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Der Verdauungstrakt beherbergt mit der Darmflora ein eigenes Ökosystem in unserem Körper. 

Mikrobiom

Gewagte Hypothese: Sind Diabetes und Adipositas übertragbare Krankheiten?

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Sind vermeintlich nicht übertragbare Krankheiten wie Diabetes Typ 2 oder Adipositas übertragbar? Forscher stellen eine gewagte Hypothese auf.

  • Vermeintlich nicht übertragbare Krankheiten wie Diabetes Typ 2, Krebs oder Adipositas können möglicherweise doch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden
  • Forscher haben das Mikrobiom des Menschen im Verdacht
  • Ihre gewagte These und ihre Erkenntnisse haben die Forscher im Fachjournal „Science“ veröffentlicht

Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes Typ 2, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Krebs und Adipositas sind völlig unterschiedliche Krankheiten. Und doch haben sie einen gemeinsamen Nenner: Nach heutigem Wissensstand gelten eine genetische Disposition, der individuelle Lebensstil und eventuell noch Umweltfaktoren als Ursachen; meist in Kombination und mit unterschiedlicher Gewichtung.

Von der Weltgesundheitsorganisation WHO werden diese Krankheiten deshalb als nicht übertragbare Erkrankungen bezeichnet – anders als Infektionskrankheiten, die von Erregern wie Viren oder Bakterien ausgelöst werden. Zumindest im Falle einiger Krebsarten wackelt diese Einteilung mittlerweile allerdings, denn seit einigen Jahren weiß man, dass bei ihrer Entstehung auch Viren beteiligt sein können. Das bekannteste Beispiel ist Gebärmutterhalskrebs, bei dem Hochrisikotypen der Humanen Papillomaviren eine Rolle spielen können.

Forscher mit gewagter These zu vermeintlich nicht übertragbaren Krankheiten

Aktuelle Forschungsergebnisse stellen nun die Klassifizierung bislang als nicht übertragbar eingestufter Erkrankungen in Frage. Ein internationales Team von Wissenschaftlern des Programms „Humans & The Microbiome“ des „Canadian Institute for Advanced Research“ will Hinweise dafür gefunden haben, dass viele dieser vermeintlich nicht übertragbaren Krankheiten doch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden können – und zwar über das Mikrobiom, der Gemeinschaft der im Körper beheimateten Bakterien und Pilze.

Ihre Erkenntnisse haben die Forscher im Fachjournal „Science“ veröffentlicht. Zu den Mitautoren gehört auch der deutsche Biologe Thomas Bosch, Professor für Zoologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und Sprecher des dort angesiedelten Sonderforschungsbereichs „Entstehen und Funktionieren von Metaorganismen“.

Gewagte Hypothese: Mikrobiom als Krankheits-Überträger

Der Begriff Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit der im Körper vorkommenden Billionen von Mikroorganismen. Diese besiedeln den Darm („Darmflora“), wo die Vielfalt am größten ist, die Nase, die Mundhöhle, den Rachen, die Vagina und bilden die äußere Schutzschicht der Haut. Sie alle stehen miteinander in Verbindung, „es gibt einen natürlichen Flux“, erklärt Thomas Bosch. In den vergangenen zehn Jahren ist das Mikrobiom zunehmend in den Fokus der Medizin gerückt, da man erkannt hat, welche wichtige Rolle es für die Gesundheit spielt.

Das Mikrobiom als Überträger von verbreiteten Krankheiten – das ist gleichwohl eine Hypothese mit medizinischer „Sprengkraft“, die von den Studienautoren selbst als „gewagt“ bezeichnet wird. Sollte sie sich als richtig herausstellen, „wird sie unsere Auffassung der öffentlichen Gesundheit völlig neu definieren“, sagt Brett Finlay, Professor für Mikrobiologie an der Universität von British Columbia und Leiter des Forschungsprogramms „Humans & the Microbioms“.

Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stützen ihre Theorie darauf, erstmals „Verbindungen zwischen drei verschiedenen bereits belegten Erkenntnissen“ hergestellt zu haben. Als Grundlage dient dabei das gesicherte Wissen, dass das Gleichgewicht der Kleinstorganismen bei einer Vielzahl von Erkrankungen gestört und das Mikrobiom im Vergleich zu dem eines gesunden Menschen deutlich verändert ist. Beispiele dafür sind Adipositas, Diabetes Typ 2, entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa aber auch Herz-Kreislauf-Leiden. Diskutiert wird auch ein Zusammenhang des Mikrobioms mit Migräne und sogar mit Demenz.

Mikroben können von einem Individuum zum anderen gelangen

Die genauen Mechanismen, über die das Mikrobiom Einfluss nimmt, sind allerdings erst zum Teil entschlüsselt. Unter anderem weiß man, dass im Darm die Schleimhaut unter einem gestörten Mikrobiom leidet und ihre Funktion als Barriere nicht mehr richtig erfüllen kann, so dass Substanzen in die Blutbahn gelangen, die Entzündungen hervorrufen können.

Tierversuche haben gezeigt, dass vorher gesunde Individuen erkranken, wenn man ihnen das veränderte Mikrobiom eines kranken Artgenossen transferiert. Als Beispiel führen die Forscher Fettleibigkeit bei Mäusen an: Entnehme man einer fetten Maus das Darmmikrobiom und setze es einer schlanken Maus ein, so werde auch diese übergewichtig, heißt es. Schließlich berichten die Wissenschaftler davon, „zahlreiche Indizien“ gefunden zu haben, „die auf eine generelle natürliche Übertragbarkeit des Mikrobioms hinweisen“: „Wenn man diese Fakten zusammenfasst, legt das die Vermutung nahe, dass viele traditionell nicht als übertragbar eingestufte Krankheiten vielleicht doch übertragbar sind“, schlussfolgert Brett Finlay.

Dass sich das Mikrobiom nicht nur mit einem gezielten Transfer, sondern auch durch enges Zusammenleben übertragen lässt, konnten Forscher aus der Arbeitsgruppe von Thomas Bosch an der Kieler Universität belegen. „Hält man Labortiere wie Süßwasserpolypen nicht einzeln, sondern über eine gewisse Zeit in einem gemeinsamen Lebensraum, gleicht sich zunächst ihr Mikrobiom und in der Folge auch ihre äußere Erscheinungsform einander an“, berichtet der Biologe. So habe sich nachweisen lassen, dass die Mikroben direkt von einem Individium zum anderen gelangten. Möglicherweise, so der Wissenschaftler, könne das auch beim Menschen geschehen.

Wie hat man sich das vorzustellen? Durch Anfassen, Sexualkontakte, über das Berühren von Oberflächen, gemeinsam genutzte Toiletten? So detailliert vermag Thomas Bosch das nicht zu sagen: „Es wäre denkbar, dass das Mikrobiom etwa durch enge soziale Kontakte oder in gemeinsam genutzten Wohnungen übertragen wird“, erläutert der Forscher. Im Tierversuch habe die räumlich-physische Nähe ausgereicht, um das Mikrobiom zu übertragen.

„Übertragbar“ heißt nicht „ansteckend“

Von Menschen kenne man die Beobachtung, dass ein Zusammenleben in einem Haushalt zu ähnlichen „Phänotypen“ führe: dass Mitbewohner eines Übergewichtigen etwa auch dazu neigten, stark zuzulegen oder Mitbewohner eines Typ 2-Diabetikers ebenfalls diese Stoffwechselerkrankung bekämen. Nun läge die Annahme nahe, dass dieser Effekt im Lebensstil begründet sein könnte, weil möglicherweise alle das Gleiche und auch vergleichbare Mengen essen. Bosch negiert das nicht – sagt aber auch, dass eine Übertragung durch den „physischen Kontakt“ mit den Mikroben anderer Menschen in einer Gemeinschaft ebenfalls eine mögliche Ursache sein könnte.

Der Kieler Wissenschaftler betont aber, dass „übertragbar“ nicht gleichbedeutend mit „ansteckend“ sei. Heißt: Selbst wenn Krankheiten wie Diabetes Typ 2 über den Kontakt mit dem Mikrobiom übertragen werden könnten – was bisher nur eine Hypothese und noch nicht bewiesen ist – würden sie nicht zu „Infektionskrankheiten“, die man sich wie einen Schnupfen einfangen kann. „So simpel ist das alles nicht“, sagt Thomas Bosch. Er gehe von „sehr komplexen Zusammenhängen“ aus.

Außer Frage steht, dass eine Korrelation zwischen einem gestörten Mikrobiom und vielen Krankheiten bestehen kann. Nachgewiesen ist auch die Wirksamkeit von „Stuhltransplantationen“ bei bestimmten Krankheitsbildern, zum Beispiel nach einer wiederholten oder sich hartnäckig haltenden Infektion mit dem aggressiven Durchfallerreger Clostridium difficile. Bei diesem Verfahren werden der Stuhl eines gesunden Menschen oder daraus gewonnene Bakterien einem Patienten mit schwer gestörter Darmflora übertragen.

Eine übrigens sehr alte Therapie, die vor einiger Zeit wiederentdeckt wurde. Bereits im China des 4. Jahrhunderts wird von der Heilkraft der so bezeichneten „gelben Suppe“ berichtet. Derzeit wird geforscht, ob die Stuhltransplantation auch eine Therapieoption bei weiteren Erkrankungen sein könnte, etwa bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen oder Stoffwechselstörungen.

Was genau sich bei der Übertragung von Mikrobiomen abspielt und wie sie ihre heilsame oder auch krankmachende Wirkung entfalten, ist noch nicht bekannt. Mit dem Thema sollen sich nun weitere Forschungsarbeiten beschäftigen. Dabei soll es auch um die Frage gehen, wie das Mikrobiom mit anderen Einflüssen – etwa bestimmten Umweltbedingungen und genetischen Faktoren – bei der Übertragung von Krankheiten zusammenwirke, sagt Thomas Bosch. „Die neue Hypothese macht klar, dass wir Störungen der mikrobiellen Besiedlung des Körpers viel stärker als bisher als Krankheitsursache in Betracht ziehen und auch die potenziellen Übertragungswege näher erforschen müssen.“

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