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Bienen bestäuben Blumen, aber auch Obst- und Gemüseblüten vollkommen gratis.

Studie

Dienstleistungen der Natur in Gefahr

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Studie zeigt: Zunehmende Eingriffe in die Umwelt verringern ihre Leistungsfähigkeit massiv, vor allem im globalen Süden.

Überall auf der Welt leistet die Natur entscheidende Beiträge für das Leben – auch für das der Menschen. Ohne eine intakte Natur wäre das Überleben der Menschheit unmöglich. Wenn beispielsweise Wildbienen das Gemüse eines Bauern befruchten, tun sie das zwar für ihr eigenes Überleben, dennoch bringen die Bestäuber dem Bauern einen Nutzen – für den er nichts bezahlen muss. Der Bauer bekommt die Bestäubung seines Gemüses quasi geschenkt.

Ein anderes Beispiel sind Mangroven. Sie sind Kinderstube für viele Tierarten und speichern gewaltige Mengen CO2. Darüber hinaus bieten sie den Bewohnern küstennaher Gebiete Schutz vor Stürmen und Küstenerosion – und das vollkommen gratis. Allerdings kann die Natur ihre unentgeltlichen Gaben – die sogenannten Ökosystemdienstleistungen – immer weniger bereitstellen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Menschen die Ökosysteme umfangreicher und schneller verändert als je zuvor. Die stetigen Eingriffe in den Naturhaushalt beeinträchtigen die Ökosysteme und bedrohen zunehmend die Artenvielfalt – und damit letztlich auch das Leben von Milliarden Menschen. Dabei stehen die Ökosysteme auch noch unter wachsendem Druck durch den Klimawandel.

Eine Studie des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (Idiv) und der Universität Halle-Wittenberg zeigt jetzt, wie stark das Wohl der Menschheit durch den Rückgang der Ökosystemdienstleistungen in Gefahr ist. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnten bis zu fünf Milliarden Menschen durch Wasserverschmutzung, Küstenstürme und unbestäubte Pflanzen bedroht sein, warnen die Autoren der Untersuchung, die unlängst in dem Fachmagazin „Science“ veröffentlicht wurde. Für drei ausgewählte Ökosystemdienstleistungen – die Verbesserung der Wasserqualität, den Küstenschutz sowie das Bestäuben von Pflanzen – haben die Forscher Satellitendaten und lokale Analyse in eine interaktive Karte eingebettet. Hinzu kommen Prognosen, wie sich die Ökosystemdienstleistungen unter verschiedenen Szenarien entwickeln. Dabei zeigen die Forscher erstmals, wie stark der Mensch von diesen Ökosystemdienstleistungen abhängt.

Deutlich wird dabei, dass die Probleme weltweit ungleich verteilt sind. Besonders dort, wo die Menschen direkt auf die Leistungen der Natur angewiesen sind, kann diese die Bedürfnisse der Menschen immer weniger erfüllen. „Wir haben herausgefunden, dass Ökosysteme genau dort schwächer werden, wo die Menschen besonders von der Natur abhängig sind“, sagt der Ökologe Henrique Miguel Pereira von der Universität Halle-Wittenberg.

Der globale Süden bekommt die Auswirkungen zu spüren

Vor allem die Menschen im globalen Süden bekommen die Auswirkungen der rückläufigen Natur-Gaben zu spüren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Afrika und Südasien erlebt schon heute die Folgen, wenn die Natur ihre Leistungen nicht mehr erbringen kann. Die Menschen leiden unter verschmutztem Trinkwasser oder Ernteverlusten. Weltweit könnten zur Mitte dieses Jahrhunderts bis zu 4,5 Milliarden Menschen mit einer stärkeren Wasserverschmutzung konfrontiert sein, heißt es in der Studie. Fünf Milliarden Menschen könnten von landwirtschaftlichen Verlusten aufgrund unzureichender Bestäubung betroffen sein.

Allerdings zeigen die Forscher auch, dass die Auswirkungen weniger heftig sind, wenn der bislang ungebremste Treibhausgas-Ausstoß zugunsten einer eher nachhaltigen Entwicklung sinkt. Dann könnte die Zahl der Betroffenen in den verschiedenen Regionen um das Drei- bis Zehnfache verringert werden. Der Anstieg des Meeresspiegels wird wiederum die Bewohner küstennaher Regionen weltweit beeinflussen.

Küstennahe Ökosysteme wie Korallenriffe, Mangroven, Salzwiesen oder Seegras, die Küstenlinien vor den Auswirkungen von Stürmen, Überschwemmungen und Erosion schützen, werden dadurch geschwächt. Bis 2050 könnten weltweit mehr als 500 Millionen Menschen von Küstenstürmen betroffen sein, warnen die Studienautoren.

Mit ihrer Forschung machen die Wissenschaftler ebenso deutlich, dass sich Investitionen in den Naturschutz lohnen. Demnach eignen sich das Ganges-Becken in Indien oder Teile Ostchinas besonders für Investitionen in die natürlichen Ökosysteme, weil diese stark zum Wohlergehen der Bevölkerung beitragen können.

Bislang wird der Wert der Natur nicht genügend bei politischen Entscheidungen berücksichtigt. Zwar lässt sich beziffern, wie viel die Bäume in einem Wald wert sind, aber der Beitrag des Waldes zur Luftreinhaltung oder Trinkwasserversorgung lässt sich schwer ermitteln. Mit einer „ökonomischen Brille“ auf die Natur zu schauen kann dazu beitragen, ihre Gaben wertzuschätzen. Kritiker monieren, dass die Natur in wirtschaftliches Denken gepresst werde, statt das Wirtschaften an den planetaren Grenzen auszurichten.

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