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Lügenbaron Münchhausen - verkörpert von Hans Albers (Archivbild)

Kachelmann-Prozess

Dichtung und Wahrheit vor Gericht

Lügen sind selbst für Profis schwer zu erkennen – vor allem in Vergewaltigungsprozessen. Opfer schildern eine Tat nicht chronologisch - Kinderaussagen sind schwer zu bewerten weil sie auch an Erzähltes glauben.

Von Jochen Paulus

Jörg Kachelmann ist frei, weil das Gericht von den Aussagen seiner Ex-Geliebten nicht ausreichend überzeugt war. Auch das weitere Schicksal des zurückgetretenen Währungsfonds-Direktors Dominique Strauss-Kahn hängt vor allem davon ab, wem die Gerichte glauben. Ihm oder der Hotel-Angestellten, die ihn beschuldigt?

Doch gerade in Vergewaltigungsfällen ist es extrem schwer zu beurteilen, ob gelogen oder die Wahrheit gesagt wird. Das demonstriert eine neue Studie, die zufällig kurz vor der Festnahme von Strauss-Kahn veröffentlicht wurde.

Kanadische Psychologen um Kristine Peace und Steve Porter stellten vier Schilderungen von Vergewaltigungen zusammen, die tatsächlich stattgefunden hatten. Vier weitere Vergewaltigungen dachten sich andere Frauen auf Wunsch der Forscher aus und schilderten sie möglichst detailliert. 119 Studentinnen und Studenten bekamen die Berichte vorgelegt und sollten entscheiden, welche sie für wahr hielten.

Sie lagen nur in 45 Prozent der Fälle richtig – waren also sogar noch ein bisschen schlechter, als wenn sie einfach geraten hätten. Und je sicherer sich die Teilnehmer waren, desto eher irrten sie sich. Keine Ahnung, aber großes Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit – das nennen Peace und Porter „eine Formel für Disaster vor Gericht“.

Wie eine genauere Auswertung zeigte, ließen sich die Laienrichter von den Gefühlen in den Berichten zu falschen Schlüssen verleiten: Emotionsgeladene Schilderungen einer Vergewaltigung wirkten glaubhafter. „Wir machen Fehler“, meinte einst der russische Literat und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn, „weil es für uns am einfachsten und beruhigendsten ist, nach der Erkenntnis zu suchen, die zu unseren Gefühlen passt.“

Auch professionelle Wahrheitssucher finden nicht unbedingt besser heraus, ob eine ergreifende Geschichte stimmt. Der Psychologieprofessor Aldert Vrij von der University of Portsmouth zeigte 52 Polizisten Fernsehappelle von Menschen, die scheinbar verzweifelt um Mithilfe bei der Suche nach vermissten Verwandten baten. In Wirklichkeit hatten sie die Angehörigen umgebracht. Die Polizisten schafften es nicht, die dreisten Lügen zu erkennen.

Solche Studien sind rar. Wissenschaftler haben bisher nur selten die Erkennbarkeit von Lügen erforscht, bei denen viel auf dem Spiel steht – Jahre im Gefängnis oder in Ländern mit Todesstrafe sogar das Leben. Meist lassen Forscher Studenten ein paar Dollar „stehlen“ und andere Studiosi sollen später erkennen, wer der Dieb war.

Doch die Erkenntnisse aus solchen Untersuchungen gelten nur begrenzt für wirkliche Gauner. So gestikulieren Laien weniger mit den Händen und Armen, wenn sie lügen. Doch Profis verwenden gerade dann solche Gesten, vielleicht sogar bewusst. Auch der große Kommunikator Bill Clinton unterstrich mehrmals mit dem Finger, niemals Sex mit Monica Lewinsky gehabt zu haben.

Zwar zeigen auch Diebe und Mörder Auffälligkeiten. Sie blinzeln beim Lügen weniger und machen mehr Pausen, so eine Auswertung von 16 Polizeiverhören. Doch solche nicht verbalen Zeichen sind bislang zu wenig erforscht, um sie bei Ermittlungen zu verwenden. Stattdessen verlassen sich auch Polizisten auf Volksweisheiten wie die, dass Lügner einem nicht in die Augen sehen können. Dummerweise stimmt das nicht.

Lügen-Sachverständige, wie sie auch im Kachelmann-Prozess ausführlich zu Wort kamen, gehen anders vor. Sie suchen in den Aussagen von Angeklagten oder Zeugen nach Spuren von Dichtung und Wahrheit. Dabei stützen sie sich auf psychologische Erkenntnisse.

Beispielsweise erzählt eine vergewaltigte Frau die Tat eher nicht geradlinig. Sie springt von einem Detail der Attacke zu einem anderen und schildert oft eine große Bandbreite von Gefühlen.

Berichte von erfundenen Vergewaltigungen haben sich dagegen als deutlich strukturierter erwiesen. Denn ein falsches Opfer hat genau wie ein leugnender Täter eine schwere Aufgabe. Beide müssen ihre erfundene Geschichte immer wieder erzählen und Nachfragen beantworten, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Das gelingt am ehesten mit einer sehr übersichtlichen Geschichte ohne verwirrende Details.

Gutachter in der Deutschland wie in anderen Ländern achten daher auf sogenannte Realkennzeichen – Erkennungsmerkmale von wahren Schilderungen, die in Lügen seltener vorkommen. Zu ihnen zählen Details und wörtliche Dialoge. Von den 19 ursprünglich postulierten Realkennzeichen ließen sich einige in Studien aber kaum bestätigen, darunter Einwände gegen die eigene Aussage und Entschuldigungen für den Täter.

Auch zusammengenommen sind die Realkennzeichen nicht so verlässlich, dass sie für ein Urteil reichen würden. Ihr Nutzen schwindet weiter, wenn beispielsweise ein Kind an seine falsche Aussage glaubt, weil sie ihm suggeriert wurde. Gerichtsguter stellen daher stets noch weitere Überlegungen an. Wie treffsicher ihre Schlussfolgerungen am Ende sind, lässt sich dadurch aber kaum systematisch überprüfen.

Psychologen erproben derweil Methoden, Lügner aus dem Konzept zu bringen, um sie leichter zu entlarven. So zeigte der besonders einfallsreiche Forscher Vrij, dass Lügner sich leichter verraten, wenn sie die Ereignisse in umgekehrter Reihenfolge schildern sollen. Denn dadurch müssen die Verhörten zusätzliche Denkarbeit leisten und können sich nicht so gut aufs Lügen konzentrieren.

In anderen Experimenten sollten Probanden, die einen kleinen Pseudo-Diebstahl begangen hatten, ein falsches Alibi vortragen – einen Restaurantbesuch. Sie mussten jedoch nicht nur Fragen zu dem Besuch beantworten, sondern auch eine Skizze anfertigen: Wo saßen sie, wo war die Toilette, wo der Eingang? 70 Prozent der Lügner verrieten sich, weil ihre Zeichnungen nicht zu ihren Antworten passten. Offenbar konnten sie sich die erfundene Szenerie nicht genau genug merken.

Hundertprozentig werden sich Lügen wohl nie entlarven lassen. Doch die Fähigkeit dazu lässt sich verbessern. Porters kanadisches Team schulte zwei Tage lang eine Berufsgruppe, die besonders viele Unwahrheiten zu hören bekommt – Bewährungshelfer.

Die Psychologen erläuterten ihnen, woran sich Lügen am ehesten erkennen lassen und woran gerade nicht. Dann folgten praktische Übungen. Die Bewährungshelfer verbesserten ihre Trefferquote in der kurzen Zeit von unbrauchbaren 40 auf immerhin 77 Prozent.

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