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Pädagogik

Dramatischer Lehrermangel

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Gute Bezahlung und eine fundierte Ausbildung sind nötig, um den Beruf des Pädagogen wieder attraktiver zu machen.

Das war endlich mal eine gute Nachricht für Deutschland: Der Anteil unserer sozial benachteiligten 15-Jährigen, die dennoch einigermaßen ordentliche Schulleistungen erbringen, ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen, teilt uns Andreas Schleicher von der Pisa-Kommission mit. Besser sind diesbezüglich nur Singapur, Japan, Kanada und die Niederlande. In Deutschland ist jeder dritte aus dieser Gruppe besser geworden, in Italien und in den USA nur jeder fünfte, in Luxemburg gar nur jeder sechste. Vor allem die Ausbreitung der gebundenen Ganztagsschulen hat bei uns zu dem guten Abschneiden beigetragen.

Aber eine schlechte Nachricht gab es auch: Etwa 35 000 Lehrkräfte werden den deutschen Grundschulen bis 2025 fehlen; nimmt man alle Schulformen zusammen, sind es 105 000, übrigens vor allem solche für die Fächer Mathematik, Informatik, Physik, Chemie, Musik und Technik. Bis dahin werden aber nur 70 000 Lehrkräfte ausgebildet, während 60 000 bis 2025 in den Ruhestand gehen. Immerhin benötigt die Ausbildung einer Lehrkraft im Schnitt sieben Jahre.

Die Geburtenzahl steigt

Wer also heute mit seinem Studium beginnt, kann erst 2025 eingestellt werden. Gleichzeitig steigt die Geburtenzahl enorm, und es soll mit den zusätzlichen elf Milliarden Euro für Bildung, die im neuen Koalitionsvertrag stehen, ein Anspruch der Eltern auf einen Ganztagsschulplatz umgesetzt werden; zugleich brauchen die Gymnasien zusätzliche Lehrkräfte, um ihr Angebot von G8 auf G9 zu erweitern; mit der Inklusion und der Digitalisierung sollen Klassen kleiner werden; die große Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund und die der Inklusionskinder erfordert Teilungsstunden und Doppelbesetzungen. Alles das benötigt eine erhebliche Zahl an zusätzlichen Pädagogen.

Ich wurde als junger Lehrer in einer Zeit schlimmsten Lehrermangels eingestellt. Als ich später selbst an der Universität Hamburg Lehrkräfte ausbildete, gingen die allerbesten von ihnen in die Arbeitslosigkeit. Seit 100 Jahren haben wir immer wieder den ständigen Wechsel von Lehrermangel und Lehrerschwemme, früher nannte man so etwas mal „Schweinezyklus“; ein Indiz dafür, dass die Bildungsministerien „keinen Plan“ für eine langfristige Ausbildungs- und Einstellungspolitik haben. Und damit leisten wir uns auch den Luxus, dass viele hervorragende Lehrer mit der Examensnote sehr gut nicht in den Schulen landen, während später wieder ganz schwache Kandidaten oder sogar solche ohne ein Lehramtsstudium in die Schulen kommen.

Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU) antwortet übrigens auf die Frage, wie man dem zu erwartenden Lehrermangel begegnen könnte, mehr oder weniger nichtssagend: „Alle 16 Länder sind sich der Lage bewusst und ergreifen bereits länderspezifische Maßnahmen“. Aber welche sind das?

Sind es die zusätzlichen Quer- oder Seiteneinsteiger aus anderen Berufen, die ohne eine pädagogische Ausbildung in die Schulen gelangen (45 Prozent in Sachsen)? Ist es die Verschiebung der Pensionsgrenze von 65 auf 67 Jahre (Hamburg)? Sind es Lehraufträge für Lehramtsstudierende, Referendare, Künstler, Musiker, Sportler, Eltern oder Mitarbeiter von Betrieben? Ist es das Zurückholen pensionierter Lehrkräfte aus dem Ruhestand?

Es ist sogar der Vorschlag zu hören, man sollte den 40 Prozent der Lehrerinnen, die im Moment nur in Teilzeit arbeiten, eine unbürokratische Aufstockung ihrer Wochenstunden mit einer zusätzlichen guten Bezahlung anbieten; und man sollte den sonderbarerweise immer noch existierenden „Numerus clausus“ vor dem Beginn eines Lehrerstudiums an den Hochschulen endlich aufheben; aber man sollte insbesondere Grundschullehrkräfte, vor allem aber auch Leitungen von Grundschulen, besser bezahlen, um den Beruf attraktiver zu machen.

Hamburg beschreitet nun aber einen gegensätzlichen Weg: Man will ein eigenes Grundschullehrerstudium einführen, das es in der Hansestadt noch nie gab. Unausgesprochen verbirgt sich dahinter wohl eine Idee des früheren Hamburger Bürgermeisters Henning Voscherau (SPD): Grundschullehrkräfte brauchen kein Master-Studium, und man kann sie schlechter bezahlen. Gleichzeitig soll die Gymnasiallehrerausbildung in Zukunft auch für das Unterrichten an Stadtteil-, Gesamt-, Gemeinschafts- oder Sekundarschulen taugen. Dabei ist dort die pädagogische Herausforderung infolge der erheblich größeren Heterogenität ihrer Schülerschaft weitaus umfangreicher als an Gymnasien. Schon jetzt kranken viele deutsche Gesamtschulen daran, dass sie versuchen, so ähnlich zu arbeiten wie Gymnasien, was immer schiefgehen muss.

Wir bräuchten also neben einem mehr fachwissenschaftlich orientierten Gymnasiallehrerstudium ein pädagogisch höchst vielfältiges und sehr anspruchsvolles Studium für ein ebenso gut bezahltes Lehramt an Grund- und Gesamtschulen, die Vorschule bis Klassenstufe 13 umfassend, und zwar bundeseinheitlich, was es demnächst in Deutschland nirgendwo mehr gibt, aber schon noch in Skandinavien mit seinen wesentlich erfolgreicheren Schulen – und was Hamburg nun gerade ganz abschaffen will.

Die Hamburger Finanzbehörde klagt übrigens darüber, dass die Lebenserwartung der Beamten derart gestiegen sei, dass die Rücklagen für Pensionslasten nicht mehr ausreichen würden. Nun schlägt der sächsische Kultusminister, Christian Piwarz (CDU) vor, künftig in allen Bundesländern die Lehrkräfte zu verbeamten, um den Beruf attraktiver zu machen.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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