In die Jahre gekommen: Der Botanische Garten in Marburg soll saniert werden. Philipps-Universität Marburg/dpa
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In die Jahre gekommen: Der Botanische Garten in Marburg soll saniert werden.  

Botanik

Im Edelweiß-Eldorado

Botanische Gärten mit Tausenden von Pflanzenarten sind nicht nur Orte der Erholung, sondern auch für die Forschung interessant.

In den Botanischen Gärten von Universitäten wachsen tausende Pflanzenarten. Ihre Vielfalt und lange Tradition macht die Anlagen auch für aktuell drängende Forschungsfragen interessant. In einigen hessischen Städten sind tropische Gewächse nur einen Spaziergang entfernt. Botanische Gärten beherbergen eine Fülle von Pflanzen aus aller Welt, manche schon seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten.

Aus der Zeit gefallen sind sie deswegen aber nicht – gerade in den universitären Gärten wird an aktuellen Fragen geforscht, wissenschaftlicher Nachwuchs ausgebildet und nebenbei der Öffentlichkeit Einblicke in den Artenreichtum ermöglicht. Damit die Anlagen zukunftsfähig bleiben, sind allerdings mancherorts derzeit Millioneninvestitionen nötig.

„Die Gärten haben eine ganz zentrale Funktion auch in der öffentlichen Bildung“, sagt Maximilian Weigend, der Präsident des Verbandes Botanischer Gärten. „Es sind Orte, wo die Leute Biodiversität begegnen – sowohl der heimischen wie auch der exotischen – und wo sie ein Gefühl für Themen wie nachhaltige Entwicklung bekommen können.“ Die Ausstattung und Schwerpunkte der Anlagen richten sich demnach auch danach, welche Träger sie haben, beispielsweise Kommunen oder Hochschulen.

Zu den hessischen Gartenbesitzern gehört etwa die Uni Gießen: Die Anfänge des mitten in der Stadt gelegenen Areals gehen nach eigenen Angaben auf das Jahr 1609 zurück. Es handele sich damit um den ältesten botanischen Universitätsgarten Deutschlands, so die mittelhessische Hochschule. Derzeit wird auf dem Gelände an einer neuen Gewächshausanlage gebaut, die sich an der ursprünglichen orientiert. Für die Erneuerung und Erweiterung des Komplexes veranschlagen Land und Uni insgesamt rund acht Millionen Euro.

Der Garten diene „unverändert in seiner Geschichte den drei wesentlichen universitären Säulen Lehre, Forschung und Wissenstransfer“, berichtet der wissenschaftliche Leiter Volker Wissemann. Im Sommersemester werde das Gelände von knapp 600 Studierenden der Biologie, Veterinärmedizin, Geografie oder der Agrarwissenschaft genutzt. „Alleine für diese Zwecke der Lehre stellt der Garten mehr als 75.000 Pflanzen jährlich zur Verfügung.“

Für die Forschung besitzt der Garten Spezialsammlungen, etwa die „größte Edelweißsammlung Europas“, so Wissemann. „Zudem pflegen wir Erhaltungskulturen hochgradig bedrohter Pflanzenarten Hessens und analysieren die genetischen Verschiebungen in natürlichen Populationen versus Gartenerhaltungskulturen, um Handlungsanweisungen für den angewandten Naturschutz entwickeln zu können“, erläutert der Botanik-Professor. Das sei eine „gesellschaftsrelevante Aufgabe“.

Auch die benachbarte Universität Marburg kultiviert und sammelt Tausende Pflanzen. Der in den 1970er Jahren eröffnete Botanische Garten liegt auf den Lahnbergen am Rande und hoch über der Stadt. Auch hier stehen Millioneninvestitionen an, denn die 31 Schaugewächs- und Anzuchthäuser müssen modernisiert werden. „Die Heizkosten dafür sind kaum mehr tragbar“, beschreibt Uni-Präsidentin Katharina Krause in einer Broschüre die Lage. „Alle Glashäuser sind in die Jahre gekommen und entsprechen keinerlei energietechnischen Standards mehr. Die einzige Lösung ist ihre komplette Sanierung.“

Die Hochschule rechnet mit Kosten von fünf Millionen Euro. Den Großteil übernimmt das Land; 1,25 Millionen Euro sollen über private Spenden zusammenkommen. Es gehe darum, die Biodiversität in dem Garten zu sichern und den Artenschutz voranzubringen.

Angesichts der vielfältigen Gewächse in den Gärten können Wissenschaftler dort auch ganz aktuellen Fragen auf den Grund gehen - Stichwort Klima. „Es sind Forschungen zu Veränderungen durch den Klimawandel möglich, da man in manchen Botanischen Gärten über Jahrzehnte Aufzeichnungen zum Beispiel zum Austreiben der Bäume hat“, erläutert Verbandspräsident Weigend, der auch Professor für Biodiversität der Pflanzen an der Uni Bonn ist.

„Man kann anhand einer langen Zeitachse bei einem riesigen Spektrum von verschiedenen Pflanzen nachvollziehen, wie sie auf veränderte Klimabedingungen reagieren.“ Was man auch sehr gut sehen könne in den Anlagen: „Welche Pflanzen halten es unter den gegenwärtigen Bedingungen bei uns überhaupt noch aus, welche kann ich sinnvollerweise pflanzen und welche nicht mehr?“

Für die Zukunftsfähigkeit der Gärten spielt aus Sicht des Gießener Forschers Wissemann die Digitalisierung eine Rolle, doch sei es herausfordernd, sie adäquat einzusetzen: „Zwar helfen viele digital basierte Techniken bei der Wissensvermittlung, aber am Ende und im Kern ist Botanik, sind Pflanzen, ein Präsenzfach und ein Präsenzobjekt. Die Pflanze muss buchstäblich begriffen werden, um ihre Eigenschaften zu erfassen.“ (dpa)

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