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„Bass statt Hass“ auf der Unteilbar-Demo.

Gastbeitrag

Demokratiefähigkeit entsteht nicht von allein!

Bildung ist die beste Prävention gegen Rechtspopulismus.

Nicht nur unsere aktuellen Wahlergebnisse zeigen deutlich auf, dass eine Anfälligkeit zu Rechtspopulismus und paternalistisch-autoritärer Staatsführungsprogrammatik nicht zu übersehen sind. Somit stellen sich mehrere Fragen gleichzeitig: Welche Personen und welche gesellschaftlichen Gruppen sind hierfür anfällig? Welche Ursachen und Motive führen zu einer solchen Offenheit für unterkomplexe Handlungsversprechen und welche Bedürfnisse und Interessen werden damit befriedigt? Auf welche Art und Weise wird versucht, anfällige Personen und Gruppen hiervon zu überzeugen? Welche Prozesse politischer Radikalisierung finden hierüber statt? Und welche Angebote müssten entwickelt werden, um präventiv handlungsfähiger zu werden?

Die Breite der für Anfälligkeit offenen Milieus erscheint, angefangen von den AfD-Rechtspopulisten und -Nazis bis hin zu den Erdogan-Bejublern gleichermaßen groß wie auch vielseitig zu sein. Dabei existieren in dem breiten Spektrum ganz verschiedene Orientierungs-, Projektions- und Identifizierungsmuster. Sie reichen von der Identifikation mit autoritären Führungspersonen bis hin zu hasserfüllten Ausgrenzungs- und Ausweisungsphantasien von Flüchtlingen oder Muslimen.

Um mögliche Präventionsmöglichkeiten nachhaltig gestalten zu können, ist ein Blick in die Ursachenforschung des Rechtspopulismus notwendig. Dessen Ursachen entfalten sich vermutlich biografisch frühzeitig, angefangen von individuellen und familiären Grundmustern bis hin zu individuell einwirkenden sozialen und gesellschaftlichen Risikofaktoren. Ihnen gemeinsam scheint einerseits die Ambivalenz aus individueller Ohnmacht und fehlender Selbstwirksamkeitserfahrungen zu sein, mit bestehenden Herausforderungen einer sich rasch wandelnden Gesellschaft umzugehen und andererseits, vermutlich aus dieser Ohnmacht gespeister Wunschphantasien eigener Wirkmächtigkeit.

Diese sowie sozialer Rückhalt und Orientierung werden schließlich in neuen Vergemeinschaftungsformen wie Pegida oder aber alternativ über Projektionen auf autoritäre Staatsführer oder Möchtegernführer a la Björn Höcke, dem thüringischen AfD-Politiker, gesucht. Gemein sind den nach Sicherheit und persönlicher Handlungsmacht Suchenden eigene autoritäre Charakterstrukturen und die Sehnsucht nach autoritär-paternalistischen Lösungsmustern. Weniger vorhanden scheint demokratisch gestütztes eigenes Handlungszutrauen zu sein.

Rainer Kilb ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Mannheim. Er war ehemals Sozialarbeiter in Frankfurt.

Da in unserer interkulturellen und segmentierten Gesellschaft keine einheitlichen, auf demokratische Prinzipien aufbauende familiären Erziehungsvoraussetzungen existieren, müssen wir an anderer Stelle dafür sorgen, dass möglichst biografisch frühzeitig Erfahrungen mit demokratischer Lebensweise gemacht werden können. Dafür infrage kommen die klassischen pädagogischen Institutionen der Kindertagesbetreuung, der Grund- und weiterführenden Schulen sowie der außerschulischen Bildungsangebote. Dort sollte sich demokratisches Handeln erfahrbar erlernen lassen und dadurch später stabilisieren können, um perspektivisch autoritär fixierten Anfälligkeiten vorzubeugen. Interessant ist, dass wir uns hierbei wohl wieder an Konzepten orientieren könnten, die klassischerweise in bisherigen gesellschaftlichen oder politischen Umbruchphasen entstanden sind wie etwa diejenigen aus der Reformära der Weimarer Zeit, der Re-Education durch die US-amerikanischen Besatzungskräfte nach 1945 oder aus der antiautoritären Bewegung nach 1968.

Nicht zufälligerweise wurden damals US-amerikanische Ansätze der Gruppenpädagogik als Lernsettings im neu entstehenden deutschen Erziehungssystem eingeführt, um hierüber von einer bis dahin autoritären Lernorientierung auf eine demokratische umzustellen. Man ging davon aus, dass allein ein neues politisches System nicht ausreichen würde, vom autoritären Charakter auf ein soziales, selbstverantwortliches Subjekt in einer zukünftig offenen demokratischen Gesellschaft hin zu transformieren.

Konzeptionelle Ansätze demokratischen Lernens finden wir reichhaltig, wenn man etwa an John Deweys Ansatz demokratischer Lebensweise oder an Jürgen Habermas‘ Diskursethik denkt. Im Zentrum solcher demokratisch-herrschaftsfreier Lernerfahrungen stehen die individuelle Positionierung im Verhältnis zu anderen, Verständigung und Kooperation, das Aushandeln verschiedener Interessen, Respekt und Umgang mit Andersartigkeit, Konfliktbearbeitung sowie der faire Umgang mit Macht; Prinzipien, die generell tauglich erscheinen, nicht nur demokratiefähiger zu sozialisieren, sondern auch weniger anfällig zu werden gegenüber unterkomplexen und autokratischen Problemlösungsangeboten.

Rainer Kilb ist Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Mannheim. Er war ehemals Sozialarbeiter in Frankfurt.

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