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Zwei große Tankschiffe sollen das abgetrennte CO2 aus europäischen Industrieanlagen abholen.- epd
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Zwei große Tankschiffe sollen das abgetrennte CO2 aus europäischen Industrieanlagen abholen.- epd

CO2

Ein Endlager unter dem Meer

  • vonJörg Staude
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Norwegen will von 2024 an Kohlendioxid aus Industrie und Kraftwerken mit Tankschiffen einsammeln und unterm Festlandsockel verpressen.

Vor mehr als tausend Jahren bestieg ein Norweger, Erik „der Rote“ Thorvaldsson, ein traditionelles Langschiff der Wikinger und segelte mit einer Flotte und mehreren hundert Getreuen von Island nach Westen – bis er Grönland erreichte. Hunderte Jahre handelten die Wikinger-Siedlungen dann mit der einstigen Heimat mit „arktischen Luxusgütern“: wertvolle Felle sowie Elfenbein aus Walross-Stoßzähnen.

In drei Jahren, ab Mitte 2024, sollen nach norwegischen Plänen wieder „Langschiffe“ in See stechen. Diesmal fahren sie nicht nur in Richtung Westen, sondern auch nach Süden und Osten entlang der Küsten von Nord- und Ostsee. Die beiden zunächst geplanten „Langschiffe“ sind auch nicht wie weiland bei Erik dem Roten aus Holz. Es sind zwei große Tankschiffe, die abgetrenntes CO2 aus europäischen Zement-, Stahl- und Chemiewerken, aus Raffinerien oder auch Erdgas-Kraftwerken aufsammeln und nach Norwegen bringen sollen – zur Verpressung unter den Festlandsockel.

Das ganze Projekt trägt den Titel „Longship“. Das erste CO2, das in diesem Rahmen verschifft werden soll, wird aus einer Anlage des deutschen Konzerns Heidelberg Cement im norwegischen Brevik stammen. Rund 400 000 Tonnen CO2 – etwas weniger als die Hälfte der Emissionen der Zementfabrik – sollen abgetrennt, verflüssigt und aufs Schiff verladen werden. Das nimmt dann Kurs nach Norden, wo das CO2 entladen und schließlich einige Kilometer von der Küste entfernt im norwegischen Festlandsockel versenkt wird. Nach der Zementfabrik sollen dann die CO2-Emissionen einer Müllverbrennungsanlage in der Hauptstadt Oslo unterm Meer entsorgt werden – zusammengenommen jährlich 1,5 Millionen Tonnen.

Die Norweger:innen werben für ihr Projekt damit, dass sie beispielsweise im Sleipner-Gasfeld schon seit 25 Jahren CO2 unter den Meeresgrund verbringen und nie etwas passiert sei. Das für „Longship“ zunächst ins Auge gefasste Meeresuntergrundgebiet in rund 2500 Metern Tiefe ist auch kein altes, bereits ausgebeutetes Gas- oder Ölfeld, sondern besteht aus wasserführendem Sandgestein. In diesem löst sich das verpresste CO2, was dem Wasser eine größere Dichte verleiht. So bleibe das „karbonisierte“ Wasser – auch dank einer dicken Deckschicht – im Meeresgrund praktisch fest eingeschlossen, betont Sverre Overå, Direktor des CO2-Gesamtprojekts Northern Lights, zu dem „Longship“ gehört.

Für die Zukunft plant Norwegen einen regen CO2-Verkehr in der Nord- und Ostsee. In den Anrainerstaaten der beiden Meere wurden schon gut 350 potenzielle Interessierte mit Emissionen von jährlich 300 Millionen Tonnen ausgemacht, die ihr CO2 möglicherweise loswerden wollen. In der Realität aber wird erwartet, dass zunächst ein Dutzend übrig bleibt.

Die anfängliche Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen CO2, die praktisch zunächst für den norwegischen „Hausgebrauch“ gedacht ist, soll ab 2026 um weitere fünf Millionen Tonnen erweitert werden und später nochmals um die gleiche Menge. Für die Folgezeit planen die Norweger einen schnellen Hochlauf der CO2-Abscheidung etwa ab 2035 auf jährlich 30 bis 40 Millionen Tonnen oder mehr.

Gemessen an den 3,7 Milliarden Tonnen CO2, die die Europäische Union bis 2050 für Klimaneutralität einsparen muss, kommt „Longship“, ähnlich wie andere technische Einsparlösungen, recht spät und kann den klassischen Klimaschutz höchstens ergänzen.

Kritiker:innen sehen „Longship“ denn auch weniger als Projekt zum Klimaschutz, sondern vielmehr als eines, das den norwegischen Erdgas-Absatz in Europa sichern und verlängern soll. Statt Erdgas zu liefern und das CO2 wieder aufwendig einzusammeln, könnte der fossile Brennstoff ja beispielsweise auch gleich in Norwegen in sogenannten „blauen“ Wasserstoff verwandelt und das CO2 auf kurzem Wege unterm Meer versenkt werden.

Auf eine entsprechende Frage konnte Bjarne Bull-Berg vom norwegischen Gaslieferanten Equinor bei einer kürzlichen Präsentation der deutschen Lobbyinitiative „Zukunft Gas“ keine überzeugende Antwort geben. Derzeit sei es nicht wirtschaftlich, Wasserstoff aus Norwegen per Pipeline nach Deutschland zu bringen, sagte Bull-Berg. Eine Produktion von Wasserstoff vor Ort sei da besser.

Tatsächlich ist „grüner“ Wasserstoff, der in südlichen Ländern wie Spanien und Italien mit Solarstrom hergestellt wird und dann in einer Pipeline nach Deutschland fließt, perspektivisch „mindestens genauso kostengünstig“ wie der per CO2- Abscheidung gewonnene „blaue“ Wasserstoff, schätzte Simon Schulte, Gasmarktexperte beim Energiewirtschaftlichen Institut an der Uni Köln (EWI), bei der Präsentation.

Letztlich wird sich die Wirtschaftlichkeit des Longship-Projekts am CO2-Preis messen lassen müssen, den Industrie und Kraftwerke im europäischen Emissionshandel zu zahlen haben, oder nach den Vermeidungskosten, die den Unternehmen beim Umstieg auf klimaneutrale Technologien entstehen. Ausschlaggebend für die Entscheidung ist dabei: Was ist preiswerter – Emissionszertifikate kaufen, auf klimaneutrale Technik setzen oder das CO2 verpressen lassen?

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