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Delfine geben sich Namen

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Von: Pamela Dörhöfer

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Graupapageien sind sprachbegabt, das ist bekannt. Doch sie plappern nicht alleine nach, einige können auch Wünsche äußern.
Graupapageien sind sprachbegabt, das ist bekannt. Doch sie plappern nicht alleine nach, einige können auch Wünsche äußern. © iStock

Große Tümmler geben sich selbst einen Namen, manche Papageien wissen, was sie sagen. Biologe Mario Ludwig berichtet Erstaunliches über die Kommunikation von Tieren.

Wir Menschen haben leider keinen Einfluss auf unseren Namen, den wir ein Leben lang mit uns herumtragen müssen. Und bestimmt gibt es nicht wenige, die hadern mit dem, was sich die Eltern für sie ausgedacht haben.

Einem Großen Tümmler kann das nicht passieren. Diese Delfine geben sich selbst einen Namen (es sei denn, man wird als Hauptdarsteller einer Fernsehserie auserkoren und „Flipper“ genannt). Herausgefunden haben diese erstaunliche Tatsache schottische Wissenschaftler, der Biologe Mario Ludwig hat sie für sein Buch „Gut gebrüllt! Die Sprache der Tiere“ aufgeschrieben. Darin stellt er die verschiedenen Kommunikationsformen im Tierreich vor und versetzt die Leser ein ums andere Mal in Erstaunen. Dem Naturbuchautor gelingt das ganz leichtfüßig auf eine unterhaltsame Weise, ohne akademischen Jargon und mit einer bilderreichen, leicht verständlichen Sprache. 

Genauso lebhaft kann er auch erzählen von den Erkenntnissen, die er für sein Werk zusammengetragen hat. „Wir Menschen denken oft, Tiere können nicht mithalten bei der Kommunikation“, sagt er: „Das stimmt keineswegs. Tieren gelingt das vielleicht in der Spitze nicht so wie uns, aber in der Breite sind sie toll aufgestellt.“ Schier unglaublich, welche Methoden Lebewesen zur Verfügung stehen, um miteinander zu flirten, zu zeigen, wer wo das Sagen hat, um Artgenossen vor Feinden zu warnen, auf leckeres Fressen hinzuweisen oder den eigenen Willen kundzutun. „Da wird alles Mögliche eingesetzt, Akustik, Optik, Geruch, Körpersprache, Chemie oder auch ein lockendes Kothäufchen wie beim Rotrückensalamander“, sagt Ludwig. Manche Arten haben offenbar sogar auch ein Bewusstsein ihrer selbst und kommunizieren dank dieser Fähigkeit auf eine Weise, wie sie lange Zeit als exklusiv für Homo sapiens galt.

Dass Tiere sich mit Namen „ansprechen“, ist bislang allerdings nur bei Delfinen und bei ihnen auch nur bei der Art „Großer Tümmler“ beobachtet worden. „Sie sind die einzigen Tiere, von denen bekannt ist, dass sie, ebenso wie der Mensch, Informationen über ihre Identität austauschen“, erklärt der Biologe. Und das funktioniert so: Der Name besteht aus einer individuellen Abfolge von Pfeiftönen, die ein Delfin selbst zusammenstellt und mit denen er sich seinen Artgenossen vorstellt. Treffen mehrere Meeressäuger zusammen, die sich nicht kennen, werden zunächst diese „Signaturen“ ausgetauscht, erläutert Ludwig: „Ein bisschen ist das wie bei einer Party, wenn sich fremde Menschen einander vorstellen.“ Doch wie kommen die Großen Tümmler auf ihren Namen? Er entsteht durch „akustisches Lernen“, sagt der Biologe: Bereits die Babys lauschen den Geräuschen in ihrer Umgebung und entwickeln im Laufe der Zeit daraus ihr eigenes, neues Muster. Genau diese Sequenz bilde dann den Namen, „den sie in regelmäßigen Abständen ins Meer hinaus rufen“, über den sie über weite Distanzen auch mit ihrer Familie Kontakt halten können. 

Neben diesen Pfiffen steht Delfinen noch eine ganze Palette weiterer Lautäußerungen zur Verfügung, ergänzt Ludwig: etwa Quietschen, Trillern oder Geschnatter sowie hochfrequente Klicklaute, die außerhalb des menschlichen Hörbereichs liegen. Doch der Biologe hat noch mehr auf Lager, was Menschen erstaunt die Stirn runzeln lässt: Delfine, erklärt er, können sogar Bilder - etwa von Fischschwärmen – mit ihrem hochfrequenten Klangstrahl abscannen – „fast wie bei einer Kamera, die ein Foto macht“.

Auch unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, kommunizieren mit einer Art Zeichensprache – und nicht nur, wenn sie ihnen beigebracht wird, wie es Wissenschaftler bei Menschenaffen in ihrer Obhut mit eindrucksvollen Ergebnissen getan haben. So beobachteten schottische Forscher vor kurzem eine Schimpansengruppe, deren Mitglieder sich mit mindestens 66 unterschiedlichen Zeichen verständigen, erzählt Ludwig. Dass unsere haarigen Schwestern und Brüder nicht reden können wie wir, hat schlicht damit zu tun, dass es an den anatomischen Voraussetzungen am Zungenbein mangelt – und ihnen vermutlich ein Sprachzentrum im Gehirn sowie nach neuesten Erkenntnissen wohl auch ein spezielles Gen fehlt, sagt Ludwig.

Dass Graupapageien begnadete Sprechkünstler sind, ist bekannt – dass einige aber nicht allein sinnlos nachplappern können, dürften nur die wenigsten wissen. Alex, dem einstmals „schlausten Vogel der Welt“, gelang es sogar, seine Wünsche zu äußern. „Wenn er ,Wanna Banana’ _ ich hätte gerne eine Banane – krächzte und eine Nuss angeboten bekam, wiederholte er zunächst seinen Wunsch, bekam er dann erneut nur eine Nuss offeriert, packte er sie mit dem Schnabel und warf sie erbost gegen seinen Betreuer“, erzählt Mario Ludwig. Warum Papageien allerdings überhaupt die menschliche Sprache imitieren, hat einen eher traurigen Grund: Sie sind gesellige Tiere und versuchen so die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen und die fehlende Kommunikation mit ihren Artgenossen zu kompensieren. In Freiheit leben die Vögel in großen Gruppen und kommunizieren über vielfältige Laute miteinander. 

Präriehunde geben Informationen über Pfiffe weiter

Doch es sind keineswegs nur die bekannten Intelligenzbolzen unter den Tieren, die einer eigenen „Sprache“ mächtig sind. Nordamerikanische Präriehunde etwa können potenzielle Feinde, die sich ihren unterirdischen Kolonien nähern, über Pfiffe im Detail beschreiben, wie ein Versuch mit Studenten ergab. Da seien tatsächlich Informationen im Sinne von „dicker Mann im blauen T-Shirt“ vermittelt worden, erzählt Mario Ludwig. 

Krokodilbabys stimmen über Piepslaute vom Ei aus die Schlüpfzeiten miteinander ab, Chamäleons geben über Veränderungen ihrer Farbe Auskunft über ihren Gesundheits- und Gemütszustand, Bienen tauschen tanzend Informationen aus, wo viel Nektar zu holen ist. Ameisen wiederum arbeiten mit Pheromonen, chemischen Botenstoffen, um wichtige Nachrichten zu übermitteln. Bei Angriffen auf das eigene Nest etwa setzen sie bestimmte Duftstoffe frei, um Genossinnen herbeizurufen und das Heim besser verteidigen zu können, erklärt Ludwig. Dabei handele es sich um Gemische von Kohlenwasserstoffen, die aus bestimmten Drüsen, aber auch dem After ausgestoßen werden.

Der After spielt auch bei der Kommunikation von Heringen eine zentrale Rolle: Wie kanadische Forscher entdeckten, pumpen sie gezielt Luft aus ihrer Schwimmblase in ihren Analtrakt und erzeugen dadurch langgezogene, pulsierende Töne in unterschiedlichen Höhen. Mehr als nur ein schnöder Pups: Forscher gehen von einer sozialen Funktion der Flatulenzen aus.

Mario Ludwig hat noch eine Fülle weiterer Beispiele parat. Sogar Dialekte sind verbreitet (die Amsel in Bayern singt anders als in Hamburg), es wird sogar gelogen. Und es ist anzunehmen, dass noch längst nicht alle kommunikativen Fähigkeiten unserer Mitbewohner auf der Erde erforscht sind. Die Vorstellung von der übergeordneten Position des Menschen in der Natur indes, von Homo sapiens, der allen anderen Lebensformen überlegen ist – diese verbreitete Vorstellung kommt nach der Lektüre doch ganz schön ins Wanken.

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