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Frederick Banting (r.) und sein Mitarbeiter Charles Best mit ihrem berühmten Versuchshund.
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Frederick Banting (r.) und sein Mitarbeiter Charles Best mit ihrem berühmten Versuchshund.

Diabetes

Der erste Patient war ein kleiner Hund

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Vor hundert Jahren gelang zwei Kanadiern die Isolierung von Insulin. Für die Therapie von Diabetes bedeutete das die große Wende.

Zwei Fotografien eines Mannes zieren den Brief, den er am 1. April 1929 in französischer Sprache aus Konstantinopel für Carl von Noorden, den Leiter der „Privatklinik für Zuckerkranke und diätetische Kuren“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, verfasste: Ein Bild zeigt einen ausgemergelten Menschen mit eingefallenen Wangen und schlecht sitzendem Jackett, das um seinen schmalen Oberkörper schlackert. Es stammt aus dem Jahr 1922. Nur noch 54 Kilo habe der junge Mann damals gewogen, „das Vollbild einer Stoffwechselentgleisung“, sagt Ralf Jung, Chefarzt an der Abteilung für Diabetologie des Krankenhauses Sachsenhausen, wie die Klinik in der Frankfurter Schulstraße heute heißt.

Auf dem zweiten Bild, sieben Jahre später aufgenommen, sieht der Verfasser ganz anders aus: Sein Gesicht ist fülliger, er wirkt vital, nichts an seinem Äußeren weist auf eine Krankheit hin. Das Schreiben an Klinikdirektor Carl von Noorden ist ein Dankesbrief. 15 Monate lang war der junge Mann aus dem Nahen Osten wegen seines Diabetes mellitus in Frankfurt behandelt worden. Als einer der ersten behandelten Kranken hatte er 1923 dort Insulin gespritzt bekommen, jenes Hormon, das die von Typ-1-Diabetes befallene Bauchspeicheldrüse nicht mehr bilden kann.

Die meisten Erkrankten lebten nicht mehr lange

Insulin war damals in der Medizin brandneu: Am 27. Juli 1921, vor fast genau einem Jahrhundert, war es den beiden kanadischen Forschern Frederick Banting und Charles Best gelungen, Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden zu isolieren. Diese Leistung stellte den Grundstein für die erste wirksame Therapie von Diabetes dar; Banting und Best erhielten dafür 1923 den Nobelpreis für Medizin. „Auch wenn man Diabetes damit nicht heilen konnte, so ermöglichte die Gabe von Insulin den Patientinnen und Patienten doch fortan ein einigermaßen normales Leben“, sagt Ralf Jung. Das Krankenhaus Sachsenhausen ist aus Carl von Noordens Privatklinik hervorgegangen; bis heute zählt es in Deutschland und Europa zu den wichtigsten Einrichtungen zur stationären Therapie von Diabeteskranken.

Obwohl bereits im 6. Jahrhundert vor Christus der indische Chirurg Sushruta erstmals klebrig-süßen Urin – ein typisches Diabetes-Symptom – bei einem Patienten beschrieb, kannte man bis vor hundert Jahren noch keine wirksame Therapie. Die meisten Erkrankten lebten nicht mehr lange, nachdem ihr Diabetes sich durch Beschwerden bemerkbar gemacht hatte. Eine erste Besserung der Situation gelang Carl von Noorden in Frankfurt. Er entwickelte spezielle, von „Gemüsetagen“ unterbrochene Haferkuren und später die noch heutige gültigen Weißbroteinheiten, mit denen der Kohlehydratgehalt eines Lebensmittels angegeben wird.

Die Krankheit

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, die sich meist vor dem 30. Lebensjahr und oft bereits in der Kindheit entwickelt – aber auch noch im hohen Erwachsenenalter auftreten kann. Bei den Betroffenen greifen Abwehrzellen des Immunsystems die für die Produktion von Insulin zuständigen Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstören sie. Die Folge: Die Bauchspeicheldrüse kann kein oder nur noch wenig Insulin bilden. Es muss deshalb von außen zugeführt werden.

Insulin ist ein Hormon, das die Aufgabe hat, den mit der Nahrung aufgenommenen Zucker aus dem Blut in die Zellen zu bringen, die ihn zur Energiegewinnung benötigen. Fehlt es an Insulin, so bleibt der Zucker im Blut – und es kann zu einer lebensbedrohlichen Stoffwechselentgleisung – einer Ketoazidose – kommen. Langfristig schädigt ein unbehandelter hoher Blutzuckerspiegel Gefäße, Nerven und Organe. Zu den typischen Komplikationen zählen unter anderem der diabetische Fuß, Nieren- oder Netzhautschäden, Schlaganfall und Herzinfarkt.

Symptome eines Typ-1-Diabetes sind häufiger Harndrang, starkes Durstgefühl, Müdigkeit, Gewichtsverlust, trockene Haut, Übelkeit und ein nach Azeton riechender Atem. Allerdings machen sich Symptome häufig erst bemerkbar, wenn bereits ein Großteil der Bauchspeicheldrüsenzellen zerstört ist.

Typ-2-Diabetes entsteht nicht als Folge von Autoimmun-Prozessen, sondern durch Insulinresistenz. Weil die Zellen nicht mehr richtig auf Insulin reagieren, sammelt sich Zucker im Blut an. Anders als bei Typ-1-Diabetes spielen Faktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel eine große Rolle. pam

Doch der echte Durchbruch bei der Therapie kam erst mit dem Insulin. Am 30. Juli 1921 injizierten Banting und Best das Hormon erstmals einem Hund, dem sie zuvor die Bauchspeicheldrüse entfernt hatten. Tatsächlich erreichten sie bei dem Tier eine Senkung des Blutzuckerspiegels um 40 Prozent. Am 23. Januar 2022 dann spritzten sie das Insulin auch erstmals einem Menschen, dem 13-jährigen Leonard Thompson. Der vorher lebensbedrohlich kranke Junge überlebte noch 13 Jahre mit seiner Erkrankung, bevor er an einer Lungenentzündung starb.

Carl von Noorden erfuhr bereits früh von den Erfolgen der beiden Kanadier mit Insulin und setzte es an seiner Frankfurter Klinik als einer der ersten Ärzte in Deutschland ein. „Bis heute ist das Prinzip der Insulinbehandlung gleich geblieben“, erklärt Ralf Jung – auch wenn die Therapie inzwischen stärker an den individuellen Personen angepasst sei und sich auch die Insuline selbst verändert haben.

Diabeteskranke sind heute viel selbständiger

In den ersten Jahrzehnten hätte man vor allem Insulin von Schweinen und Rindern verwendet, berichtet der Internist. 1982 dann wurde das sogenannte gentechnisch hergestellte Humaninsulin eingeführt. Längst gibt auch nicht mehr nur ein Insulin, sondern lang und schnell wirksame, aber auch Mischinsuline, die beide Formen vereinen, sagt Jung.

Vor allem aber sei auch die Behandlung für die Patientinnen und Patienten im Laufe der Zeit angenehmer, flexibler und weniger belastend geworden: „Früher mussten die Spritzen immer wieder ausgekocht werden, das Material war viel grober und hat mehr Schmerzen zugeführt.“ Zudem könnten Diabeteskranke heute viel selbständiger als früher mit ihrer Erkrankung umgehen, in dem sie selbst ihren Blutzucker kontrollieren und die Insulingabe anpassen. „Das Ziel ist, die Patienten mit Schulungen in die Lage zu versetzen, ihre eigenen Diabetologen zu sein.“

Systeme ersparen es Betroffenen, sich selbst pieksen zu müssen

Eine große Hilfe dabei sind neue Techniken: Pumpensysteme etwa geben kontinuierlich über einen kleinen Schlauch und eine kleine Nadel Insulin in Unterhautfettgewebe ab, wie eine Art externe Bauchspeicheldrüse. Für Erleichterung sorgen auch Messsysteme, die den Glukosespiegel unter der Haut bestimmen und dort „sieben bis 14 Tage lang liegen bleiben können“, wie Ralf Jung sagt. Diese Systeme ersparen es den Betroffenen, sich ständig selbst pieksen zu müssen.

Und die Zukunft? „Die Entwicklung geht unter anderem dahin, Kindern mit einer genetischen Disposition für einen Typ-1-Diabetes Insulin zu einem frühen Zeitpunkt oral zu verabreichen, wenn sich die Erkrankung noch nicht manifestiert hat“, erklärt Ralf Jung. Das an eine Desensibilisierung bei Allergien erinnernde Prinzip soll dazu führen, dass sich das Immunsystem an Insulin gewöhnen kann. Aber auch die Technik, ist sich der Diabetologe sicher, werde weitere Fortschritte machen, um den Patientinnen und Patienten das Leben noch mehr zu erleichtern.

Der Knopf im Arm misst den Blutzuckerspiege

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