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Bei Lorenzo Fioramonti zuhause gilt das Prinzip „Zero Waste“ – Null Abfall.

Klimaschutz

Ehrgeiziger Wachstumskritiker

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Italiens Bildungsminister will weltweit als erster Klimaschutz als Pflichtfach in der Schule einführen – ein Portrait.

Rom. Vor zehn Jahren drehte Lorenzo Fioramonti gemeinsam mit seiner Frau, einer deutschstämmigen Umweltaktivistin, einen Film über den Klimawandel. Die Spezies Mensch müsse sich vom Diktat des Wirtschaftswachstums verabschieden, um zu überleben, lautete die Botschaft.

Inzwischen ist der Wachstumskritiker Fioramonti in seiner Heimat Italien Bildungsminister geworden. Seit September sitzt er für die Protestbewegung Fünf Sterne in der Regierung. Umwelt und Klima sind weiter seine Themen. Und so hat er kürzlich angekündigt, Klimaschutz in Italien ab September 2020 zum verpflichtenden Unterrichtsstoff zu machen – ein weltweites Novum.

Fioramonti ist ehrgeizig. Nach dem Philosophie-Studium in Rom forschte er unter anderem an der Universität Heidelberg und der Berliner Hertie School of Governance. Mit Mitte dreißig bekam er einen Lehrstuhl für politische Ökonomie an der Universität Pretoria in Südafrika. Jetzt will der 42 Jahre alte Minister, der vier Sprachen spricht, Italien zum ersten Land machen, das „Umwelt und Gesellschaft als Herzstück all dessen begreift, was wir in der Schule lernen“, wie er sagt. Eine „Erziehung zur Nachhaltigkeit“ schwebt dem Vater von zwei Kindern vor.

Italienische Schüler sollen künftig von der ersten Klasse bis zum Abitur mindestens eine Stunde pro Woche für die Klimaproblematik sensibilisiert werden, altersgerecht. Sechs- bis Elfjährigen könne etwa über Märchen vermittelt werden, wie verschiedene Kulturen mit der Natur umgehen, schlägt der Minister vor. Gymnasiasten könnten sich mit der UN-Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung befassen.

Mittelfristig sollen alle Fächer mit neuer Blickrichtung unterrichtet werden, so Fioramonti. In Erdkunde etwa müsse es darum gehen, welche Folgen menschliches Handeln in verschiedenen Teilen der Erde hat. Die Lehrinhalte, die Experten nun erarbeiten, sollen von renommierten Wissenschaftlern wie dem Harvard-Professor Jeffrey D. Sachs geprüft werden. Italiens Lehrer werden ab Januar in Sachen Klimaschutz weitergebildet.

Fioramontis Vorhaben ist auch deshalb ehrgeizig, weil Italien bei Umwelt- und Klimaschutz hinterherhinkt. Die Feinstaubbelastung erreicht in vielen Städten Rekordwerte. Laut Europäischer Umweltagentur sterben in keinem EU-Land so viele Menschen an den Folgen der Umweltverschmutzung. Und während jeder zweite junge Deutsche Klimaschutz für ein entscheidendes Zukunftsthema hält, ist nur jeder vierte junge Italiener dieser Meinung. Auch recycelt wird wenig. Flaschenpfand gibt es nicht. Plastikbecher und –geschirr kommen auch bei offiziellen Anlässen nach wie vor bedenkenlos auf den Tisch.

Als Fioramonti im September zum Chef des Bildungsressorts aufrückte, ermutigte er Italiens Jugendliche, die Schule zu schwänzen und stattdessen auf die Straße zu gehen – für den internationalen Klimastreik „Fridays for Future“.

Er sei froh, dass er in einer Zeit Minister sei, in der die Schüler dem Aufruf von Greta Thunberg folgten, betonte er. Die rechte Lega, mit der seine Fünf-Sterne-Partei zuvor gemeinsam regiert hatte, war empört. Deren Chef Matteo Salvini gehört wie US-Präsident Donald Trump zu denen, die den Klimawandel klein reden und sich über Aktivisten lustig machen.

Im Bündnis mit der Lega hatte Lorenzo Fioramonti keine Chance mit Ideen wie der, Plastik und zuckerhaltige Lebensmittel höher zu besteuern. „Ich wurde früher ausgelacht und wie ein Depp behandelt“, sagt er.

Die neue Regierung aus Fünf Sternen und Sozialdemokraten dagegen hat die Umwelt- und Klimapolitik für zentral erklärt und die Mittel dafür auf 4,5 Milliarden Euro verdoppelt. Die Plastik- und Zuckersteuer wurde im Budgetentwurf aufgegriffen, trotz massiver Kritik aus Wirtschaft und Opposition.

Bei Fioramonti zuhause gilt das Prinzip „Zero Waste“ – Null Abfall – durch Verzicht auf Plastikverpackungen schon seit Jahren. Seine Frau überzeugte ihn davon, indem sie ihm Dokumentarfilme über Plastikmüll in den Ozeanen vorführte.

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