Der südlich des Mount Everest gelegene Imja-Gletscher im Himalaya.
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Der südlich des Mount Everest gelegene Imja-Gletscher im Himalaya.

Der dritte Pol schmilzt weg

  • vonChristian Mihatsch
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Das Klima im Himalaya erwärmt sich fast doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt.

Der Himalaya und die umliegenden Gebirge gelten als der dritte Pol der Erde. Abgesehen vom Nord- und Südpol hat keine Region der Welt mehr Eis und Schnee. 46 000 Gletscher haben eine Fläche von 100 000 Quadratkilometern und verteilen sich auf ein Gebiet, das zwölfmal so groß ist wie Deutschland. Diese Gletscher speisen die wichtigsten Flüsse Asiens – vom Amudarja in Afghanistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan über den Indus in Pakistan, den Ganges und Brahmaputra in Indien und Bangladesch, den Irrawaddy in Burma und den Mekong in Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam bis hin zu den beiden großen Strömen Chinas: dem Jangtse und dem Gelben Fluss. Der Himalaya wird daher auch als „Wasserturm Asiens“ bezeichnet, denn die meisten der Länder rund um das Gebirgsmassiv leiden unter Wassermangel und sind auf das Wasser dringend angewiesen.

Doch die Gletscher sind auf dem Rückzug infolge eines Angriffs von zwei Fronten: dem Klimawandel und der Luftverschmutzung. Die Temperaturen steigen im Himalaya fast doppelt so schnell wie im weltweiten Durchschnitt. Mittlerweile ist es rund um den Mount Everest 1,5 Grad wärmer als zu Beginn der Industrialisierung.

Hinzu kommt die Luftverschmutzung: Ruß und Staub lagern sich auf den Gletschern ab. Diese werden dadurch dunkler und schlucken mehr Sonnenlicht. Wenn das Eis schmilzt und sich Gletscherseen bilden, beschleunigt sich das Abschmelzen zusätzlich: „Es ist ein positiver Rückkopplungseffekt“, sagt Duncan Quincey von der Universität Leeds in Großbritannien. „Ein See absorbiert mehr Sonnenlicht als Gestein, und das erwärmt das Wasser. Dadurch schmilzt mehr Eis und der See wird größer.“

Die Gletscherseen sind außerdem gefährlich: Wenn der Wasserdruck auf die Moräne – den Gletscherwall – zu groß wird, können sich die Seen plötzlich entleeren, mit verheerenden Auswirkungen auf die darunter liegenden Dörfer. Joseph Shea von der Universität Saskatchewan in Kanada warnt: „Größere Seen erhöhen die Gefahr katastrophaler Dammbrüche.“

Die größte Gefahr der schmelzenden Gletscher kommt aber nicht plötzlich, sondern schleichend. 1,3 Milliarden Menschen hängen vom Wasser in den zehn Flüssen ab. Durch das Abschmelzen der Gletscher vergrößert sich deren Wassermenge kurzfristig. Langfristig werde sich aber der Anteil des Schmelzwassers in den Flüssen halbieren, besagt eine neue Studie im Wissenschaftsmagazin Nature. „Der Fortbestand und die Stetigkeit der Frischwasserzufuhr hinsichtlich der Quantität wie auch der Qualität in der Zukunft ist unsere größte Sorge“, sagt Paolo Gabrielli von der Ohio State University in den USA.

Das gilt besonders in Jahren mit wenig Regen, wie die Nature-Studie zeigt. In einem Jahr mit durchschnittlich viel Regen trägt das Schmelzwasser nur wenig – zwischen 0,1 und drei Prozent – zum Wasser in den Flussgebieten bei. Bei großer Trockenheit allerdings spielen die Gletscher eine viel wichtigere Rolle: Wenn weniger Regen fällt, steigt der Anteil des Schmelzwassers in den Flüssen stark an. In trockenen Sommern kommt beispielsweise das Wasser im oberen Indus, der durch China, Indien und Pakistan fließt, überwiegend aus den Gletschern.

Dies trifft einige der instabilsten und wasserärmsten Regionen der Welt. Verschärft wird die Situation oft noch durch schlechtes Wassermanagement. Dies gilt etwa für Zentralasien. Dort teilen sich Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan das Wasser des Flusses Syrdarja, der schließlich wie der Amudarja in den Aralsee mündet. Zur Zeit der Sowjetunion wurden flussaufwärts in Kirgistan und Tadschikistan riesige Reservoirs gebaut, um im Winter Wasser zu sammeln. Dieses wurde dann im Sommer zur Bewässerung der Baumwollfelder im flussabwärts gelegenen Usbekistan benutzt. Usbekistan versorgte im Gegenzug Kirgistan und Tadschikistan mit Energie im Winter.

Heute lassen die beiden „Wasserschlösser“ das Wasser im Winter durch die Turbinen rauschen, weil sie von den Usbeken keine Energie fürs Heizen mehr bekommen. Im Sommer ist dann kein Wasser für die Baumwollfelder mehr da. Hinzu kommt, dass die gesamte zur Verfügung stehende Menge an Wasser wegen des Klimawandels um ein Viertel abgenommen hat und die Bevölkerung rasant wächst.

Nur wenig besser sieht es in China aus. Das Land ist Heimat für 21 Prozent der Weltbevölkerung, hat aber nur sieben Prozent des Frischwassers. Den 20 Millionen Einwohnern von Peking stehen jährlich pro Person nur 100 Kubikmeter Wasser aus regionalen Brunnen und Quellen zur Verfügung. Für die UNO leidet ein Landstrich aber schon unter „Wasserstress“, wenn pro Einwohner weniger als 1700 Kubikmeter Wasser verfügbar sind. Hinzu kommt die Wasserverschmutzung: Knapp 60 Prozent des Grundwassers sind verunreinigt. Für Dabo Guan von der britischen Universität von East Anglia ist der Wassermangel denn auch „die schwerste Umweltkrise Chinas“. Hinzu komme, dass die Menschen den Mangel nicht wahrnehmen: „Man sieht den Smog, aber Wasserverschmutzung oder das Austrocknen eines Flusses sind selten zu sehen. Die Leute sind dem nicht ausgesetzt.“ Das gilt auch für die Gletscher im Himalaya: Sie schmelzen – mit schwerwiegenden Folgen für 1,3 Milliarden Menschen –, aber kaum einer sieht’s.

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