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An Drähten und Schläuchen

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Sind so kleine Finger: Frühchen im siebten Monat im Brutkasten.
Sind so kleine Finger: Frühchen im siebten Monat im Brutkasten. © dpa

Die moderne Medizin ermöglicht immer mehr Frühgeburten das Überleben. Für Eltern und Kind ist eine psychologische Hilfe wichtig. Von Nathalie Heinke und Leon Reuter

Von NATHALIE HEINKE UND LEON REUTER

Leas Ärmchen sind so dünn wie die Finger ihres Vaters. Das Mädchen ist mit gerade einmal 510 Gramm zur Welt gekommen. Jetzt liegt sie im Brutkasten der Uniklinik. Elektroden überwachen den winzigen Körper. Drähte und Schläuche sichern das Überleben. Neben ihr liegt ein Kuschelhase. Er ist fast genauso groß wie sie selber, aber das kann Lea noch nicht sehen. Ganz sicher fühlt sie jedoch die Nähe der Eltern, die jeden Tag stundenlang zu Besuch kommen.

"Der Anblick bricht einem das Herz", sagt die analytische Kinder- und- Jugendlichen-Psychotherapeutin Sevgi Meddur-Gleissner. Was die früh geborenen Säuglinge schon zum Beginn ihres Lebens durchmachten, sei schwer auszuhalten. Denn fast alle Mütter hätten während der Schwangerschaft die unbewusste Vorstellung eines wunderschönen properen Babys.

Unbewusste Schuldgefühle

Der erste Anblick im Brutkasten, so die Therapeutin, entspreche kaum dem fantasierten Baby. Es wirke unbewusst verstörend: "Viele Mütter fühlen sich für das Zufrühgeborensein ihres Kindes verantwortlich." Daraus wachse dann oft unbewusst eine Distanzierung und Rückzug. "Gerade diese Schuldgefühle aber können zu Störungen der Mutter-Kind-Bindung führen", weiß Sevgi Meddur-Gleissner. So würde die Interaktion zwischen Mutter und Kind schon früh abgebrochen.

Die Sorge um das Überleben des Kindes halte nicht selten an, bis die Kinder 18 oder 20 Jahre seien. Viele dieser Kinder würden überversorgt und unbewusst auch klein gehalten. In einigen Bereichen könnten sie sich unabhängig von den möglichen körperlichen Beeinträchtigungen nicht adäquat entwickeln.

In Deutschland kommen immer mehr Babys zu früh auf die Welt. Inzwischen sind etwa neun Prozent aller Babys Frühgeburten. Das sind rund 63 000 Kinder im Jahr. 12 000 dieser Frühchen kommen vor der 32. Schwangerschaftswoche auf die Welt.

Noch in den 60er Jahren hätten nur etwa 30 Prozent dieser Babys überlebt. Inzwischen überleben mehr als die Hälfte aller Kinder. Von den extrem kleinen Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht unter 500 Gramm schaffen dank den Fortschritten der Medizin 20 bis 30 Prozent der Sprung ins Leben. Den optimistischen Zahlen zum Trotz: Insbesondere sehr kleine Frühgeborene wie Lea haben oftmals neben lebenslangen körperlichen Beeinträchtigungen auch Entwicklungs- und Lernprobleme. Zu diesem Ergebnis kommen mehrere internationale Studien.

"Lernbehinderungen kommen mehr als 20 Mal häufiger bei Kindern vor, die vor der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden", erläutert der Entwicklungspsychologe Dieter Wolke von der Warwick Universität in England. Bei diesen Kindern würden deutlich mehr Schulprobleme aufgrund von geistigen Behinderungen festgestellt, hinzu kommen Verhaltensprobleme, Konzentrationsstörungen und emotionale Probleme, etwa Ängstlichkeit und Depressionen.

Bei extrem früh Geborenen entwickeln sich nur etwa 30 Prozent der Kinder normal ohne jegliche Störungen. Weitere 30 Prozent haben laut Wolke einige kognitive oder Verhaltensauffälligkeiten. Und bis zu 40 Prozent der extrem früh geborenen Kinder haben mittlere bis schwere motorische, Lern- oder Verhaltensstörungen im Jugendalter, so dass diese wahrscheinlich in ihrer Versorgung nicht vollkommen unabhängige Erwachsene werden.

Für das breite Spektrum an Lern- und Verhaltensauffälligkeiten scheinen nach neusten Erkenntnissen neurologische Probleme verantwortlich zu sein: "Diese Kinder haben möglicherweise eine andere Hirnarchitektur", resümiert Wolke den Forschungsstand. So sind bei den Winzlingen nicht nur zahlreiche Organe insbesondere die oftmals Lunge nicht endgültig ausgereift, auch die Hirnentwicklung scheint nicht abgeschlossen.

Wissenschaftler vermuten, dass diese Unreife auch dafür verantwortlich sein könnte, dass sehr früh geborene Kinder häufiger eine desorganisierte Bindung haben als zeitgerecht geborene. Anders als beispielsweise sicher an ihre Mutter gebundene Kinder verhalten sich diese Kleinkinder ihren Müttern gegenüber nicht vorhersagbar - sie sind sowohl ängstlich und ablehnend als auch anhänglich. Dieser Bindungsstil kann unter ungünstigen Bedingungen zu Verhaltensstörungen führen.

Unklar aber ist nach wie vor, inwieweit der elterliche Umgang mitverantwortlich sein kann - insbesondere für die späteren sozialen Probleme mancher zu früh Geborenen. "Möglicherweise brauchen Eltern sehr früh geborener Kinder daher zusätzliche Unterstützung beim Umgang mit ihren Kindern", meint Entwicklungspsychologe Wolke.

Frühchen sind beispielsweise deutlich häufiger irritierbar als Kinder die zeitgerecht geboren wurden; diese Babys lassen sich leichter aus der Ruhe bringen, weinen schneller und benötigen anscheinend ein besonders hohes Maß an Einfühlung und Rücksichtnahme. Besonders die Bindung der Mutter an ihr Kind ist bei Frühchen erschwert, da viele ein hohes Maß an medizinischer Versorgung benötigen und oftmals von der Mutter getrennt sind. Zudem können Frühchen - anders als reif geborene - nicht an der Brust trinken und das Maß an Nähe erfahren, das auch hilfreich ist für die Bindung der Mutter an ihr Neugeborenes.

"Statt dessen machen diese Kinder ihre ersten Erfahrungen mit Maschinen und Schläuchen", weiß Kindertherapeutin Meddur-Gleissner. "Das prägt." Gemeinsam mit ihrer Kollegin Doris Kölsch- Berthold und Mitgliedern des Mainzer Psychoanalytischen Instituts baut sie derzeit eine Frühgeborenenambulanz zur psychologischen Unterstützung von betroffenen Eltern auf.

Angst vor dem Verlust

Denn auch die berechtigte Angst der Eltern, ihr Frühchen könnte möglicherweise nicht überleben, erschwert den Aufbau der elterlichen Bindung. "Viele Eltern nehmen erst Kontakt mit ihrem Kind auf, wenn sein Überleben gesichert ist", berichtet Meddur-Gleissner. "Während die meisten Eltern ihr Baby in der Frühchenstation sooft wie möglich begleiten, vermeiden manche Eltern den Kontakt, aus Angst vor dem Verlust." Auch könnten viele Eltern den Anblick ihres Frühchens nur schwer ertragen.

Meddur-Gleissner fordert: "Die Eltern brauchen vor und nach der Frühgeburt eine psychotherapeutische Hilfe. Sie benötigen zudem einen geschützten Raum, um sich mit ihren eigenen Ängsten und Schuldgefühlen auseinandersetzen." Denn dies sei bereits ein Weg zur Problemlösung. Den psychologischen Aspekten - die Auswirkungen auf die Seele des Frühchens, so unfertig und schmerzgeplagt das Leben zu beginnen - muss ihrer Ansicht nach dringend mehr Rechnung getragen werden. Und auch das seelische Befinden der Eltern müsste stärker im Fokus der Medizin sein, damit sich Eltern und Baby - trotz eines traumatischen Starts in das Leben - miteinander wohl fühlen.

Aus diesen Erkenntnissen heraus entstand vor zwei Jahren die Idee, in Mainz eine Ambulanz zu gründen. "Denn entscheidend ist, dass Eltern und Kinder frühzeitig Hilfe bekommen", resümiert Meddur-Gleissner ihre Erfahrungen. Dann ließen sich ihrer Ansicht nach auch Bindungsstörungen, die später zu sozialen Schwierigkeiten führen können, eher vermeiden.

Leas Eltern haben nach dem ersten Schock damit begonnen, eine Bindung zu ihrer noch winzigen Tochter aufzubauen. Sie wird vorsichtig gestreichelt. Und wenn Lea weiter so gut an Gewicht zulegt, dann kann auch schon bald der Beatmungsschlauch abgenommen werden.

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