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Elmar Fulda: „Als Gesellschaft fordern wir einen sehr hohen Beitrag von der jungen Generation.“ Peter jülich
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Elmar Fulda: „Als Gesellschaft fordern wir einen sehr hohen Beitrag von der jungen Generation.“ Peter jülich

Kultur

„Die Kulturbranche wird sich berappeln“

  • Franziska Schubert
    VonFranziska Schubert
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Der Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst spricht im FR-Interview über authentische Berührung, den virtuellen Ersatz und die Lage der Studierenden in Frankfurt.

Herr Fulda, haben Sie Entzugserscheinungen? Die Bühnen sind schon lange dem Publikum verschlossen.

Ich habe das Glück, dass ich die Qual lindern und gelegentlich in einen Unterricht hineinhören kann, der bei uns in Präsenz stattfindet. Meine Frau und ich haben uns vor kurzem die Freischütz-Premiere im Livestream der Bayerischen Staatsoper angesehen. Da konnte man sich Geräusche einspielen, das Knistern von Bonbonpapier, Hüsteln, Buh-Stürme. Eine Sängerin hat uns besonders berührt, trotz Minibildschirm und schepperndem Lautsprecher, da hatte ich Tränen in den Augen. So ein Erlebnis, dass Kopf, Seele und Körper eingefangen werden durch die Kunst von Schauspiel, Musik und Theater, hatte ich wirklich schon sehr lange nicht mehr.

Ist ein Livestream mit einem Liveauftritt vergleichbar?

Unsere Fächer, Musik, Tanz, Theater und auch das Lehramt, leben davon, dass der Kunstschaffende etwas aussendet und das Publikum darauf reagiert, indem es mitatmet. Auf diese ganz kleinen Zeichen reagiert wieder der Künstler. Daraus entsteht ein Kommunikationsprozess und das Einmalige dieses Kunstereignisses. Und das gibt es im Livestream natürlich nicht. Eigentlich kennen wir das schon, hören Musik etwa über Radio oder CD. Nur konnte man vor der Pandemie wählen, ob man etwa ins Museum geht oder an einem virtuellen Rundgang teilnimmt. Dass dies nun nicht möglich ist, erleben wir als einen Verlust.

Warum ist das Miteinander im Studium der Künste so wichtig?

Alles, was wir an der Hochschule machen, ist Kommunikation, Berührung, Nähe, gemeinsam atmen, musizieren, sich bewegen. In der Corona-Krise ist nun all dies toxisch. Es war erst einmal ein Schock, denn die Krise hat uns im Kern getroffen. Aber: Wir lernten, damit umzugehen, und hofften wie alle, dass es schnell vorbei geht. Der erneute Lockdown schafft nun auch bei uns Unruhe und Ängste. Wird es jemals wieder so werden wie früher? Wie gefährlich ist die Situation? Welche Chance haben Studierende? Wie kommen sie ins Berufsfeld? Die Verschärfungen spüren wir auch an der Hochschule.

Haben Studierende noch eine Perspektive im Kultursektor?

Jemand, der Musik, Tanz, Theater studiert, weiß, dass man nicht automatisch eine Stelle für den Rest des Lebens im Orchester oder am Theater bekommt. Verschärft hat sich nun, dass die Orchester und vor allem freien Ensembles nicht spielen. Momentan gibt es keine Auftrittsmöglichkeiten. Die freie Szene liegt danieder, aber auch bei den staatlich Geförderten gibt es wenig freie Stellen und wenig Vorspiele. Auch für Schauspieler gibt es keine Filmdrehs. Der Abschlussjahrgang der Tanzstudierenden macht in der Regel ein Praktikum in einer Kompanie. Auch das ist schwierig, viele müssen sich freie Projekte suchen. Da fragen sich manche, wozu sie studieren, ob sie einen Weg ins Berufsfeld finden.

Wie stehen Ihre Studierenden ökonomisch dar?

Zur Person

Elmar Fulda , 1964 in München geboren, ist Präsident der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt, die er seit dem Herbst 2018 leitet. Fulda war unter anderem Spielleiter an der Deutschen Oper am Rhein und Vizepräsident für Künstlerische Praxis an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Als Regisseur schuf er viele eigenen Inszenierungen für Musiktheater und Schauspiel. Fulda hat Germanistik, Theater- und Musikwissenschaft studiert. isk

Die Studienfinanzierung ist für viele prekär, seit die Jobs etwa in der Gastronomie und bei der Messe weggefallen sind. Wir haben deshalb als Hochschule früh angefangen, bei Freunden, Förderern und Stiftungen um Unterstützung für unsere rund 950 Studierenden zu bitten. Das ist ganz wunderbar gelungen. Die Frankfurter Bürgerschaft zeigt eine unglaubliche Solidarität. Das ist ein wichtiges Signal für Kunst und Kultur und auch ein emotionaler Support für die Studierenden. Wir konnten 80 Stipendien in Höhe von monatlich 300 Euro für ein halbes Jahr sowie Einmalzahlungen von 500 Euro ausschütten. Auch die über ein Jahr laufenden Deutschlandstipendien konnten wir auf 100 aufstocken. Der Staat hat das Bafög verlängert, aber das greift nicht für die internationalen Studierenden, die bei uns 40 Prozent ausmachen.

Wird sich die Kulturbranche Ihrer Meinung nach wieder berappeln?

Ja, sie wird sich berappeln. Kunst ist eine Kulturtechnik, die es gibt, solange es Menschen gibt. Ich glaube nicht, dass die Kunst in Folge der Pandemie untergeht, allerdings werden sich die Strukturen verändern. Auch arrivierte Freelancer und Ensembles haben gerade ein Riesenproblem, weil die Einnahmen seit einem Jahr wegbrechen. Das Publikum hat gelernt, sich auf anderen Kanälen mit Kunst und Kultur zu beschäftigen. Ich kann mir vorstellen, dass künftig Menschen in der Frankfurter Oper sitzen und genauso viele daheim die Aufführung mit einem Glas Wein digital verfolgen. Es war noch nie so, dass eine Kulturtechnik weggefallen ist, die neue tritt neben die alte und verändert sie. So gibt es mit der Fotografie auch weiterhin die Malerei.

Kann das Liveerleben von Kunst ersetzt werden?

Nein, ein authentisches Erlebnis ist durch nichts zu ersetzen, gerade wenn die Kommunikation zwischeneinander fehlt. Nur momentan bleibt uns keine andere Wahl. Ganz viele Bilder kennen wir nur von Drucken, die Farben stimmen nicht hundertprozentig. Auch bei den Livestreams bekommen wir oft Rückmeldungen, dass die Bilder käsig oder dunkel und der Ton so laut oder leise sei. Ich antworte dann, dass das an dem Endgerät, dem Tablet oder Computer des Benutzers, liegt. Es gibt im Livestream nicht mehr den Klang, die Farbe oder den Lautstärkepegel. Bei uns im High-End-Studio klingt es fantastisch und bei Hörern zu Hause wie aus der Blechbüchse.

Wie reagiert denn Ihre Hochschule auf die neuen Herausforderungen?

Wir sind zur Salonkultur des 19. Jahrhunderts zurückgekehrt. Eine Professorin hat das Format der Eins-zu-eins-Konzerte entwickelt. Dabei trifft ein Zuschauer ganz unmittelbar auf einen Musiker oder Tänzer. Und wir haben Balkon- und Gartenkonzerte angeboten. Da spielt beispielsweise ein Streichquartett eine Dreiviertelstunde im Treppenhaus oder im Hinterhof.

Die Corona-Krise hat Ihre Hochschule zu einer Vollbremsung gezwungen. Wie laufen derzeit beispielsweise die Proben des Sinfonieorchesters ab?

Die hessischen Hochschulen haben sich prinzipiell auf den Onlineunterricht verständigt. Im Rahmen des Hybridsemesters können musische Unterrichte unter Einhaltung eines strengen Hygieneschutzkonzepts in Anwesenheit stattfinden. Derzeit läuft so viel wie möglich online. Wir haben versucht, solidarisch zu agieren, indem wir insgesamt die Zahl der Kontakte senken. Dabei wollen wir das Recht auf Bildung und das Recht auf Gesundheit bestmöglich umsetzen. Im Sinfonieorchester spielen derzeit maximal 30 Musizierende statt normalerweise 90 gleichzeitig mit Abstand und Maske. Es gibt Markierungen für die Sitzplätze und klare Zu- und Abwege. Es ist geregelt, wann gelüftet werden muss und wann wieder gespielt werden darf. Wir nutzen auch kleinere Formate wie Registergruppen für die Holzbläser oder alle ersten Geigen, um Kompetenzen im Ensemblespiel weiter vermitteln zu können. Für die Erstsemester und die Absolventinnen und Absolventen ist diese Zeit extrem belastend. Dass sie alles nachholen können, ist eine Illusion. Als Gesellschaft fordern wir einen sehr hohen Beitrag von der jungen Generation. Ich wünsche mir, dass dies mehr gewürdigt wird.

Interview: Franziska Schubert

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