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Die finnischen Wissenschaftsler rechnen damit, dass die Rate der Gewaltverbrechen steigt.

Klimawandel

Das Klima und die Mordrate

  • vonChristian Mihatsch
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Eine Studie aus Finnland zeigt: Warmes Wetter macht Menschen aggressiv.

Das Jahr 2020 ist das Jahr der Wetterrekorde. Der Juli war weltweit der heißeste Monat seit Beginn der Messgeschichte und in Deutschland wurde zum ersten Mal die Marke von 42 Grad geknackt. Derartige Temperaturen können tödlich sein. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass im Jahr 2018 allein in Berlin knapp 500 Menschen wegen der damaligen Hitzewelle gestorben sind. Das sind zwölf Menschen auf 100 000 Berlinerinnen und Berliner. Insbesondere für sehr alte Menschen kann Hitze lebensgefährlich sein. Ursachen für einen hitzebedingten Tod seien Herzkreislaufstörungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Schlaganfälle.

Es gibt allerdings noch eine weitere Todesursache, die bei Hitze gehäuft vorkommt: Mord. Eine Studie aus Südafrika zeigt, dass mit jedem Grad die Mordrate um 1,5 Prozent steigt. Noch schlechter können Finninnen und Finnen mit hohen Temperaturen umgehen. Dort steigt die Mordrate sogar um 1,7 Prozent mit jedem zusätzlichen Grad Celsius.

Hitze macht Menschen aggressiv. Bei Demonstrationen „kommt es öfter zu Gewalt, wenn es wärmer ist“, zeigt etwa eine Studie, die 7000 Demonstrationen in den USA ausgewertet hat. Auch die Zahl der Selbstmorde liegt bei warmem Wetter höher als bei kaltem, wie ein Zwölf-Länder-Vergleich zeigt, der auch asiatische Länder umfasst. Auch für die Mitglieder von Drogenkartellen in Mexiko steigt die Gefahr ihrer Tätigkeit mit der Temperatur.

Der „Appetit für Gewalt“ nehme zu, resümiert eine weitere Studie. Aber auch der einfache Verkehrsteilnehmer sieht sich zusätzlicher Aggressivität ausgesetzt: Es gebe einen „linearen Zusammenhang zwischen Hupen und steigender Temperatur“. Besonders hupfreudig seien Fahrerinnen und Fahrer mit offenem Fenster, zeigt eine Studie aus der US-Großstadt Phoenix in der Sonora-Wüste.

Auch Journalistinnen und Journalisten sind nicht immun gegenüber Hitze. Bei den olympischen Spielen in Peking 2008 wurde die Sprache von US-Journalistinnen und Journalisten analysiert. Mit steigender Hitze und Luftverschmutzung benutzten diese mehr „negative Wörter“. „Die Resultate liefern einen Hinweis, dass die Entscheidungen von Journalist:innen von einer größeren Vielfalt an Faktoren beeinflusst sein könnten, als ursprünglich gedacht.“

Während der Zusammenhang zwischen Temperatur und Aggressivität gut dokumentiert ist, besteht noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Ursache dafür. Vielen Menschen verdirbt warmes Wetter aber offensichtlich die Laune. „Ein Tag mit Temperaturen über 32 Grad (statt 22 Grad) hat einen größeren Effekt auf das Wohlbefinden als geschieden oder verwitwet (im Vergleich zu verheiratet) zu sein“, zeigt ein Artikel aus dem Journal für Glücklichkeitsstudien (Journal of Happiness Studies).

Umgekehrt müsste es uns im Winter am besten gehen: „Niedrige Temperaturen erhöhen die Zufriedenheit und reduzieren Müdigkeit und Stress.“ Ein Grund dafür könnte der Botenstoff Serotonin sein, wie die Studie über die Aggressivität der Finninnen und Finnen zeigt. Dieser Botenstoff reguliert unter anderem den Blutdruck, die Wahrnehmung, den Schlaf und die Temperaturregulierung des Körpers.

Außerdem sorgt Serotonin für gute Laune: Der Stoff fördert ein Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Wieviel Serotonin der Körper produziert, hängt allerdings vom Wetter ab. Im Juli ist die Serotoninproduktion am niedrigsten und im Februar am höchsten.

Vor dem Hintergrund der Klimakrise lässt dies wenig Gutes für die Kriminalitätsstatistik erwarten, warnen die Autorinnen und Autoren der finnischen Studie: „Ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur um zwei Grad, würde die Rate an Gewaltverbrechen in nicht-tropischen Gebieten um mehr als drei Prozent erhöhen, wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben würden.“

Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich, denn bei höheren Temperaturen steigt auch die Gefahr durch Waldbrände und Extremwetterereignisse. Bevor Hurrikan Laura auf Land traf, warnte der US-Wetterdienst vor einer sechs Meter hohen Flutwelle, die „nicht überlebbar“ sei. In diesem Fall ist eine marginal höhere Mordrate wegen Serotoninmangels noch das kleinere Problem.

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