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Es wird vermutet, dass es vor allem im Fach Mathematik zu Lernrückständen kommt.
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Es wird vermutet, dass es vor allem im Fach Mathematik zu Lernrückständen kommt.

GASTBEITRAG

Der Ist-Zustand an Grundschulen muss auf den Prüfstand

Lernverluste, die in Folge der Corona-Pandemie entstanden sind, lassen sich nur bedingt durch außerschulische Nachhilfemöglichkeiten beheben.

Die Bundesregierung hat ein „Aktionsprogramm Aufholen“ in Höhe von zwei Milliarden Euro für Schülerinnen und Schüler beschlossen. 150 Euro erhalten die Familien pro Kind, um Lernrückstände durch Nachhilfe und Förderung aufzuholen. Niemand kann zurzeit beschreiben, bei welchen Kindern der Grundschule in welchem Ausmaß Lernrückstände zu beobachten sind. Vermutet wird, dass die Lernrückstände vor allem in das Fach Mathematik fallen, aber auch in den anderen Hauptfächern bestehen.

Warum denkt man bei Lernrückständen immer gleich an außerschulische Nachhilfe, wenn doch das Erlernen der Kulturtechniken die genuine Aufgabe von Schule ist? Es ist jetzt die Zeit, dass die Gesellschaft diesen gesetzlichen Auftrag entschieden einfordert und als reiches Land auch für die notwendigen Ressourcen in den Schulen sorgt. Lernen ist vor allem Beziehungsarbeit der Kinder untereinander unter der Regie der Lehrkraft. In den Schulen weiß man doch sehr genau, bei welchen Kindern ein besonderer Förderbedarf entstanden ist, und der sollte sinnvollerweise am besten dort angegangen werden, wo die Kinder immer sind – in der Schule.

Im Blickpunkt stehen Alleinerziehende

Besonders im Blickpunkt stehen Alleinerziehende oder Familien aus den niedrigeren Einkommensschichten, denen der Weg zu den Bildungseinrichtungen ohnehin schwerfällt.

Wenn Familien einen geeigneten außerschulischen Bildungsmarkt in ihrer Nähe ausfindig gemacht haben, ergibt sich schon das nächste Problem. Wie und wann soll das Kind dieses Angebot nutzen, wenn die Beförderungsmöglichkeit das erste Hindernis darstellt und wenn die Ganztagsschule das Kind erst gegen 16 Uhr nach Hause entlässt? Fehlen in Familien Bewusstsein oder Interesse am Förderbedarf des Kindes, zielen die außerschulischen Angebote sowieso ins Leere.

Den Ganztagunterricht nutzen

Da bietet es sich doch förmlich an, dass das Nachholprojekt in der Schule in einem von der Pädagogik organisierten Ganztag stattzufinden hat, vielleicht auch an Samstagen oder in den Schulferien. Zahlreiche gut ausgebildete Fachkräfte aus der Lerntherapie warten förmlich darauf, endlich zu sinnvollen Zeiten mit Schüler:innen arbeiten zu können und nicht erst am frühen Abend, wenn das Lernvermögen ohnehin erschöpft ist.

Kritiker vermuten, dass der Online-Unterricht für jüngere Kinder und für Kinder aus benachteiligten Familien eine Überforderung darstellt, weil vor allem der persönliche Kontakt zur Lehrkraft fehlen würde. Hierzu finden sich viele Gegenbeispiele. Die meisten Lehrkräfte haben die Notsituation durchaus erkannt und mit vielfältigen Ideen darauf reagiert. Lehrkräfte sind mittlerweile geübt im Homeschooling, in Videokonferenzen, sie haben Kenntnisse von Lernplattformen. Sie sind bereit, auch am frühen Abend mit Kindern und ihren Eltern zu telefonieren und haben sich gerade bei jüngeren Kindern oder benachteiligten Familien die Mühe der Hausbesuche gemacht. Das verdient große Anerkennung.

Auf unnötige Umwege verzichten

Die Grundschule hat sich mit der Erweiterung in den Ganztagsbereich den Erfordernissen der Zeit gut angepasst und erfährt nun durch die Corona-Pandemie mit dem Einsatz der digitalen Medien einen weiteren Quantensprung in die Moderne. Die überraschend schnell erworbenen digitalen Möglichkeiten haben in den Schulen Einzug gehalten und eine völlig neue Situation geschaffen. Grundschule hat endlich zur Kenntnis nehmen können, dass die digitalen Förderansätze sehr individuelle und positive Anwendungen finden können. Die Grundschule sollte jetzt die Chance erkennen, sich wieder der genuinen Aufgabe zu stellen, allen Kindern die Grundlagen der Kulturtechniken zu vermitteln (Ethos in der Pädagogik), ohne im Stillen auf außerschulische Hilfen zu hoffen. Das würde bedeuten, dass nach einem qualifizierenden Lehramtsstudium viel mehr Fortbildungsmöglichkeiten für Unterrichtende geschaffen werden müssten. In gleichem Maße wie das Bewusstsein für die Kernaufgaben in den Schulen wieder wächst und die Umsetzung den entsprechenden Raum ein-nimmt, sinkt die Bereitschaft, sich Gedanken über einen außerschulischen Nachhilfemarkt zu machen. Es kann dann heißen: Wir können Pädagogik, wir schaffen das in der Schule.

Aus dem an vielen Grundschulen bestehenden Ganztagsbetrieb sollte sich mit der Zeit ein pädagogischer Ganztag entwickeln. Will man den gesetzlichen Bildungsauftrag wirklich umsetzen, muss sich die Schule selbstbewusst auf die Kernkompetenz besinnen, auf den Unterricht. Eine Lese- und Rechtschreibschwäche, ebenso eine Rechenschwäche wie auch andere Lernstörungen sind in erster Linie ein ureigenes Problem der Pädagogik. Gut gemeint sind zwar die Verweise auf außerschulische Lerninstitute, aber dieser Umweg ist eigentlich unnötig, wenn diese qualifizierten Fachleute unterstützend in die Förderpraxis der Schule integriert würden.

Nachteile aus bildungsfernen Elternhäusern ausgleichen

Die Aussage einer Schulrätin zu Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie: „Förderung können wir gut – Therapie gehört nicht in die Schule“; sie unterstellt einen generellen Unterschied, den es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Grundschulen mit einem pädagogischen Ganztag sind in der Lage, mit Lernrückständen, aber auch mit Teilleistungsstörungen wie Legasthenie und Dyskalkulie et cetera eigenverantwortlich umzugehen. Mit gutem Unterricht und Förderunterricht ließen sich auch die Bemühungen um Chancengleichheit und faire Bedingungen für das Lernen verwirklichen, um die Nachteile aus bildungsfernen Elternhäusern auszugleichen.

Die im Februar 2008 veröffentlichte britische McKinsey-Studie bezieht sich auf die Analyse Tausender Schulstudien weltweit und kommt zu dem Ergebnis, dass sich die wenigen herausragenden Schulsysteme der Welt auf drei Dinge konzentrieren: darauf, die richtigen Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen, ständig in deren Fortbildung zu investieren und jedem Kind den bestmöglichen Unterricht zu bieten. Werden die weiteren Erkenntnisse der McKinsey-Studie umgesetzt, in das Coaching neuer Lehrkräfte zu investieren, einen Teil der Gesamtarbeitszeit als Fortbildung auszuweisen und mehr Mittel für die Forschung zur Verbesserung des Unterrichts zur Verfügung zu stellen, sollte sich eine zeitgemäße Bildungslandschaft auch in Deutschland entwickeln lassen.

Multiprofessionelle Kollegien sind die Lösung

Die Corona-Pandemie fordert geradezu heraus, den aktuellen Ist-Zustand in den Grundschulen auf den Prüfstand zu stellen und für zeitgemäße Lernbedingungen zu verändern. Die vielen engagierten Lehrkräfte sollten sich nicht länger durch ausufernde Bürokratie erschöpft fühlen, sondern die Kernaufgaben der Pädagogik autonom umsetzen dürfen.

Die durch die Corona-Pandemie entstandenen Lernverluste lassen sich nur bedingt durch außerschulische Nachhilfemöglichkeiten beheben. Vielmehr brauchen wir ein besseres Unterrichten und Erziehen in einem pädagogischen Ganztag mit einem multiprofessionellen Kollegium. Es gibt Unmengen von guten Lehrkräften und qualifizierten Lerntherapeuten außerhalb von Schule, die das wollen, denen aber die zu Recht geforderten Rahmenbedingungen in der Schule nicht geboten werden. Stellen wir unsere Grundschulen jetzt auf eine zeitgemäße Basis.

Lernexperte Josef Hanel.

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