trägt er den Fuchsbandwurm in sich?
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trägt er den Fuchsbandwurm in sich?

Seltene Krankheit

Diffuse Angst vor dem Fuchsbandwurm

Forscher sagen: Wer Waldbeeren isst, muss sich kaum vor dem Fuchsbandwurm fürchten. Doch die Angst vor dem Wurmbefall bleibt - auch wegen des häufig schweren Verlaufs der Krankheit. Von Regine Ebert

Von REGINE EBERT

Wenn Steffen G. Fleischhauer mit Kindern Wildkräuter verarbeitet, backt er die Blätter in heißem Fett aus und schält die Pflanzenstängel, bevor die Kinder das Mark verzehren. Erwachsene lässt er selbst entscheiden, ob sie die gesammelten Pflanzen roh oder lieber gekocht essen wollen. "So bin ich, was den Fuchsbandwurm angeht, rechtlich auf der sicheren Seite", sagt der Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung, der auch Lehrbeauftragter für "Essbare Wildpflanzen" an der Fachhochschule (FH) Weihenstephan und der FH Zürich ist.

Er selbst sieht das locker: "Ich empfinde den Fuchsbandwurm nicht als Gefahr. Das Risiko, sich zu infizieren, ist verschwindend gering. Ich lasse mir dadurch nicht die Freude an der Natur nehmen." Stattdessen vertraut er auf ein gutes Immunsystem und stärkt es - indem er Wildkräuter isst.

Ein großer Teil der Bevölkerung ist verunsichert, wenn es um selbst gesammelte Pilze, Beeren oder Kräuter geht. Doch eigentlich, sagt Katharina Alpers vom Robert-Koch-Institut (RKI), stehen die Befürchtungen in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Risiko.

18,6 Fälle pro Jahr

Seit 2001 gibt es eine Meldepflicht beim RKI für die vom Kleinen Fuchsbandwurm ausgelöste Alveoläre Echinokokkose: Zwischen 2001 und 2008 sind bundesweit 149 neue Krankheitsfälle aufgetreten, im Schnitt 18,6 Fälle pro Jahr. Beate Grüner, die in der Echinokokkose-Spezialambulanz der Uniklinik Ulm Patienten aus ganz Deutschland betreut, vermutet zwar eine Dunkelziffer und rechnet mit etwa 70 Fällen pro Jahr. Doch selbst mit dieser Annahme bleibe die Alveoläre Echinokokkose eine seltene Krankheit, sagt sie.

Eine Erklärung für die tief sitzenden Ängste sieht Alpers im schweren Verlauf der Krankheit. Ein weiterer Grund, den sie als Parasitologin immer wieder erlebt hat: "Irgendwie scheinen Würmer den Menschen größere Angst zu machen als andere Erreger."

Der Mensch ist im Entwicklungskreislauf des Kleinen Fuchsbandwurms (Echinococcus multilocularis) ein Fehlzwischenwirt. Er nimmt die Bandwurmeier über den Mund auf, über Magen und Darm gelangt die Larve in den Blutkreislauf und die Leber. "Zu mehr als 99 Prozent setzen sich die Larven dort fest, es entwickelt sich ein tumorähnliches Gebilde", erläutert Grüner. Auch umliegendes Gewebe sowie Lunge oder Gehirn können befallen werden.

Da Frühsymptome oft fehlen, kann eine einmal ausgebrochene Erkrankung über viele Jahre unbemerkt bleiben. "Oft wird sie per Zufall entdeckt, wenn die Leute einen Check-up machen lassen." Früher endeten 90 Prozent der Fälle tödlich, "heute können wir 90 Prozent der Patienten gut helfen, aber die Behandlung gehört unbedingt in eine erfahrene Hand", sagt Grüner. Medikamente halten das Tumorwachstum auf, ganz abtöten können sie den Erreger jedoch nicht, sie müssen lebenslang eingenommen werden.

Die lange Inkubationszeit von fünf bis 15 Jahren macht es schwierig, den Übertragungsweg nachzuweisen. Versucht wurde dies 1995 in einer Studie in Römerstein auf der Schwäbischen Alb. Die Gemeinde liegt in einer Gegend, in der von einem dauerhaften Befall der Füchse auszugehen ist - laut RKI: Schwäbische Alb, Alb-Donau-Region, Oberschwaben und Allgäu. Bis zu 75 Prozent der Füchse sind dort infiziert. Zum Vergleich: In Hessen sind es laut Umweltministerium etwa 30 Prozent.

In Römerstein wurden 2560 Personen untersucht, in einem Fall wurde die Alveoläre Echinokokkose festgestellt. 49 Personen hatten Antikörper im Blut, ohne dass sich ein Befall gezeigt hätte. Ähnliches ergab eine Untersuchung sieben Jahre später in Leutkirch. Koordiniert hat die Römerstein-Studie Professor Peter Kern. Er koordiniert das Europäische Echinokokkose-Register Ulm, wo alle bekannt gewordenen Infektionen mit dem Fuchsbandwurm dokumentiert werden. "Ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr von Waldfrüchten und einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm lässt sich nicht herleiten", sagt er. Nicht einmal Jäger oder Forstarbeiter gehörten zu den besonders gefährdeten Personen.

Das größte Risiko sieht Kern ohnehin nicht im Fuchs sondern im Hund - vorausgesetzt er bekommt ab und an eine Maus zu fassen. Denn kleine Nagetiere sind der ideale Zwischenwirt für den Kleinen Fuchsbandwurm. Frisst der Hund eine infizierte Maus, wird er zum Endwirt, der Entwicklungskreislauf schließt sich.

Bandwurmeier, die der Hund mit dem Kot ausscheidet und die im Fell haften, können über die streichelnde Hand, die unbedacht zum Mund geführt wird, vom Menschen aufgenommen werden. Ein einmaliger Kontakt reiche aber nicht aus, so Kern. Entscheidend sei das "lange bestehende, enge Zusammenleben" von Mensch und Hund. Auch Katzen können Endwirt sein, wenn auch ein schlechter: "Der Fuchsbandwurm geht im Katzendarm schlecht an."

Der vielfach vertretenen These, dass Landwirte zur gefährdeten Gruppe gehören, weil sie bei der Feldarbeit mit dem aufgewirbelten Staub auch Fuchsbandwurmeier einatmeten, sieht Kern skeptisch. "Zu einem Bauernhof gehört in der Regel auch ein Hund", sagt er - und damit schließt sich für ihn der Kreis. Er empfiehlt, Hunde "alle drei Monate zu entwurmen". Nach dem Kontakt mit dem Tier, vor allem vor dem Essen, seien die Hände waschen.

Kräuter und Hände waschen

Noch gibt es viele Unklarheiten, sowohl zum Übertragungsweg als auch zur für den Menschen gefährlichen Dosis. Auch genetisch Faktoren werden diskutiert. Sicher scheint: Die Betroffenen müssen über einen längeren Zeitraum immer wieder mit den Eiern des Fuchsbandwurms in Kontakt kommen, damit die Krankheit ausbricht. Und auch die Abwehrkräfte spielen eine wichtige Rolle. "Es ist wie bei fast jeder Infektionskrankheit", sagt Grüner, "meist schafft es das Immunsystem, den Erreger zu eliminieren."

Besorgte Waldkindergärtnerinnen, die in der Echinokokkose-Sprechstunde nachfragen, ob sie ihre Schützlinge noch in den Wald lassen können, bekommen deshalb von ihr die Antwort: "Sie können, wenn sie bodennahe Früchte und Kräuter und auch die Hände vor dem Essen waschen." Fleischhauer gibt zu bedenken, dass er Füchse viel häufiger auf Feldern sieht als im Wald. "Wer ganz sicher gehen will, müsste dann eigentlich auch Erdbeeren abkochen."

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