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Hunger: Das größte lösbare Problem der Welt

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Über den Hunger in der Welt wird in den Medien seltener berichtet als über die britischen Royals. Getty
Über den Hunger in der Welt wird in den Medien seltener berichtet als über die britischen Royals. © Getty Images

Etwa 828 Millionen Menschen hungern. Trotzdem nimmt die Öffentlichkeit nur am Rande Notiz davon. Ein Gastbeitrag von Ladislaus Ludescher.

Das Thema ist aktueller denn je: Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat die Zahl der Hungernden infolge von Dürren, Kriegen und Armut weltweit mittlerweile 828 Millionen Menschen erreicht. Generalsekretär António Guterres warnte vor einer beispiellosen Welthungerkrise. Es kündigt sich eine gewaltige Katastrophe an, könnte man denken.

Doch das ist falsch, denn die gewaltige Katastrophe ist schon längst da. Mangelndes öffentliches Interesse verhindert aber eine effektive Lösung des Problems.

Etwa jeder zehnte Mensch auf der Welt hungert. Über zwei Milliarden Menschen leiden unter Mangelernährung. Alle dreizehn Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger, in einem Jahr also fast 2,5 Millionen Kinder. Das Welternährungsprogramm machte deutlich, dass jährlich mehr Menschen an den Folgen des Hungers sterben als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen.

Dass es auch anders geht, zeigen die Erfolge in den vergangenen Jahrzehnten. Zwischen 2003 und 2015 sank die Zahl der Hungernden von fast 950 Millionen Menschen kontinuierlich auf circa 780 Millionen. Das Welternährungsprogramm bezeichnete Hunger als „das größte lösbare Problem der Welt“. Was sichergestellt werden muss, ist aber ein stabiler Geldfluss.

Voraussetzung 1: Ausreichende finanzielle Mittel. Laut dem kanadischen International Institute for Sustainable Development (IISD) werden global jährlich lediglich zwölf Milliarden Dollar zur Hungerbekämpfung ausgegeben. Zusätzliche 14 Milliarden Dollar pro Jahr könnten bis 2030 circa 500 Millionen Menschen aus Hunger und Fehlernährung befreien. Der ehemalige deutsche Bundesentwicklungsminister Gerd Müller, der Hunger als Mord bezeichnete, weil sowohl das Wissen wie auch die Technik zur Verfügung stehen, um alle Menschen auf der Welt zu ernähren, bezifferte die notwendige Summe zur Beendigung des Hungers bis zum Jahr 2030 auf 40 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Die Summe mag hoch erscheinen, verblasst allerdings neben den von dem schwedischen Friedensforschungsinstitut SIPRI auf 1984 Milliarden Dollar geschätzten globalen Militärausgaben im Jahr 2020.

Voraussetzung 2: Der politische wie öffentliche Wille zur Lösung des Problems. Um die erste Voraussetzung zu erfüllen, ist die Erfüllung von Voraussetzung 2 erforderlich. Solange Katastrophenmeldungen wie etwa, dass täglich über 6600 Kinder unter fünf Jahren verhungern, für alltäglich genommen werden und ihren Status als berichtenswerte Nachricht verlieren, wird dieses fundamentale Problem politisch nur als randständig betrachtet und ist im alltäglichen Bewusstseinshorizont der Menschen nicht existent. Solange sich dies nicht ändert, ist kaum zu erwarten, dass sich ein ausreichend großes politisches Aktionspotential herausbildet, um den globalen Hunger entschieden zu bekämpfen. Das Beispiel Klimawandel hat gezeigt, dass signifikante Maßnahmen von politischen Entscheidungsträgern manchmal erst als ultimativ notwendig wahrgenommen werden, nachdem das Thema auch von den Medien immer wieder in den öffentlichen Diskurs eingebracht wird. Mittlerweile haben Politiker, nicht zuletzt durch den hieraus erwachsenen öffentlichen Druck, keine andere Wahl, als sich mit dem Problem zu beschäftigen und Lösungsansätze zu erarbeiten.

Ähnliches gilt es nun für den globalen Hunger zu leisten. Auch dieses Thema müsste eine allgemeine Bekanntheit und Alltagspräsenz erhalten, die bisher leider völlig fehlt. In der ersten Jahreshälfte 2022 entfielen lediglich etwa 0,5 Prozent der Bericht-Sendezeit der „Tagesschau“ auf das Thema Hunger. So beschäftigte sich die wichtigste deutschsprachige Nachrichtensendung in dieser Zeit in etwa 1030 Minuten mit dem Ukraine-Krieg und seinen Folgen, in zirka 287 Minuten mit der Corona-Pandemie und in nur etwa 13 Minuten mit dem globalen Hunger.

Die Vernachlässigung des Themas hat Routine: Die Kernreaktorkatastrophe von Fukushima, die griechische Staatsschuldenkrise und der sogenannte Arabische Frühling dürften den Deutschen noch in Erinnerung sein. Diese Themen dominierten die Auslandsberichterstattung im Jahr 2011. Kaum bekannt dagegen ist, dass im selben Jahr am Horn von Afrika in Somalia fast 260.000 Menschen verhungerten, unter denen die Hälfte Kinder unter fünf Jahren waren. Das Ereignis, das der damalige UN-Flüchtlingskommissar António Guterres als „schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt“ bezeichnete, gehört zu den vergessenen Katastrophen, die im kollektiven Gedächtnis des „Westens“ nicht existent sind, weil hierüber in den Medien kaum berichtet wurde.

Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Literatur- und Kulturbeziehungen sowie die in- und ausländische Medienanalyse.
Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die deutsch-amerikanischen Literatur- und Kulturbeziehungen sowie die in- und ausländische Medienanalyse. © Privat

Eine Langzeitstudie mit dem Titel „Vergessene Welten und blinde Flecken“ hat über 5500 Sendungen der „Tagesschau“ sowie Berichte verschiedener in- und ausländischer Medien untersucht. Die Ergebnisse sind sehr ernüchternd: Der größte Teil des Globalen Südens spielt in der Berichterstattung fast gar keine Rolle. Dass in der „Tagesschau“ in der ersten Jahreshälfte 2022 dem Sport mehr als 13 Mal (!) so viel Zeit eingeräumt wurde wie dem Hungerthema, gibt zu denken. Die Berichte über den Sport waren sogar etwas umfangreicher als über alle Staaten des Globalen Südens zusammen. Obwohl 85 Prozent der Menschen auf der Welt in diesen Ländern leben, entfielen auf sie lediglich etwa sechs Prozent der Gesamtsendezeit.

Selbst über die britischen „Royals“ wurde in der „Tagesschau“ in der ersten Jahreshälfte, also noch vor dem Tod von Königin Elisabeth II., mehr berichtet als über den globalen Hunger. Es erscheint besorgniserregend, wenn die Mitteilung, dass mindestens zehn Millionen Kinder durch eine schwere Dürre am Horn von Afrika vom Hungertod bedroht sind (so Unicef am 25. April 2022), es nicht nur nicht in die Topmeldung des Tages, sondern erst gar nicht in die Sendung schafft.

Wie lange könnte sich die Politik der Lösung „des größten lösbaren Problems“ verweigern, wenn die führenden Medien den globalen Hunger zu ihrem Topthema machen würden? Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Geld uns eine Welt ohne Hunger wert ist, sondern auch wie viel mediale Zeit und Aufmerksamkeit.

Die Studie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ (mit einer Videozusammenfassung und Informationen zu einer Unterschriftenpetition und einer dazugehörigen Ausstellung) ist zu finden unter www.ivr-heidelberg.de

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