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Die Schattenseiten des Reisens

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Flugreisen zu entfernten Zielen sind besonders schlecht für das Klima. Getty
Flugreisen zu entfernten Zielen sind besonders schlecht für das Klima. Getty © Getty Images

Urlaube verursachen immense Umweltprobleme. Bisher verfügt kein Land über eine Strategie für eine emissionsarme Tourismuswirtschaft. Von Hanna Mertens.

Endlich steht die schönste Zeit des Jahres vor der Tür und die Pandemie macht uns keinen Strich mehr durch die Rechnung: Es geht wieder in den Urlaub. Aktiver Wanderurlaub in den Bergen oder ein romantischer Trip auf eine Insel im Pazifik – alles ist wieder möglich.

Die Tourismusbranche macht zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung aus. Jeder elfte Arbeitsplatz entfällt auf diesen Sektor. Beim weltweiten Exportumsatz belegt der Tourismus Platz drei nach Brennstoffen und Chemie – vor Lebensmitteln und Autos. Im globalen Süden und vor allem für manche kleine Inselstaaten ist der Tourismus besonders wichtig. Nationalparks können sich gerade in südlichen Ländern oft nur über die touristischen Einnahmen finanzieren. Tourismus fördert aber auch den Dialog und die Toleranz zwischen Menschen verschiedener Weltregionen und leistet einen Beitrag zur Bildung.

Doch der Tourismus hat ein Umweltproblem. Genauer: viele Umweltprobleme, in fast allen Bereichen. Vor allem die An- und Abreise, häufig per Flugzeug, sorgt für einen hohen Energieverbrauch und entsprechende klimaschädliche Emissionen. So war 2019 das Reisen für 22 Prozent der CO2-Emissionen aus dem gesamten Verkehrssektor verantwortlich. Aber auch der Fluglärm ist ein Umweltfaktor.

Während des Urlaubs verbrauchen die Reisenden Wasser und verursachen Abwasser und Müll, oft mehr als zu Hause und ungleich mehr als die Menschen in den Zielregionen. Weil Entsorgungssysteme häufig fehlen, wird der Müll nicht selten offen verbrannt oder sogar ins Meer gekippt. Teils hochgiftige Schadstoffe gelangen so in Luft, Wasser und Boden. Meist fällt die Hauptreisezeit in regenarme Monate, wenn Wasser zur Versorgung der Bevölkerung und für die Landwirtschaft gebraucht wird. Tourist:innen sorgen dann für eine doppelte Verknappung.

Flächenverbrauch und -verdichtung für Hotels und Infrastruktur – Parkplätze, Flughäfen, Lifte, Golfplätze – zehren an den natürlichen Bodenfunktionen für Kleinklima und Wasserhaushalt. Nicht nur das Landschaftsbild, auch die ökologischen Kreisläufe werden durch die touristischen Eingriffe verändert. Anja Wollesen vom Deutschen Institut für Tourismusforschung fasst es so zusammen: „Der Tourismus lebt von einer intakten Natur, doch gleichzeitig belastet er die Natur stark.“

Der Tourismus ist nicht nur Verursacher, er ist auch Betroffener. Viele Reiseziele verlieren mit fortschreitender Erwärmung an Attraktivität. Aber auch politische Maßnahmen zum Klimaschutz betreffen die Tourismuswirtschaft direkt. Mehr als 60 Prozent aller Europäer reisen am liebsten ans Meer. In der US-Reisebranche entfallen sogar 80 Prozent auf den Küstentourismus. Genau dieser Zweig ist von der Klimakrise besonders betroffen. Ein Meeresspiegelanstieg um einen Meter, wie er innerhalb weniger Generationen droht, würde zum Beispiel in der Karibik die Hälfte aller Ferienanlagen beschädigen. Zunehmende Wetterextreme wie Stürme oder Starkregen können zu steigenden Versicherungsprämien führen.

Aber auch für Wander- und Naturbegeisterte wird der Urlaub sich verändern. Die Waldbrandsaison dürfte sich verlängern und Betretungsverbote werden zunehmen. Schon heute tragen Dürren zu einem neuen Waldsterben bei. Wenn die Temperaturen steigen, wandern Tier- und Pflanzenarten in höher gelegene oder polnähere Gebiete ab. Da Schutzgebiete aber nicht einfach polwärts versetzt werden können, geht man etwa in afrikanischen Nationalparks davon aus, dass in den kommenden 60 Jahren bis zu 40 Prozent der Arten bedroht sein werden.

Bislang kümmern sich die meisten Tourismusunternehmen wenig ums Klima, abgesehen von Schaufensterprojekten. Kein Land hat eine Strategie für eine emissionsarme Tourismuswirtschaft. Immerhin geben bereits 27 Prozent der Reisenden an, bei der Urlaubsreise auf Nachhaltigkeitsaspekte zu achten.

„Nachhaltiges Reisen betrifft die Anreise, die Beherbergung, den Aufenthalt und Transporte vor Ort, außerdem die Arbeitsbedingungen, das gastronomische Angebot oder etwa die Aktivitäten in der Natur“, zählt Tourismusforscherin Wollesen auf. „Damit der Tourismus als drittwichtigster Weltwirtschaftsfaktor dauerhaft überleben kann, braucht es klare Vorgaben zur Nachhaltigkeit.“

Für eine bessere Klimabilanz muss vor allem die Nachfrage nach Fernreisen sinken – zugunsten näher gelegener Reiseziele. Bei der Reisezeit sind sich die Expert:innenen einig: Seltener und dafür länger zu verreisen, ist besser für Klima, Umwelt und Erholungseffekt. Anja Wollesen fände es am besten, für Fernreisen sogar zwei, drei Monate einzuplanen. Dafür bräuchte es dann aber auch mehr Flexibilität bei den Arbeitgebern. Für Wollesen ein logischer nächster Schritt: Nachhaltiger Tourismus sei komplex und umfasse viele Bereiche.

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