme.

Heike Heinemann ist Sprecherzieherin an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, wo sie Studierende in Stimm- und Körpersprache schult.

Auch Gespräche verändern sich.

Zum einen gehen durch den Stoff auch Schall und Klang verloren. Zur besseren Verständlichkeit sollte die Lautstärke angepasst und die Aussprache deutlicher sein. Lippen, Zunge und Kiefer müssen dazu beim Sprechen stärker eingesetzt werden. Zusätzlich zur Mimik geht auch durch den körperlichen Abstand viel verloren – entweder, weil die physische Begegnung ganz wegfällt, oder weil auf Gesten wie das Händeschütteln, Schulternklopfen oder die Umarmung verzichtet werden muss. Das heißt, vieles was sonst nonverbal funktioniert, muss jetzt explizit ausgesprochen oder gefragt werden. Es ist also wichtig, Stimme und Rhetorik bewusster einzusetzen, wenn man etwas auf der Beziehungsebene ausdrücken möchte: „Das ist toll“, „Ich freu mich, dich zu sehen“ oder die Frage nach dem Befinden können Missverständnissen vorbeugen und Nähe und Sympathie schaffen.

Sprache und Stimme können Gestik und Mimik also ausgleichen oder zumindest auffangen?

Wenn sich Menschen das erste Mal begegnen, spielen Visuelles und Körpersprache eine große Rolle. Aber auch die Stimme kann sehr viel leisten und ist wichtiger, als den meisten bewusst ist. Deshalb leiten sich auch viele Wörter von der Stimme ab: Die Stimmung, etwas stimmt oder ist stimmig; jemand tritt bestimmt auf. Wenn das Visuelle bei der ersten Begegnung wegfällt – wie bei uns am Telefon – gibt die Stimme trotzdem meistens Aufschluss über biologische Faktoren wie das Geschlecht, manchmal auch das Alter und das Befinden. Die Stimme ist unser akustischer Fingerabdruck, sie transportiert unsere Stimmung und Persönlichkeit. Durch sie kann man Sympathie oder Empathie empfinden – und diese durch Betonung, Tonlage und Tempo bewusst rüberbringen.

Sie schulen Studierende darin, wie sie Stimme und Körper einsetzen können, um Kompetenz und Professionalität auszustrahlen. Welche Tipps haben Sie fürs Arbeiten im Homeoffice?

Wer auch von Zuhause bei Kollegen, Kunden und Vorgesetzten bei Telefonaten oder Videokonferenzen einen souveränen Eindruck hinterlassen möchte, sollte zunächst am Morgen die Stimme aufwecken. Um die belegte Stimme abzulegen reichen fünf bis zehn Minuten. Ein bisschen Seufzen und Summen – so wärmen sich auch Schauspieler und Sänger auf. Außerdem sollte man auf Sprechtempo und Pausensetzung achten und Nebengeräusche vermeiden. Bei Videogesprächen gilt, man sollte sich mittig im Bild platzieren, sich nicht zu sehr von oben oder unten Filmen und keine Schildkrötenhaltung einnehmen, also den Kopf nicht in Richtung Kamera bewegen. Das sieht nicht nur komisch aus, auch die Nacken- und Kehlkopfmuskulatur ist sonst verspannt, man klingt dadurch heiser, gepresst und manchmal auch atemlos.

Auch wenn sie keiner sehen kann, raten Sie von Jogginghose im Homeoffice ab – warum?

Die Stimme verräts. Arbeitskleidung wirkt sich auf die Körperhaltung aus, deshalb empfehle ich, auch Zuhause nicht barfuß und in Jogginghosen zu arbeiten. Wenn die Kleidung dem beruflichen Anlass entspricht, sorgt das für Spannung, der Körper richtet sich auf, das unterstützt die Stimme, weil die Atmung besser fließen kann. Außerdem fühlt man sich gleich kompetenter als im Schlafanzug – auch das spiegelt sich in Ihrer Art und Weise zu Sprechen wider.

Generell sind Haltung, Atmung, Stimme und Stimmung eng miteinander verbunden. Bauch-Flanken-Atmung ist das Zauberwort. Sie soll auch gegen Stress helfen.

Genau. Durch die Atmung in den unteren und seitlichen Bauch-Flanken-Raum wird der Resonanzraum größer, zugleich entspannt sich die Stimmmuskulatur. Die Stimme wird klarer und befreiter, weil beim Sprechen mehr Luft ausströmen kann. Sie ist aber auch unsere „Gelassenheitsatmung“, die uns in angespannten oder anstrengenden Situationen beim Durchhalten, geduldig sein und im Wortsinn „Durchatmen“ hilft. Sie lässt sich mit einfachen Übungen – trainieren. Gähnen, Seufzen oder das Sprechen von Konsonanzen – P, T, K – das aktiviert das Zwerchfell. Auch Singen, Summen oder Pfeifen verschafft uns sofort positive Energie und Motivation.

Interview: Sophie Vorgrimler

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