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Schulen fördern noch zu selten Kinder in Kleingruppen.
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Schulen fördern noch zu selten Kinder in Kleingruppen.

Gastbeitrag

Die Rückkehr der Pädagogik in die Schule

Zu Zeiten von Wilhelm Busch war die pädagogische Welt noch in Ordnung. In der Bubengeschichte von Max und Moritz (1865) wird nur eine Person erwähnt, die für die Bildung zuständig ist: „Dass dies mit Verstand geschah, war der Lehrer Lämpel da“. Einhundert Jahre später schreckte Georg Picht mit dem Begriff von der deutschen Bildungskatastrophe die Gesellschaft auf. Ein Gastbeitrag.

Seitdem wurden Zensuren und Zeugnisse zu immer wichtigeren Eintrittskarten in eine berufliche oder akademische Zukunft und der Weg für zusätzliches Lernen außerhalb der Schule war vorprogrammiert. Private außerschulische Nachhilfe- und Bildungsinstituten etablierten sich als mächtige Konkurrenz für die Schule.

Es muss aber daran erinnert werden, dass in allen 16 Bundesländern im Schulgesetz aus-schließlich auf den Bildungsauftrag in der Schule Bezug genommen wird, wohl wissend, dass Schulpflicht besteht und die Schule der genuine und auch geeignetste Lernort für alle ist. Wenn das Streben nach Bildungsgerechtigkeit nicht nur Gerede bleiben soll, muss sich die Pädagogik selbstbewusst wieder dieser Kernaufgabe stellen.

Die Schule vernachlässigt schon seit Jahren die notwendige Förderung in Kleingruppen, eben weil private Alternativen in diese offenkundig lukrative Lücke gestoßen sind. Das Outsourcen von Teilleistungsschwächen wie Legasthenie und Dyskalkulie in außerschulische Bildungsinstitute ist grundsätzlich fragwürdig, denn eine gute Förderung in Kleingruppen in der Schule unterscheidet sich nicht substanziell von einer außerschulischen Therapie, die nach einem anstrengenden Schularbeitstag ohnehin immer fragwürdiger wird.

Stellvertretend für viele kritische Stimmen zur aktuellen Schulwirklichkeit mahnt Carola Thole, die Ehrenvorsitzende des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. (BVL), für die es ein großes Anliegen war, die Bildungspolitik dahingehend zu bewegen, bessere Rahmenbedingungen für die betroffenen Kinder in der Schule zu schaffen. Wie schwer dieser Weg war und weiterhin ist, hat sie in ihrem Grußwort anlässlich des 30-jährigen Bestehens des BVL 2008 zum Ausdruck gebracht: „Diese Fürsorgepflicht wurde all die Jahre in grober Weise sträflich vernachlässigt. Ich darf das sagen, denn ich habe den Kummer und die Verzweiflung der Mütter und Väter sowie die Not der Kinder 30 Jahre lang mitgetragen. Die Kultusbehörden und Minister der Bundesländer haben es zu verantworten, dass es eine große Zahl leseunfähiger Erwachsener gibt in unserem Lande, dass so viele Jugendliche nicht ausbildungsfähig sind und dass sich neben der Schule ein gigantischer Bildungsmarkt aufgebaut hat, wo den Eltern das Geld aus der Tasche gezogen wird… Lesen-, Schreiben- und Rechnen lernen für alle – wie lange ist das noch zu viel verlangt?“

Ein aktuelles Schulschicksal: (BVL 2020) Bei Clara wird am Ende des zweitem Schuljahres die Diagnose Dyskalkulie gestellt. Vorangegangen war eine lange Leidenszeit mit dramatischen Hausaufgabensituationen, endlosen Erklärungsversuchen, intensiven Übungen mit der Mutter verbunden mit schweren Selbstzweifeln aller Beteiligten. Schließlich ist Clara überzeugt, „zu dumm für Mathe zu sein“. Nach etwa 400 Schultagen wird Clara über das Jugendamt der Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt. Mit der Diagnose Dyskalkulie nach Paragraf 35a KJHG wird eine Therapie vorgeschlagen, die außerhalb der Schule in einem Institut für 20 Stunden im Schulhalbjahr durchgeführt wird.

Dieses Drama eines normal begabten Kindes mit Lernerschwernissen wiederholt sich an hundertfach. Festzuhalten ist an dieser Stelle nicht nur, dass die vorhandene eigene Fachkompetenz eben nicht zu einer schulinternen individuellen Förderung dieses Kindes führt, wie es der gesetzliche Bildungsauftrag vorgibt, sondern dass Schule freiwillig Verantwortung abgibt und letztlich die Jugendhilfe und die Kinder- und Jugendpsychiatrie bemüht werden müssen, um eine Förderung für dieses Kind zu organisieren – verarmte Pädagogik. Jedem Kostenrechner muss auffallen, dass diese Bürokratisierung außerhalb der Schule wesentlich mehr Geld verschlingt als eine direkte Förderung in der Schule.

Wir sollten Lerndefizite als Versagen des Systems Schule verstehen. Pisa-Vorzeigeländer sehen das jedenfalls so. Der Bildungsjournalist Reinhard Kahl hat das Vorgehen in Schweden so zusammengefasst: Im Falle des sich andeutenden Schulversagens setzen sich alle am Kind Beteiligten – also neben der Schulleitung und den Lehrkräften auch Schulpsychologen und Sozialpädagoginnen und andere – rechtzeitig zu einer kollegialen Beratung zusammen und fragen sich, wie die Lernentwicklung dieses Kindes verbessert werden kann: Was haben wir versäumt? Was hätten wir machen können? Wie können wir dem Schulverlauf eine andere Richtung geben? Die Schule sieht sich ausschließlich in der Verantwortung für die gesamte Lernentwicklung eines Kindes und stellt die notwendigen Ressourcen bereit und zwar in der Schule und nicht irgendwo in einem Nachhilfe- oder außerschulischen Lerninstitut.

Um heute guten Unterricht zu machen, braucht es, wie das Beispiel Schweden zeigt, in jeder Schule ein Mehr an Unterstützung. Im Fußball gilt der Satz „Entscheidend ist auf dem Platz“, für die Schule muss es entsprechend heißen „Entscheidend ist der Unterricht“. Fehlen geeignete Lehrkräfte, würden qualifizierte Fachkräfte aus Bildungsinstituten diese Lücke gerne füllen und die notwendigen finanziellen Ressourcen brauchten nur umgewidmet werden.

Die McKinsey-Studie (2008) kommt zu dem Ergebnis, dass sich die wenigen herausragenden Schulsysteme der Welt auf drei Dinge konzentrieren: Die richtigen Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen, ständig in die Fortbildung der Lehrkräfte zu investieren, um sie qualifiziert auszubilden und ein Schulsystem zu schaffen, das alle Anstrengungen darauf konzentriert, jedem Kind den bestmöglichen Unterricht in seiner Klasse zu erteilen.

Wenn die neue Bundesregierung mehr Bildungsgerechtigkeit anstreben will, kann die Antwort nur lauten: Rückbesinnung auf den guten Unterricht und ein deutliches Mehr an individueller Unterstützung und Förderung. Wir müssen uns in Sachen Bildungsgerechtigkeit weiter entwickeln und die Gewichte in der Pädagogik ändern auf das, worauf es jungen Menschen künftig ankommen soll und was sich nicht in Zahlen messen lässt: Kreativität, Solidarität, Beharrlichkeit, Optimismus, Freundschaft, Freude auf ein Mit- statt auf ein Gegeneinander, wie es Peter Hanack in der FR kürzlich gefordert hat.

Die Pädagogik hat leider viel zu lange das Lernversagen schicksalhaft hingenommen. Aber unsere Gesellschaft muss sich damit nicht abfinden. Pädagogik kann sich neu aufstellen und das muss in Kenntnis heutiger Anforderungen das künftige Ziel sein.

Zum Autor: Dr. Josef Hanel ist Diplom-Psychologe und Pädagoge. Er war bis 2010 Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Detmold und ist aktuell Vorsitzender im Verein für Schulpsychologie Detmold.

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