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Deutschunterricht am Arbeitsplatz

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Von: Clemens Dörrenberg

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Teblet Gabrionas (links) und Ausbilderin Ute Beck in der Küche des Kinderhorts im Frankfurter Stadtteil Gallus.
Teblet Gabrionas (links) und Ausbilderin Ute Beck in der Küche des Kinderhorts im Frankfurter Stadtteil Gallus. © Peter Jülich

Ein Programm, das Sprachförderung mit beruflicher Qualifikation verbindet, soll Erwachsenen das Lernen erleichtern.

Teblet Gabrionas muss einen Moment überlegen, welches Wort ihr anfangs am schwersten gefallen ist. Die 41-Jährige hat vor einigen Monaten im Mehrgenerationenhaus des Frankfurter Stadtteils Gallus einen Qualifizierungskurs in Hauswirtschaftslehre absolviert, und dabei gleichzeitig berufsspezifisches Deutsch gelernt. „Hygiene“, sagt Gabrionas schließlich. Das Fremdwort für Sauberkeit gehe ihr noch immer etwas schwer über die Lippen.

Als Hauswirtschafterin arbeitet die Eritreerin, die zuvor bereits in einem Integrationskurs Deutsch gelernt hatte, meist in der Küche des Kinderhorts, der im Mehrgenerationenhaus untergebracht ist. Sie kümmert sich um die Hausreinigung und lernte dabei etwa, die Etiketten der Reinigungsflaschen zu entziffern. Beim Wäschewaschen oder Obst- und Gemüseschneiden für die Kleinen überlegte sie, wie sie auf Deutsch umschreiben könnte, was sie gerade tat. Diese Formulierungen zählten gleichzeitig zu den Lerninhalten, die später bei einer Prüfung für ein Zertifikat zur Hauswirtschafterin von der Industrie- und Handelskammer abgefragt wurden.

Ihre Ausbilderin Ute Beck half der angehenden Hauswirtschaftskraft bei den Vorbereitungen zur Sprachprüfung. Zusammen mit weiteren Teilnehmerinnen des Hauswirtschaftskurses füllten sie von Beck erstellte Arbeitsblätter aus und paukten neue Vokabeln. Zusammengesetzte Wörter wie „Brotmesser“, „Schneidebrett“ oder „Rutschgefahr“ müssten am meisten geübt werden, berichtet Beck. Durch „Wiederholungen“ und „Vereinfachungen langer Wörter“ unterstütze sie die Sprachschülerinnen beim Lernen. Die 61-Jährige ist Hauswirtschaftsmeisterin und hat bei der „Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen“, kurz „Faberis“, eine Fortbildung zur „Sprachförderkraft für integriertes Sprachlernen“ absolviert, um Deutsch bei der Arbeit besser vermitteln zu können. Als Teil des „Frankfurter Arbeitsmarktprogramms“ hat die Fachstelle ein Konzept entwickelt, das „sprachliche und berufliche Bildung als genuin zusammengehörig“ betrachtet. „Die Sprache, die ich für bestimmte Tätigkeiten brauche, lerne ich erst in dieser Situation“, sagt Leiterin Meta Cehak-Behrmann. Durch ein individuell auf die Lernenden zugeschnittenes Konzept könnten auch Menschen mit rudimentären Deutschkenntnissen teilnehmen. Die Lernziele würden je nach Sprachniveau angepasst werden. Dies sei ein zentraler Unterschied zu anderen beruflichen Qualifizierungsmaßnahmen, bei denen ein bestimmtes Maß an Sprachkenntnissen vorausgesetzt werde.

Angebote

Neben dem Sprachförderprojekt der „Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen (Faberis)“, das in Frankfurt am Main und über zertifizierte Bildungsträger in ganz Hessen angeboten wird, gibt es mit „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ auch ein bundesweit aufgestelltes Förderprogramm.

Das Programm , das durch das Bundesarbeitsministerium und den Europäischen Sozialfonds gefördert wird, enthält Angebote zur Vermittlung von berufsbezogenem Deutsch und weiteren Möglichkeiten zur Arbeitsmarkt-Integration durch lokale Bildungsträger in allen 16 Bundesländern.

Weitere Informationen gibt es auf: www.netzwerk-iq.de.

In vielen Branchen möglich

Vor rund sieben Jahren wurde in Frankfurt am Main die Fachstelle zur Arbeitsmarkt-Integration Geflüchteter und Migrant:innen ins Leben gerufen, die Betriebe und Bildungsträger dabei unterstützt, ihren Mitarbeitenden neben beruflicher Qualifizierung auch Deutschkenntnisse zu vermitteln. Erst innerhalb der letzten zehn Jahre habe sich dieser integrierte Ansatz, der aus der Berufspädagogik stammt, durchgesetzt, heißt es in einer Bilanz der gemeinnützigen GmbH. Cehak-Behrmann erklärt, dass ihr Konzept branchenübergreifend einsetzbar sei. Neben großen Unternehmen wie Samson und der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens, Fraport, sei das Konzept auch in der Ausbildung für Pflegeberufe angewendet worden. Aus dieser Branche nennt sie auch ein Beispiel für das Zerlegen komplexer Konstrukte in einfache Sprache. Bei der Schulung von Altenpflegekräften habe es die komplizierte Anweisung gegeben: „Eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr ist zu vermeiden.“ Cehak-Behrmann kürzt das ab und erklärt, dass viel getrunken werden müsse.

Im Frankfurter Gallus-Viertel arbeitet die „Fachstelle für berufsintegriertes Sprachlernen“ derzeit gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus daran, ein „qualitätsgesichertes Modell“ für den Hauswirtschaftskurs zu erstellen. Erfahrungen aus der Praxis könnten auf diese Weise in das Projekt einfließen und es so verbessern, berichtet Jessica Widdig. Sie ist Referentin für Arbeitsmarkt und Erwachsenenbildung des Mehrgenerationenhauses im Gallus und hebt einen besonderen Nutzen des Kombi-Konzeptes für die Teilnehmerinnen hervor: „Bei den Frauen ist der Bedarf und die Not oft groß, zügig erwerbstätig zu werden.“ Widdig ergänzt: „Beruflich zu lernen und Deutsch zu lernen trägt ihnen Rechnung“. Franca Schirrmacher, Leiterin des Mehrgenerationenhauses, sagt: „Die Frauen brauchen die Sprachkenntnisse für den Beruf, aber auch für die Sorgearbeit zu Hause.“

Auch die vierfache Mutter Teblet Gabrionas konnte sich nach ihrem Qualifizierungskurs besser mit ihren Kindern verständigen. „Die Geschwister sprechen nur Deutsch“, sagt Gabrionas. Nun unterhalte sie sich mit den drei Söhnen und der Tochter neben ihrer Muttersprache häufiger auf Deutsch. Was sie am Arbeitsplatz gelernt hat, hilft ihr so auch im übrigen Leben weiter.

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