Eine Schülerin arbeitet zuhause an ihrem Tablet mit einer Lern-App. 
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Eine Schülerin arbeitet zuhause an ihrem Tablet mit einer Lern-App. 

Bildung

Deutschlands Lehrer würden gerne, können aber nicht

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Die Pädagogen an den Schulen in Deutschland sehen den digitalen Unterricht als Chance, tun sich in der Umsetzung aber häufig schwer. Und eine Umfrage der GEW zeigt noch mehr Schwächen des Bildungssystems auf.

Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich bei der Digitalisierung des Unterrichts oft alleine gelassen. Es mangelt an Angeboten zur Weiterbildung, die technische Ausstattung ist ungenügend und es fehlt die Zeit, pädagogische Konzepte zu entwickeln. Insgesamt scheint es an Deutschlands Schulen um das Lernen in der digitalen Welt eher schlecht bestellt zu sein, so das Ergebnis einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) unter ihren Mitgliedern, die am Mittwoch vorgestellt wurde.

Die Gewerkschaft hatte wissen wollen, wie es mit der Umsetzung des Digitalpakts vorangeht, bei dem der Bund den Ländern 5,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Infrastruktur, die Anschaffung von Geräten und Fortbildungen zur Verfügung stellt. Das war im Februar, also vor Beginn der Corona-Krise. Inzwischen hat die Bedeutung digitalen Unterrichtens und Lernens aufgrund der Schulschließungen und der weiterhin sehr eingeschränkten Präsenzzeiten noch zugenommen.

„Lehrkräfte brauchen Unterstützung und Freiheit, wenn sie neue Wege gehen wollen“, forderte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann. Zu oft würden Schulen ausgebremst, da die digitale Infrastruktur zu schwach sei oder der Fokus der Kultusministerien mehr auf Noten und Prüfungen liege als auf neuen pädagogischen Ansätzen. Die Lehrkräfte seien bereit, digitale Medien im Unterricht zu nutzen und täten dies auch. 93 Prozent hätten in der repräsentativen Umfrage eine entsprechende Frage bejaht. In der aktuellen Situation von Schulschließungen und Homeschooling fehle es aber beispielsweise an der Möglichkeit, alle Schülerinnen und Schüler zuhause zu erreichen.

„Längst nicht alle haben die dafür nötigen Geräte“, erläuterte die GEW-Bundesvorsitzende Marlis Tepe. Entscheidung für den Erfolg des Lernens auf Distanz aber sei, dass alle Schülerinnen und Schüler dafür erreichbar seien.

Die GEW fordert deshalb, mehr als die bisher zugesagten 500 Millionen Euro für die Anschaffung der mobilen Endgeräte bereitzustellen. Auch die Lehrkräfte müssten entsprechend ausgestattet werden, um nicht auf ihre privaten Geräte zurückgreifen zu müssen. Insgesamt sind nach Berechnungen der Gewerkschaft innerhalb von vier Jahren mindestens 20 Milliarden Euro nötig, um die Digitalisierung der Schulen zu erreichen.

Zudem sei es für Lehrkräfte schwierig, den Datenschutz einzuhalten, beklagte Ansgar Klinger, Leiter des GEW-Projekts „Bildung in der digitalen Welt“. Nur jeder vierte fühle sich dabei ausreichend unterstützt. Sogar nur jeder fünfte sei mit dem technischen IT-Support zufrieden.

82 Prozent der befragten GEW-Mitglieder monieren, dass es nicht genügend Fortbildungsangebote zur Digitalisierung gebe. Zudem fänden diese zumeist während der Unterrichtszeit statt. Aufgrund des Lehrermangels würden Lehrkräfte aber häufig nicht von der Unterrichtsverpflichtung befreit und könnten deshalb nicht teilnehmen.

Danach gefragt, ob die Sommerferien angesichts des zu erwarteten fortdauernden Homeschoolings für eine Qualifizierungsoffensive der Lehrerinnen und Lehrer genutzt werden sollten, antwortete Hoffmann, grundsätzlich seien Lehrkräfte dazu bereit. Allerdings sei es kaum möglich, bis dahin ein ausreichendes Fortbildungsangebot bereitzustellen. Zudem sei es nötig, dass die gesamte Schule über ein einheitliches Konzept verfüge. Dafür müssten schulinterne Fortbildungen geschaffen werden.

Auf Angebote großer Konzerne zurückzugreifen, müsse vermieden werden, um den Unterricht vor einer Kommerzialisierung zu bewahren. „Es liegt in der öffentlichen Verantwortung der Kultusministerien, Plattformen für das digitale Unterrichten zu schaffen“, sagte Klinger. Die Kultusbehörden müssten für die Nutzung digitaler Medien den Schulen klare Vorgaben machen. Kommentar Seite 11

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