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Antikörper (ypsilonförmig) binden sich an Strukturen auf der Oberfläche der Viren, um sie unschädlich zu machen.
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Antikörper (ypsilonförmig) binden sich an Strukturen auf der Oberfläche der Viren, um sie unschädlich zu machen.

Antikörper

Coronavirus: Die schwierige Frage des Impfens von Genesenen

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Die Ständige Impfkommission empfiehlt, dass man sich sechs Monaten nach durchgemachter Infektion immunisieren lassen sollte. Ist das auch sinnvoll, wenn man noch Antikörper hat?

Im Spätsommer 2020 hatte sich Michaela Hartmann (Name geändert) bei einem Kollegen mit dem Coronavirus angesteckt. Die 52-Jährige arbeitet in einer leitenden Position an einer großen Klinik im Rhein-Main-Gebiet, sie war damals gerade nach wochenlangem Homeoffice ins Büro zurückgekehrt. Zehn Tage lang habe sie sich nach zunächst schleichendem Beginn „richtig krank gefühlt“, erzählt sie: vollkommen kraftlos, mit hohem Fieber, heftigen Kopf- und Gliederschmerzen und einer Seitenstrangangina. Unter Husten litt sie nicht, dafür kamen später noch ein Schnupfen hinzu und erst gegen Ende die oft beschriebenen typischen Geruchs- und Geschmacksstörungen. „Insgesamt war ich vier Wochen zuhause, danach aber wieder fit.“ Ohne Corona und die mit einem PCR-Test nachgewiesene Infektion hätte sie vermutlich angenommen, an einer „schweren Grippe“ zu leiden, sagt sie.

Mehr als ein halbes Jahr nach ihrer Covid-Erkrankung hat Michaela Hartmann immer noch sehr hohe Antikörper-Titer (Antikörper, die das Virus unschädlich machen können), wie ihr der Hausarzt nach einem Bluttest bestätigte. Als Genesene gilt sie trotzdem nicht mehr, weil ihre Infektion bereits länger als sechs Monate zurückliegt. Das Wissen um ihre hohen Antikörper-Werte allerdings lässt die Juristin zögern, sich impfen zu lassen. Sie befürchtet „eine Überreaktion des Immunsystems mit hohem Fieber“ – für sie eine Gefahr, da nur noch eine ihrer Nieren richtig arbeitet.

Nur sechs Monate zählen Corona-Genesene tatsächlich als Genesene

Michaela Hartmann steht mit ihrer Situation nicht alleine da. Unabhängig vom Antikörper-Status zählen Menschen, deren Infektion bereits länger als sechs Monate zurückliegt, nicht mehr als „Genesene“. Jedoch reicht für sie bei der Impfung eine einmalige Dosis aus – das trifft allerdings nur zu, wenn ihre Infektion durch einen positiven PCR-Test bestätigt wurde. Menschen, die keinen solchen PCR-Test vorlegen können, firmieren zu keinem Zeitpunkt als Genesene – selbst dann nicht, wenn Antikörper in ihrem Blut eine durchgemachte Infektion anzeigen. Sie müssen sich wie alle anderen zweimal spritzen lassen.

So jedenfalls lauten die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) des Robert- Koch-Instituts. Als genesen gilt, wer einen positiven PCR-Test vorweisen kann, der höchsten sechs Monate und mindestens 28 Tage alt ist. Wissenschaftlich in Stein gemeißelt sind die sechs Monate indes nicht. „Zu dem Zeitpunkt, als die Stiko das festgelegt hat, lagen nur Daten vor, die sechs Monate umfassten“, erklärt Ulf Dittmer, Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Essen. Tatsächlich sei das Thema Immunität bei Covid-19 komplex und das Bild „sehr gemischt“: „Wir untersuchen das derzeit gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Wuhan an Menschen, die als erste weltweit die Infektion durchgemacht haben.“ Das Essener Institut unterhält seit Jahren eine Kooperation mit der Virologie an der Universität in Wuhan, jener Stadt also, wo die Pandemie vor nunmehr eineinhalb Jahren einen Ausgangspunkt hatte.

Bei schweren Corona-Erkrankungen sind noch nach mehr als neun Monaten noch Antikörper vorhanden

Auch wenn derzeit keine allgemeingültige Aussage möglich ist (und vielleicht auch nie sein wird, da das Immunsystem jedes Menschen etwas anders arbeitet), so zeichnet sich doch eine Korrelation zwischen der Schwere der Erkrankung und der Qualität sowie der Dauer der Immunantwort ab. „Bei Menschen, die starke Beschwerden hatten oder gar stationär behandelt werden mussten, haben wir auch nach neun Monaten noch sehr starke und anhaltende Antikörper-Antworten gesehen“, berichtet Ulf Dittmer. Eine Anfang 2021 präsentierte Studie der Universität Innsbruck zur Immunität im ersten europäischen Corona-Hotspot Ischgl kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Aktuelle, im Fachjournal „Jama Internal Medicine“ präsentierte Daten aus Norditalien zeigen zudem, dass sich von 1579 Menschen, die Anfang 2020 positiv auf das Coronavirus getestet wurden, nur fünf im Laufe eines Jahres ein zweites Mal infiziert hatten.

In Wuhan wurde jetzt allerdings beobachtet, dass die neutralisierenden Antikörper-Titer nach mehr als einem Jahr dann doch merklich sanken, berichtet Dittmer. Das müsse jedoch nicht gleichbedeutend mit einem kompletten Schwinden des Immunschutzes sein, erklärt er, denn „Antikörper sind nicht alles“. So seien auch T-Zellen an der Immunantwort beteiligt. Ihre Aufgabe ist es, körpereigene Zellen zu zerstören, die vom Virus infiziert wurden. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen B-Gedächtniszellen. „Selbst wenn jemand keine Antikörper mehr im Blut hat, können diese Zellen bei einem erneuten Kontakt mit dem Virus schnell wieder Antikörper produzieren“, erläutert der Virologe: „B-Gedächtniszellen können oft Jahre oder noch Jahrzehnte erhalten bleiben.“

Corona-Erkrankung schützt auch später vor einem erneuten, schweren Verlauf

So habe man bei Menschen, die an Sars erkrankt waren, noch nach mehr als 15 Jahren B-Gedächtniszellen gefunden. Auch für andere Coronaviren, die Erkältungskrankheiten auslösen, geht Dittmer von einer jahrelangen Immunität aus. Das könnte bei Sars-CoV-2 ähnlich sein, vermutet er. Dass Menschen, die bereits einmal an Covid-19 erkrankt waren, gut vor einem schweren Verlauf geschützt sind, bestätige auch eine Studie aus Dänemark, sagt der Virologe.

Gänzlich anders sieht es allerdings bei Menschen aus, die mit dem Virus infiziert waren, ohne erkrankt gewesen zu sein. „Normalerweise sind diese Personen schwer zu erfassen, denn sie kommen ja nicht in die Arztpraxis oder ein Krankenhaus“, erklärt Dittmer: „Da in Wuhan aber alle elf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner gescreent wurden, konnten wir mit unseren chinesischen Kollegen auch eine große Kohorte asymptomatisch Infizierter untersuchen.“

Je weniger Symptome, desto weniger Corona-Antikörper

Das Ergebnis: Wer durch das Coronavirus nicht krank wird oder allenfalls leichte Symptome hat, entwickelt weniger Antikörper, die zudem auch schneller wieder verschwinden. „Diese Menschen gelten sechs Monate lang als Genesene, wenn sie einen positiven PCR-Test nachweisen können, obwohl sie möglicherweise gar nicht immun sind.“ Dittmer vermutet zudem, dass Menschen mit symptomlosen Infektionen das Entstehen und Zirkulieren von Virusmutationen begünstigen könnten, wenn sie sich ein zweites Mal infizieren: „Man geht davon aus, dass die in Brasilien erstmals aufgetauchte Variante sich auf diese Weise entwickelt und verbreitet hat.“

Wäre es vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus Wuhan nicht sinnvoll, den Antikörper-Nachweis als Beleg des „Genesen-Seins“ anzuerkennen? „In asiatischen Ländern ist er tatsächlich mit dem PCR-Test gleichgestellt“, sagt Ulf Dittmer. „In Deutschland hingegen gilt man nicht als genesen, wenn man nur die Antikörper nachweisen kann. Das ist merkwürdig, denn bei anderen Virusinfektionen ist das in Deutschland auch nicht so.“ Aus rein medizinischen Gründen müssten sich diese Menschen eigentlich für sechs Monate nicht impfen lassen: „Aber die Impfung geht nun mal mit Privilegien einher, die man ohne sie nicht bekommt.“

Nicht nachvollziehen kann der Virologe indes, dass Menschen mit Sars-CoV-2-Antikörpern, aber ohne früheren positiven PCR-Test sich zweimal impfen lassen müssen. „Dazu würde ich eigentlich nicht raten. Denn die einmalige Impfung, die Menschen mit einer mehr als sechs Monate zurückliegenden, durch einen PCR-Test bestätigten Infektion empfohlen wird, führt schon zu sehr hohen Antikörper-Titern.“ Eine im „New England Journal of Medicine“ publizierte Studie der Icahn School of Medicine at Mount Sinai New York ergab, dass sie zehn- bis 45-Mal so hoch sind wie bei anderen Menschen nach der ersten Impfung – und dass sie auch deren nach der zweiten Impfung im Schnitt festgestellten Werte immer noch um den Faktor sechs übertreffen.

Risiko einer Thrombose könnte bei Genesenen bei Impfung mit Vektorvakzin höher sein

Dokumentiert wurden jedoch auch stärkere Impfreaktionen wie Müdigkeit, Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen bei Genesenen. Es gebe aber keine Daten, dass für Menschen mit Vor-Immunität durch eine Infektion von der Impfung ein hohes medizinisches Risiko ausgehe, sagt Dittmer. Gleichwohl rät er Menschen, die schon einmal an Covid erkrankt waren, sich mit einem mRNA-Impfstoff und nicht mit einem Vektorvakzin immunisieren zu lassen. Bei letzterem könne das Risiko einer „durch Antikörper getriggerten Thrombose“ erhöht sein.

Verkompliziert wird die ganze Thematik noch durch die Tatsache, dass bis vor einigen Wochen unterschiedliche Messsysteme beim Bestimmen der Antikörper verwendet wurden. Deren Ergebnisse habe man nicht richtig vergleichen können, sagt Dittmer. Erst im April habe die Weltgesundheitsorganisation WHO hier einen Standard festgelegt. Der Berufsverband Deutscher Laborärzt:innen kritisiert außerdem, dass immer noch internationale Grenzwerte fehlen, die anzeigen, ob ein Schutz vor der Erkrankung besteht – unabhängig davon, ob jemand geimpft wurde oder Covid-19 bereits durchgemacht hat. (Pamela Dörhöfer)

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