Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

In der Landwirtschaft geht es oft um Effizienz und Masse.
+
In der Landwirtschaft geht es oft um Effizienz und Masse.

Gastbeitrag

Die Revolution im Stall

Wie die Tierhaltung zum Symbol der Wohlstandsgesellschaft wurde. Ein Gastbeitrag.

In einer Dauerschleife kehren unappetitliche Zustände in Deutschlands Ställen in Fernsehdokumentationen und Zeitungsberichten wieder. Es geht um Ferkel, die betäubungslos kastriert werden, um deren Mütter, die weite Teile ihres Lebens sehr wenig Bewegungsspielraum haben, um nutzlos getötete männliche Küken oder um Milchkühe, die kurz sehr viel Milch geben, dann aber an ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zugrunde gehen. Der skandalisierte Blick auf den gegenwärtigen Status quo legt den Eindruck nahe, dunkle Kräfte hätten sich landwirtschaftlicher Tierhaltung bemächtigt und sie zum Leid der Tiere, der Umwelt und nicht zuletzt der Tierhalterinnen und Tierhalter selbst ins Unheil gestürzt.

Doch die heute übliche Art, Rinder, Schweine und Hühner zu halten, ja, die Massentierhaltung, ist das Ergebnis einer plausiblen gesellschaftlichen Entwicklung. Die Konzentration vieler gleicher Tiere an immer weniger Orten, ihre Verlagerung von den Wiesen und Gärten ins Innere der Ställe und die Automatisierung ihrer Versorgung waren logische Schritte in einer Gesellschaft, die Nahrungsmittelknappheit ein für alle Mal hinter sich lassen wollte; in der Fleisch, Eier und Käse nicht länger Marker der sozialen Position sein sollten; in der Freizeit an Wert gewann und anstrengende, schmutzige Arbeit an Wert verlor.

Die Antwort auf die Frage, wie das Jetzt entstanden ist, bringt hilfreiche Abkühlung in die Debatte zwischen empört mit ihren Treckern nach Berlin tuckernden Bauern und Bäuerinnen auf der einen und in investigativer Mission in Ställe eindringende Tierrechtsaktivistinnen und -aktivisten auf der anderen Seite. Die beiden weder diskursiv noch tatsächlich miteinander in Kontakt stehenden Fronten sind selbst ein Resultat des Wandels. Ein Bündel von Faktoren ließ Stall und Gesellschaft seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinanderdriften, und dabei zugleich die Bewirtschaftung der Tiere effizient wie nie werden. Wie ineinandergreifende Zahnräder wirkten die ungebrochene Nachfrage nach tierischen Lebensmitteln, der Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft in den 1950er Jahren, die wachsende Distanz zwischen Produktion und Konsum durch großräumiger werdende Vermarktung, die Skandalisierungsdynamik der Massenmedien und eine Agrarpolitik, die den rasanten Wandel mit beherrschbaren sozialen Kosten moderieren wollte.

Historikerin an der Universität Bremen: Veronika Settele.

Seit Beginn der 1950er Jahre fehlten im Kuh- und Schweinestall die Arbeitskräfte massiver als je zuvor. Ihr Fehlen war ein wesentlicher Motor für die Entwicklung jener Techniken, die die heute in Verruf geratene Vermassung der Tiere ermöglichten. Landarbeiter und Landarbeiterinnen, wie landwirtschaftliche Arbeitskräfte ohne eigenen Grundbesitz geheißen hatten, verschwanden. Ihre Abwanderung aus der Landwirtschaft verlief in der Bundesrepublik während der 1950er Jahre dreimal so schnell wie im Durchschnitt der 100 vorangegangenen Jahre.

Die Attraktivität ihrer Tätigkeit rutschte in der öffentlichen Meinung durch die Jobmöglichkeiten in der prosperierenden Industrie weiter nach unten. Das Arbeitsverhältnis auf dem Bauernhof, in dem man für Kost, Logis und einen vergleichsweise geringen Lohn sieben Tage die Woche unter dem Zugriff von Chef und Chefin stand, galt als überkommen. Nur, wer sollte an ihrer Statt die Euter melken, die Schweine füttern und den Mist aus dem Stall bringen?

Zur Person:

Veronika Settele ist Historikerin an der Universität Bremen. Für ihre Disseration zum Konflikt von Massentierhaltung und Tierwohldebatte mit dem Deutschen Studienpreis 2020 ausgezeichnet. Außerdem erhielt sie den Opus-Primum-Preis der Volkswagen-Stiftung.

Versuche, neue Arbeitskräfte zu rekrutieren, schlugen fehl. In der DDR, die sich in den 1950er Jahre wirtschaftlich langsamer erholte als die Bundesrepublik, war die Situation in den frühen staatlichen Ställen verheerend. Die schmutzige, stinkende Arbeit in Schweineställen war besonders betroffen. Auf dem bezirksübergreifenden Erfahrungsaustausch der Volkseigenen Betriebe für Mast- und Schlachtvieh berichteten die Verantwortlichen aus Dresden, Plauen, Halle und Potsdam unisono, dass das ihnen zur Verfügung stehende Personal „hohnspottend“ sei. Mit ihm sei jedweder Erfolg bei der fragilen Bewirtschaftung von Lebewesen ausgeschlossen. Die Schweine lagen im Nassen, erhielten ihr Futter nur unregelmäßig, und kranke Tiere wurden nicht rechtzeitig erkannt und abgesondert.

So drohte die Fleischversorgung weiterhin hinter ihrer Nachfrage zurückzubleiben und die Versorgungssicherheit politisches Ziel zu bleiben, anstatt Realität zu werden. Im Wissen, wie wichtig eine stabile Lebensmittelversorgung für die politische Loyalität der Bürgerinnen und Bürger dem neuen System gegenüber war, stellten die verantwortlichen Agrarpolitiker die Weichen für eine rationalisierte, arbeitssparende Schweinehaltung, zu der Futterautomaten ebenso gehörten wie die automatische Entmistung der Ställe durch Fließmistverfahren. Hühner waren Rindern und Schweinen aufgrund der geringen Arbeit, die sie für ihre Halterinnen und Halter bedeuteten, überlegen. Das ließ ihre Popularität seit Beginn der 1960er Jahre sprunghaft ansteigen. Sowohl als Eierlieferantinnen als auch als Masthähnchen wurden sie zu vielversprechenden Investitionsprojekten. Eine einzelne Person konnte mit neuen Techniken der Unterbringung und Versorgung Tausende, bald Zehntausende betreuen.

Diese Zahlen der Effizienz stiegen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, einerlei ob es sich um die Zahl der pro Stunde von einer Melkmaschine gemolkenen Kühe oder den Betreuungsschlüssel im Hühner- und Schweinestall handelte. Mit ihnen stieg die Selbstverständlichkeit, mit der tierische Lebensmittel ausreichend vorhanden sind, ohne dass die meisten Menschen in Berührung mit ihrer Produktion kommen. Sind wir über das Ziel hinausgeschossen? Das ist eine Frage, die sich beim Blick in gegenwärtige Ställe zu stellen scheint. Doch so linear entfaltet sich Geschichte nicht. Nicht nur die Methoden der Tierhaltung haben sich verändert, sondern ebenso gesellschaftliche Werte, Wahrnehmungen und Toleranzschwellen. Aufgabe aktueller Agrarpolitik ist es, das Geschehen im Stall von Neuem in Einklang mit ihnen zu bringen.

von Veronika Settele

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare