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Sind Kinder Tyrannen? „Der Alarm ist falsch“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Viele Studien kamen in den vergangenen Jahren zu dem Ergebnis, dass die Jugend eher moralisch und leistungebereit ist. Getty
Manche Autor:innen schreiben die Jugend schlecht. Aber viele Studien kamen in den vergangenen Jahren zu dem Ergebnis, dass die Jugend eher moralisch und leistungebereit ist. Getty © Getty Images

Zwei Erziehungswissenschaftler verteidigen die Jugend gegen „Tyrannen“-Vorwürfe

Herr Miller, Herr Oelkers, in der Öffentlichkeit kann man offenbar mit einem negativen Bild über die jeweilige Kinder- und Jugendgeneration punkten. Buchtitel wie „Wenn Kinder zu Tyrannen werden“ oder „Lob der Disziplin“ sind auf dieser Welle erfolgreich. Trifft das Bild zu, das dort von Kindern und Jugendlichen gezeichnet wird?

Jürgen Oelkers: Nein, in keinem der Fälle. Es handelt sich um pauschale Vorwürfe, die niemand erheben würde, der sich für die Lösungen von Problemen interessiert. Tyrannen muss man stürzen und Disziplin verlangt nach Befehlshabern. Die Frage nach den Gründen, wenn sich Heranwachsende nicht wunschgemäß entwickeln, muss dann nicht gestellt werden. Überdies bleiben Autoren präzise und empirisch gestützte Begründungen schuldig, weshalb sie die jungen Menschen pauschalisierend geringschätzen.

Wie steht es wirklich um die heutige Jugend, wenn man die seriöse Forschung zu Rate zieht?

Damian Miller: Die Shell-Jugendstudien und andere Untersuchungen zeigen seit Jahren, wie gleichermaßen moralisch und leistungsbereit heutige Jugendliche überwiegend sind. Sie richten sich an demokratischen Werten aus, sind ehrgeizig und waren als Kinder weder tyrannisch noch disziplinlos. Wenn sich einige auffällig benehmen, sind sie nicht repräsentativ.

„Besserwissende Stars“

Woher kommt der Erfolg von steilen Thesen wie denen vom dramatischen Zerfall der Heranwachsenden-Generation?

Oelkers: Da werden Einzelfälle zu Tendenzen stilisiert und es wird suggeriert, dass in der Erziehung alles immer schlimmer wird. Das ist seit der Antike ein bewährtes Rezept, mit dem Stimmung gemacht wird für Umkehr und Erneuerung, die dann nie eintritt. Der Alarm ist falsch, aber auch die Einschätzung einer Erziehung, die sich nicht auf medial inszenierten Zuruf ändern wird. Der Wandel der Erziehungskulturen geschieht nicht über Ratgeber oder besserwissende Stars. Entscheidend ist eine überzeugende Praxis, die nachvollziehbar belegt wird.

Besonders populär ist der Kinderpsychiater Michael Winterhoff. Was macht ihn so erfolgreich?

Miller: Er spricht als „Praktiker“ mit einem akademischen Titel, der vorgibt zu wissen, was „die“ liberale Erziehung anrichtet. Komplexe Zusammenhänge erhalten einfache populistische Erklärungen, die allerdings kein seriöser Kinder- und Jugendpsychiater so liefern dürfte. Michael Winterhoffs Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: Die Abschaffung der Kindheit“ erschien im Jahre 2008. Die Generation dieser Kinder engagiert sich seit mehreren Jahren für Umwelt- und Klimaschutz, Menschenrechte für Flüchtlinge und so weiter. Selbstsüchtige und narzisstische Tyrannen machen das nicht.

Zu den Personen

Damian Miller ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen. Er lehrt und forscht zu Bildungsgeschichte und Bildungspolitik. Miller hat zudem mehrere Jahre als Lehrer gearbeitet. pit BIld: privat
Jürgen Oelkers ist emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Seine Schwerpunkte sind die historische Bildungsforschung, -philosophie und Reformpädagogik. pit Bild: privat

Welche Rolle spielen die Medien bei der Popularisierung solcher Stars populärer Jugendkritik?

Oelkers: Sie geben ihnen Raum und ein großes Publikum, das nicht widersprechen kann und sich in seinen Befürchtungen bestätigt fühlen soll. Dabei helfen der Expertenstatus und die Aura des Praktikers. Stars und Medien profitieren gleichsam von hohen Einschaltquoten und Auflagen von Printerzeugnissen.

Woran Eltern verzweifeln können

Was sagt Ihnen das über die Elterngeneration?

Miller: Erziehung ist seit jeher ein unsicheres Geschäft, das Eltern immer anders darstellen müssen, als sie es erleben. Selbst die beste erzieherische Absicht garantiert nicht, dass sie im Sinne der Erziehenden gelingt; dass Eltern daran verzweifeln können, liegt auf der Hand. Ihre Suche nach Entlastung ist daher verständlich, aber die wenigsten Eltern dürften ihre Kinder für Tyrannen halten. Wenn, dann betrifft das die Anderen. Auch Helikoptereltern sind Zuschreibungen und nicht Ausdruck der Selbstsicht. Dass es überbehütende, überehrgeizige oder vernachlässigende Eltern gibt, ist nicht neu, sie betreffen niemals die Mehrheit.

Oft wird eine Vergangenheit heraufbeschworen, in der Kinder angeblich noch erzogen wurden. Ist da etwas dran?

Oelkers: Nichts, zumal nie gesagt wird, wann diese Vergangenheit gewesen sein soll. Nostalgie funktioniert nur, wenn die Vergangenheit selektiv verklärt wird. Rücksicht auf die Bedürfnisse der Kinder ist historisch gesehen eine junge Errungenschaft und Erziehung war viel zu oft das Gegenteil vom dem, was der pädagogischen Wunschwelt zu entnehmen war.

Gebraucht wird tolerante Fehlerkultur

Woher kommt die Sehnsucht nach richtiger Erziehung?

Miller: Niemand kann ja das Gegenteil wollen. In der Erziehung wird alles, was getan oder unterlassen wird, beobachtet: in der Familie, in der Schule sowie in der Öffentlichkeit. Daher wird alles getan, die Erziehung im besten Licht erscheinen zu lassen. Was gebraucht wird, ist eine tolerante Fehlerkultur, die Besserwisser sanktioniert und Alarmisten, die Heranwachsende schmähen, leerlaufen lässt.

(Interview: Pitt von Bebenburg)

Damian Miller. privat
Damian Miller. © privat
Jürgen Oelkers.
Jürgen Oelkers. © privat

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