1. Startseite
  2. Wissen

Desinfektionsmittel im Weltraum entdeckt – im „Kreißsaal“ der Sterne

Erstellt:

Von: Tanja Banner

Kommentare

Forschende entdecken in einer Molekülwolke in der Milchstraße etwas, das auf der Erde häufig genutzt wird: Isopropanol, ein Desinfektionsmittel.

Bonn – In der Corona-Pandemie scheinen Desinfektionsmittel allgegenwärtig zu sein. An jeder Ecke stehen Spender mit Desinfektionsmitteln, überall wird gesprüht, gewischt und desinfiziert. Nun haben Forschende das Desinfektionsmittel Isopropanol, das auf der Erde verwendet wird, um Flächen oder Hände zu desinfizieren, auch im Weltall entdeckt. Aufgespürt hat es ein Forschungsteam unter der Leitung von Arnaud Belloche vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie in Bonn in einem „Kreißsaal“ der Sterne, der Molekülwolke Sagittarius B2. Diese befindet sich in der Nähe des Zentrums der Milchstraße, nahe dem schwarzen Loch Sagittarius A*, etwa 27.000 Lichtjahre von der Erde entfernt.

 „Unsere Gruppe hat vor mehr als 15 Jahren damit begonnen, die chemische Zusammensetzung von Sagittarius B2 zu untersuchen“, erklärt Belloche, der Erstautor der Veröffentlichung zur Entdeckung von Isopropanol im Fachjournal Astronomy & Astrophysics. „Diese Beobachtungen waren erfolgreich und führten zum ersten interstellaren Nachweis einer Reihe von organischen Molekülen.“

Desinfektionsmittel im Weltall entdeckt: Forschende untersuchen Molekülwolke

Seit 2014 haben die Forschenden drei neue organische Moleküle in der Molekülwolke Sagittarius B2 identifiziert – zuletzt Isopropanol und Propanol. Dabei handelt es sich um das größte bisher im interstellaren Raum entdeckte Alkoholmolekül. Es existiert in zwei Formen (Isomeren) – Isopropanol und Propanol. Es ist das erste Mal, dass Isopropanol im interstellaren Medium und normales Propanol in einer Sternentstehungsregion gefunden wurde, heißt es einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts für Radioastronomie in Bonn.

In der Molekülwolke Sagittarius B2 in der Nähe des Milchstraßen-Zentrums haben Forschende das Desinfektionsmittel Isopropanol gefunden. (Symbolbild)
In der Molekülwolke Sagittarius B2 in der Nähe des Milchstraßen-Zentrums haben Forschende das Desinfektionsmittel Isopropanol gefunden. (Symbolbild) © imago images/Westend61

„Der Nachweis beider Isomere des Propanols ist von einzigartiger Aussagekraft, wenn es darum geht, den Entstehungsmechanismus der beiden Isomere zu bestimmen. Weil sie sich so ähnlich sind, verhalten sie sich auch physikalisch sehr ähnlich, was bedeutet, dass die beiden Moleküle an denselben Orten und zu denselben Zeiten vorhanden sein sollten“, erklärt Rob Garrod von der University of Virginia im US-amerikanischen Charlottesville.

Das Ziel der Forschenden ist es, in der Molekülwolke Sagittarius B2 neue interstellare Moleküle zu identifizieren. Können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eng verwandte Moleküle, die sich in der Struktur leicht voneinander unterscheiden, nachweisen, können sie deren Häufigkeitsverhältnis messen und so bestimmte Teile des chemischen Reaktionsnetzwerks aufklären. So wollen die Forschenden die Produktion von Molekülen im interstellaren Medium besser verstehen – insbesondere in Regionen, in denen neue Sterne geboren werden. Sie interessieren sich auch dafür, wie komplex diese Moleküle sein können.

Funde im Weltall: Alkohol, Desinfektionsmittel Aminosäuren und mehr

Doch die Identifizierung von organischen Molekülen in den Spektren von Sternentstehungsgebieten ist schwierig. „Je größer das Molekül ist, desto mehr Spektrallinien bei verschiedenen Frequenzen wird es emittieren“, erklärt Holger Müller von der Universität Köln. In einer Quelle wie Sagittarius B2 gebe es so viele Moleküle, die zur beobachteten Strahlung beitragen, dass sich ihre Spektren überschneiden und es schwierig sei, ihre „Fingerabdrücke“ zu entwirren und sie einzeln zu identifizieren. Doch bei Propanol und Isopropanol ist es gelungen, sie zu identifizieren.

Weltraum-Newsletter

Der kostenlose Weltraum-Newsletter informiert Sie zweimal im Monat über die neuesten Themen aus der Astronomie und Raumfahrt.

Forschende haben zuvor bereits komplexe organische Moleküle in einem Sternentstehungsgebiet entdeckt. Auch wichtige Bestandteile von Zellmembranen könnten ihren Ursprung in interstellaren Molekül-Wolken haben, haben Forschende herausgefunden. Und auch Alkohol wurde nicht zum ersten Mal im Weltall entdeckt: Der Komet 46P/Wirtanen bläst Alkohol ins Weltall. Zuletzt haben Forschende Aminosäuren – Bausteine des Lebens – in Gesteinsproben des Asteroiden Ryugu nachgewiesen. (tab)

Auch interessant

Kommentare